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TV-Kritik/Review: Berlin Station

Agentendrama mit fein ausgearbeiteten Charakteren und gutem Gespür für die Kulisse - von Gian-Philip Andreas (17.10.2016)
TV-Kritik/Review: Berlin Station

Berlin Station
Amerikanische Spione im Schatten des Brandenburger Tors: "Berlin Station"

Wenn ein relativ obskurer US-Pay-TV-Sender wie Epix plötzlich im Business der Qualitätsserienhersteller mitmischen möchte, muss er das schon mit einigem Aplomb versuchen - sonst nimmt ja keiner Notiz. Zeitgleich mit der Polit-Comedy "Graves", für die man den 75-jährigen Haudegen Nick Nolte verpflichtete, startet Epix deshalb nun auch noch "Berlin Station", ein zunächst auf zehn Folgen verteiltes, hochkarätig besetztes Spionagedrama über Agenten und Whistleblower mit Schauplatz Berlin. Berlin ist derzeit eine beliebte Wahl fürs Genre: Nach der fünften Staffel von "Homeland" und Steven Spielbergs "Bridge of Spies" ist die deutsche Haupt- und ehemalige Mauerstadt (wieder einmal) dick auf der Agentenlandkarte des audiovisuellen Erzählens verzeichnet; gerade das US-Publikum assoziiert Berlin ohnehin mit düster-eisiger Kalter-Kriegs-Folklore. Passenderweise ließ Epix "Berlin Station" denn auch in der kalten Jahreszeit drehen: Ohne Laub am Baum sieht Beton noch trostloser aus.

Für die Stories über US-Agenten eines Berliner CIA-Außenpostens hat Epix mit Olen Steinhauer einen echten Profi verpflichtet. Der Amerikaner ist einer der renommiertesten neueren Autoren von "Spy Fiction" in der John-le-Carré-Traditionslinie, das Spiel mit Täuschung und Verrat beherrscht er bestens, als Osteuropa-Kenner gilt er obendrein. Ein weiteres Plus dieses ansonsten nicht unbedingt allzu originellen Projektes ist der erlesene Cast: Neben dem charismatischen Richard Armitage, den die meisten als Thorin Eichenschild aus den "Hobbit"-Filmen kennen dürften, spielen noch diverse Charaktermimen der A-Liga mit. Richard Jenkins etwa, im Kino ("Jack Reacher") wie im Fernsehen ("Six Feet Under", "Olive Kitteridge") bewährt, spielt den Chef der titelgebenden CIA-Abteilung, Rhys Ifans ("The Amazing Spider-Man"), Michelle Forbes ("The Killing") und der bewährt grantige Leland Orser (Dr. Dubenko aus "Emergency Room") geben, sehenswert differenziert, Millers Kollegen. Und unter den gar nicht mal so wenigen deutschen Schauspielern in überraschend wichtigen Rollen glänzen etwa - als deutscher Spionageboss im Kohl-trifft-Honecker-Look - der langjährige Schlingensief-Mitstreiter Bernhard Schütz, Mina Tander als Femme Fatale oder der hohlwangige "Ludwig II"-Darsteller Sabin Tambrea, der als spirreliger Gothic-Assassine durch den Viktoriapark schleicht und dabei "Thin White Duke" genannt wird.

Thin White Duke - das war auch mal der Name einer der zahlreichen Bühnen-Identitäten von David Bowie, und dessen chamäleongleiches Spiel mit den Selbstbildern passt bestens in diese Produktion, schon weil Bowie selbst mal ein paar Jahre in Berlin lebte, in den Siebzigern, einer mythischen Zeit, die auch für viele Briten und Amerikaner das Bild von der Stadt prägte. Für Olen Steinhauer gilt das ganz bestimmt. Das sieht man schon am Vorspann der je einstündigen Episoden: Bahnhof Zoo, Oberbaumbrücke, Gedächtniskirche, Fernsehturm, Siegessäule, Brandenburger Tor, Hauptbahnhof, Reichstag, Street Art, U-Bahnen. Schnellen Schnittes wird einmal quer durchs touristische Berlin geskippt, an allen Sehenswürdigkeiten vorbei. Auf der Tonspur ist dazu natürlich Bowie zu hören, dessen Song "Afraid of Americans" unmissverständlich klar macht, dass dies nicht unbedingt eine Serie sein wird, die die dubiosen Umtriebe des amerikanischen Geheimdienstes im Ausland kritiklos feiert.

Stattdessen tun die ersten Folgen sehr viel dafür, um das in der Jetztzeit spielende Geschehen möglichst nah am Zeitgeschehen zu bauen, zu einem Zeitpunkt mithin, an dem der Ruf der amerikanischen Geheimdienste in Deutschland arg gelitten hat, nicht zuletzt durch Leaks über angezapfte Kanzlerinnen-Handys und Abhörskandale. Der Vorspann endet bezeichnenderweise mit Aufnahmen der US-Botschaft, von deren Dach der Lauschangriff ausgeführt worden sein soll.

In der Botschaft befindet sich auch die "Berlin Station" der CIA, wo Chef Steven Frost (Jenkins) alle Hände voll zu tun hat, den Imageschaden zu beheben und seine Untergebenen in Schach zu halten: Die zielstrebige Valerie Edwards etwa (Forbes) wird zur Konkurrentin, Robert Kirsch (Orser) ist ewig unzufrieden, und mit Sekretärin Sandra (Tamlyn Tomita aus "Law & Order: Los Angeles") betrügt er zur Entspannung seine Frau. Das Schlimmste: Ein unbekannter Whistleblower, der sich "Thomas Shaw" nennt, leakt seit einiger Zeit in Edward-Snowden-Manier sensible bis hochnotpeinliche Geheimdienst-Interna. Zuletzt deckte er beispielsweise auf, dass die CIA Maulwürfe in Flüchtlingslagern einschleuste und ein Mitarbeiter des Bundesamts für Verfassungsschutz für die Amerikaner spitzelte.

Hier kommt Dennis Miller (Armitage) ins Spiel, ein in Berlin aufgewachsener CIA-Agent mit schlimmen Kindheitserinnerungen, der an die Spree zurückversetzt und beauftragt wird, "Shaw" zu enttarnen. Dabei erwartet ihn offenbar nichts Gutes, wie die Eröffnungsszene antriggert: Da wird er nämlich von Schüssen niedergestreckt, das Geschehen entfaltet sich als Rückblende. Dass er selbst eventuell noch eine eigene Agenda haben könnte, lässt eine Rückblende anklingen, die ihn im panamaischen Dschungel zeigt, wo er einen USB-Stick aus dem Gebüsch klaubt. In Spionagepausen trifft er sich mit seiner - angeblichen - Cousine (Claudia Michelsen, "Der Turm") und deren Sohn. Ganz sauber wirkt das nicht.

BErlin Station Poster
Das Poster zu "Berlin Station"
Das Vorgeben respektive Verstecken von biografischen Identitäten ist ein gängiger Topos des Agentenfilms. Steinhauer münzt das auch in anderer Hinsicht auf Berlin, eine Stadt, die auch als Zentrum fluider (Sexual-)Identitäten gilt: Während der deutsche Spion Hans Richter (Schütz) ganz selbstverständlich in einer schwulen Partnerschaft lebt, hält US-Spion Hector DeJean (stark: Ifans), ein Weggefährte Millers, seine nächtlichen Streifzüge durch das queere Nachtleben (und seine Gefühle für einen saudischen Informanten) geheim. Dass DeJean ein - genretypisches - Doppelspiel spielt, wird am Ende der Pilotfolge offengelegt. Mit der frühen Enthüllung eines Sachverhalts, den Miller erst noch aufdecken muss, ist klar, dass Steinhauer hier weniger den herkömmlichen Whodunit-Thrill als ein charaktergetriebenes Agentenstück mit melancholischem Subtext im Sinn hat: Die Agenten wirken allesamt desillusioniert, träumen vom Aufhören, wechseln die Seite, jagen einen Whistleblower, der aus anderen Perspektive ein Guter ist. Die Berliner Journalistin, die Shaws Enthüllungen druckt (Victoria Mayer aus "Kommissar Stolberg"), klagt Miller einmal an: "Amerikanische Außenpolitik hat mehr Leute auf dem Gewissen als sämtliche Terroranschläge zusammen!"

Der Tonfall ist also grimmig, das Tempo eher langsam, doch natürlich erfindet Steinhauer das Genre keineswegs neu. Die Plot-Bausteine sind bekannt, mitunter allzu abgegriffen: Miller spioniert Shaws Kurierin (Sylvia Hoeks, "The Best Offer") hinterher, kommt alsbald einem angeblich geläuterten georgischen Islamisten auf die Spur, wird dazwischen selbst observiert und möglicherweise zum Opfer eines falschen Freundes. Die Dialoge der rein deutsch gesprochenen Szenen sind schlicht missglückt, zudem wirken Dekodierungsszenen (mit Tarotkarten und Rätselheften) an den Haaren herbeigezogen. Das Spannende an dieser Serie, das wird schnell klar, ist nicht das Was des Plots, sondern das Wie des Settings.

Und in dem Punkt macht "Berlin Station" viel richtig, schon weil die richtigen Leute dafür engagiert wurden: Neben dem belgischen Kino-Regisseur Roskam ("The Drop") und Tom-Tykwer-Komponist Reinhold Heil war sicher auch Kameramann Hagen Bogdanski (der mit "Das Leben der Anderen" einen der großen neueren Berlin-Filmklassiker fotografierte) dafür verantwortlich, dass der detailverliebte Blick auf den Schauplatz Berlin hier so gut funktioniert. Die Art, wie sich die Serie topografisch und erzählerisch in der Stadt verortet, ist den Versuchen in "Homeland" deutlich überlegen - obgleich sich die Wahl der Schauplätze vor allem an den Insider-Tipps in Lonely-Planet-Reiseführern zu orientieren scheint. Da wird im Weddinger Kiezladen Gemüse eingekauft, in der Kreuzberger Szene-Bar "Möbel Olfe" Kaffee getrunken, im "Maroush" nebenan Falafel gemampft, im Plattenladen "Space Hall" konspiriert, wie sich überhaupt viel rund um das neuerdings von besorgten Boulevardmedien zur No-Go-Area ausgerufenen Kottbusser Tor abspielt. Es geht von der "Monkey Bar" in Charlottenburg über die Aussichtsplattform am Potsdamer Platz bis in Neuköllner Moscheen (wo der Imam auf Deutsch von Liebe spricht), es hagelt Namedropping von Merkel bis Union Berlin, und die Chefspione speisen natürlich im "Borchardt". Warum Miller auf dem Weg vom Alexanderplatz nach Kreuzberg am Reichstag vorbeiradeln muss, bleibt zwar ebenso ungeklärt wie die Frage, warum sich Spione in Berlin-Serien zum klandestinen Meet-and-Greet grundsätzlich in der (streng bewachten) Ex-Abhöranlage auf dem Teufelsberg treffen müssen, oder warum sich ein Whistleblower von Format ausgerechnet die Berliner Zeitung als Publikationspartner suchen sollte. Ansonsten aber dürften selbst Nicht-Berliner mehr von der Stadt mitbekommen als durch so manchen Spree-"Tatort". Ganz unabhängig also von der noch nicht klärbaren Frage, ob die in den ersten Episoden akribisch in Gang gesetzte Spionagegeschichte ausreichend Substanz hat für ganze zehn Folgen, so machen zumindest dieser stadtatmosphärische Unterbau und die erfreulich facettenreich angelegten Rollen Lust darauf, der Serie über die volle Distanz zu folgen.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "Berlin Station".

Meine Wertung: 3.5/5

Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: EPIX


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Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").