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TV-Kritik/Review: 1864
(11.06.2015)

Europäische Serien über historische Ereignisse, die eine Jahreszahl als Titel tragen, sind in jüngster Zeit in Mode. Nach
Wie erzählt man von einem solchen großen Ereignis der eigenen Geschichte? Natürlich, indem man die kleinen, privaten Geschichten darin sucht, die Schicksale normaler, "kleiner" Leute, die sich vor dem Hintergrund der Zeitläufte abspielten. So beginnt die Serie unspektakulär mit der Bauernfamilie Jensen, die ein Stück Land bewirtschaftet, das zu den Ländereien eines Barons gehört. Vater Thøger (Lars Mikkelsen) kehrt verwundet aus dem Schleswig-Holsteinischen Krieg zurück, sein Bein wird nie mehr richtig heilen. Trotzdem nimmt er die harte Arbeit auf dem Hof wieder auf und versucht, seinen beiden Söhnen Peter und Laust ein gerechter Vater zu sein. Auch Didrich, der Sohn des Gutsbesitzers, gespielt von "Borgen - Gefährliche Seilschaften", war im gleichen Krieg, auch er ist verwundet, allerdings an der Seele - er kommt nicht über die Schrecken hinweg, die er dort erlebt hat. Peter und Laust freunden sich mit Inge an, der Tochter des Gutsverwalters, auf die trotz Alters- und Klassenunterschieds auch der zwielichtige Didrich ein Auge geworfen hat.
Als die drei Freunde älter geworden sind, wird aus Freundschaft Liebe, eine Art Menage à trois. Gleichzeitig steht ein neuer Krieg bevor. Die Brüder melden sich zur Armee, am Abend vor ihrem Abzug kommt es zu einer berührenden Abschiedsszene zwischen ihnen und Inge, in die beide verliebt sind. Aber Inge erwidert nur Lausts Gefühle, sie gibt sich ihm hin, ohne dass Peter davon erfährt. Dass es früher oder später zum Konflikt zwischen den Brüdern kommen wird, ist unvermeidlich.
Wie wir es von dänischen Serien gewohnt sind, ist das aber nur einer von zahlreichen parallel laufenden Handlungssträngen. Autor und Regisseur Ole Bornedal macht das ganz große Fass auf und weitet seine Erzählung nach und nach auf immer weitere gesellschaftliche Kreise aus. Da sind historische Persönlichkeiten wie der zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn schwankende Premierminister Monrad (Nicolas Bro erinnert stark an den britischen Schauspieler Timothy Spall), der den als Schwächling geltenden deutschstämmigen König in den Krieg hineinredet. Da gibt es Künstler wie Monrads Vertraute, die Schauspielerin Johanne Louise Heiberg (Sidse Babett Knudsen, die Premierministerin aus "Borgen") oder Hans Christian Andersen. Der preußische Kanzler Bismarck kommt ins Spiel und sogar die britische Queen Victoria. Daneben gibt es noch eine leicht aufgesetzt wirkende Rahmenhandlung in der Gegenwart um eine aufmüpfige Teenagerin, die sich um einen dementen und verwahrlosten Adligen kümmern soll. Deren Bruder ist in Afghanistan gefallen, womit ein Bogen zur historischen Handlung geschlagen ist. Geschichte wiederholt sich und Kriege bringen selten etwas Gutes, so die etwas simple Botschaft dieser Parallelführung.
Aber auch die Absurdität des Krieges wird deutlich, wenn ein reaktivierter alter Hauptmann schon aus Altersschwäche tot vom Pferd fällt, bevor die Schlacht überhaupt begonnen hat, oder ein seniler preußischer Feldmarschall ständig vergisst, ob seine Truppen gerade gegen die Franzosen oder die Dänen kämpfen. Aber ist das nicht eh völlig egal, wie er mit der Weisheit des Trottels seine Vorgesetzten fragt? Und dann sind da immer wieder die hochgestellten Offiziere, die sicher und gemütlich beim Essen sitzen, während die einfachen Soldaten auf dem Feld verrecken. Hinzu kommt in späteren Folgen ein leicht metaphysisches, man könnte auch sagen fantastisches Element, etwa wann die Liebenden über große Entfernungen hinweg miteinander gedanklich zu kommunizieren scheinen oder das Blut, das die Soldaten vergossen haben, wortwörtlich die Fenster des kriegslüsternen Premierministers hinunterläuft.
Etwas zäh wird es hingegen immer dann, wenn der Fokus zu lange auf den historischen Figuren bleibt, wenn eine Szene über Kriegstaktik und politische Intrigen der anderen folgt. So dauert es etwa zu Beginn der dritten Episode mehr als zwanzig Minuten, bevor wir die eigentlichen Hauptfiguren Inge und die beiden Brüder überhaupt zu sehen bekommen - dabei ist ihre Geschichte doch die interessanteste. Wie bei einer Historienserie zu erwarten, sind die Schauwerte beträchtlich, da wallt der Nebel über den Schlachtfeldern, in durchchoreografierten Kampfszenen werden Gliedmaßen abgesäbelt, Komparsen treten zu Hunderten auf und es gibt alleine 160 Sprechrollen. Bemerkenswert auch die Dichte der schauspielerischen Prominenz, die das dänische Fernsehen DR und arte aufgefahren haben. Søren Malling ergänzt das Trio der ehemaligen "Borgen"-Hauptdarsteller als mysteriöser Soldat Johan, Søren Pilmark aus
Ansonsten zeigt "1864" den Machern jener brachialen ZDF-Produktion über den Zweiten Weltkrieg durchaus, wie eine bessere Serie über das Thema Krieg aussehen kann - auch wenn man in Dänemark der Serie ebenfalls historische Ungenauigkeiten vorgeworfen hat. Letztlich ist es eben doch massentaugliches Unterhaltungsfernsehen und kein Bildungsprogramm. Aber immerhin solches, das seine Zuschauer ernst nimmt und ihnen erzählerisch einiges abverlangt. Es gilt weiterhin, dass einige der interessantesten Serien der Gegenwart ausgrechnet aus dem kleinen Dänemark kommen - das damit auf kulturellem Gebiet auch und gerade nach dem einschneidenden Gebietsverlust von 1864 weiterhin Größe beweist.
Dieser Text basiert auf Sichtung der kompletten Serie.
Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: DR/arte
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