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Neue Disney+-Serie blickt hinter die Kulissen der Filmindustrie
Das 'Odd Couple' Trevor Slattery (Sir Ben Kingsley; l.) und Simon Williams (Yahya Adbul-Mateen II) in "Wonder Man"
Photo courtesy of Marvel Television
TV-Kritik/Review: "Wonder Man": Die wohl beste Marvel-Serie, die Marvel-Fans nicht mögen werden/Photo courtesy of Marvel Television

Marvel veröffentlicht die neue Miniserie  "Wonder Man" unter dem Lable Spotlight. Das soll eingeweihten Fans signalisieren, dass die Serie eine weitgehend eigenständige Geschichte erzählt, die nicht in die üblichen großen Handlungsbögen über Welten und Realitäten eingebunden ist. Damit ist auch schon eine der Säulen der Geschichte um den Schauspieler Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II) gesetzt, der mit manischer Besessenheit der Hauptrolle in einer Neuverfilmung seines "Lieblingsfilms" Wonder Man hinterherhechelt: Erzählt wird hier zu 90 Prozent eine Geschichte über das Filmgeschäft im Allgemeinen und über Schauspieler im Speziellen. Fast wirft die Serie auch die Frage auf: Muss das eine Marvel-Geschichte sein?

Freigeschaltet wird "Wonder Man" mit seinen 8 knapp halbstündigen Episoden auf einen Schlag - das lädt einerseits zum Bingen an, ist andererseits auch ein Markenzeichen von Spotlight-Serien (wie  "Echo"), sorgt jedoch auch ein bisschen für Verwirrung. Denn die Episodenlaufzeit legt ein bisschen nahe, dass es sich um ein Comedyformat handeln könnte. Dem ist nicht so, auch wenn ein bisschen Komik mittlerweile zur DNS jeder Superheldengeschichte gehört. Vielmehr zeigen sich die ersten Episoden direkt als lupenreines Drama um Menschen, Träume, selbstzerstörerische Sehnsucht und bisher unerfüllte Hoffnungen -  und der Rest der Geschichte geht darum, wie die Protagonisten versuchen, diese zu realisieren.

Natürlich wollen Disney+ und Marvel, dass im Umfeld des Serienstarts möglichst gar nichts über die Serie und ihre Knackpunkte verraten wird. So muss es hier zunächst dabei bleiben, den Vibe zu beschreiben. Das ist hier vielleicht auch ganz angemessen, denn die Stärken von "Wonder Man" liegen einerseits in den Charakteren, den Schauspielleistungen von Abdul-Mateen und seinem Kollegen Ben Kingsley sowie den zahlreichen (Meta-)Gedanken, die zum Schauspiel und - in geringerem Maße - zur Filmindustrie diskutiert werden. Die eigentliche Handlung bleibt doch eher nebensächlich.

Sieht zunächst nach Superhelden-Mythos aus, ist aber realistisch: Simon (Yahya Abdul-Mateen II) spaziert vor dem 'Chinese Theatre' in Hollywood und auf dem Walk of Fame entlang.
Sieht zunächst nach Superhelden-Mythos aus, ist aber realistisch: Simon (Yahya Abdul-Mateen II) spaziert vor dem 'Chinese Theatre' in Hollywood und auf dem Walk of Fame entlang.Photo courtesy of Marvel Television

Zum Rahmen

Simon Williams ist seit seiner Jugend geradezu besessen von Film, Fernsehen und Schauspiel. Er ist ein wandelndes Lexikon der Filmgeschichte, kennt auch obskurste Rollen von Schauspielkollegen. Eine besondere Liebe hat er zum 80er-Jahre Comic-Film "Wonder Man" - den er mit seinem jung verstorbenen Vater im Kino gesehen hatte. Über diesen "Wonder Man"-Film und seinen Protagonisten erfahren die Zuschauer in Filmausschnitten mit cringen Spezialeffekten nur sehr wenig: Wonder Man ist ein sehr einsamer Superheld, der nur einen wahren Freund hat, für dessen Rettung er im immer wieder präsenten Filmausschnitt bereit ist, in den Tod zu gehen. Damit kann Simon sich identifizieren, er lebt in der stillen Hoffnung, irgendwann auch so einen Freund zu finden.

Simon (Yahya Abdul-Mateen II) in seiner heruntergekommenen Bude.
Simon (Yahya Abdul-Mateen II) in seiner heruntergekommenen Bude. Photo courtesy of Marvel Television

Einstweilen ist Simon total verkopft und steht sich bei seinen Versuchen in Hollywood meist selbst im Weg. Später erfahren wir, dass sein großer Bruder, Versicherungsvertreter Eric (Demetrius Grosse), dem finanziell erfolglosen Schauspieler Simon schon seit Jahren den Lebensunterhalt finanziert. Und auch Martha (Shola Adewusi aus  "Bob ❤ Abishola"), die Mutter der beiden, steckt Simon Geld zu.

Die Handlung beginnt

In einer neuen beruflichen und privaten Krise kreuzt Simon in einer Nachmittagsaufführung von  "Asphalt-Cowboy" den Weg des exzentrischen Kollegen Trevor Slattery (Ben Kingsley). Der in seiner Jugend klassisch ausgebildete Schauspieler verfiel in einem Karriereknick den Drogen und ließ sich schließlich - wie im MCU-Film  "Iron Man 3" nachzuvollziehen ist - als Galionsfigur missbrauchen, indem er in die Rolle des Über-Terroristen Mandarin schlüpfte (Then I took a role posing as an international terrorist to pay my drug and prostitution debts, wie er es an einer Stelle selbst erklärt, als er mal wieder wiedererkannt wird). Durch Slattery erfährt Simon, dass der berühmte, oscarprämierte Regisseur Von Kovak (Zlatko Buric) seinem alten Film "Wonder Man" einen neuen Anlauf geben will.

Simon ist sofort Feuer und Flamme und setzt in seiner manischen Art Himmel und Hölle in Bewegung, um durch seine treue Agentin Janelle Jackson (X Mayo) ein Vorsprechen zu bekommen. Als das nicht fruchtet, weil Simon für die Titelrolle in einem Superheldenfilm einfach nicht bekannt genug ist, trickst er sich eben in die Casting-Session. Dort begegnet er erneut Slattery. Obwohl beide um die selbe Rolle konkurrieren, greift der abgeklärte Veteran dem "Neuling" unter die Arme und coacht ihn zu einem erfolgreichen Vorsprechen. Die Grundlage für eine Odd-Couple-Freundschaft und damit das Rückgrat der Serie ist gelegt: Die blickt im Folgenden auf die Abenteuer von Simon und Trevor.

In einer Mischung irgendwo zwischen  "Entourage" und  "Swingers" (einem frühen Erfolg von "Iron Man"-Regisseur Jon Favreau) beschäftigt sich "Wonder Man" mit den beiden ungleichen Männern. Auf der einen Seite der getriebene Simon, ein Vollblut-Schauspieler, der aber selbst kaum etwas vorzuweisen hat. Auf der anderen Seite Trevor, der schon alles gesehen hat und auch ohne aktuelle Erfolge in seiner Berufung aufgeht. Der aber auch "berühmt-berüchtigt" ist, was sich immer mal wieder in sein Leben und die Handlung drängt - etwa, als jemand alte Drogenschulden eintreiben will. Durch das nun gemeinsam Erlebte wächst schnell eine tiefe Freundschaft.

Simon (Yahya Abdul-Mateen II) mit Ringlicht und Handy-Kamera beim Self-Taping.
Simon (Yahya Abdul-Mateen II) mit Ringlicht und Handy-Kamera beim Self-Taping. Suzanne Tenner / 2025 MARVEL

Parallel bekommen die Zuschauer diverse Facetten des Schauspielerlebens vorgeführt: Vorsprechen in Konkurrenz zu Dutzenden Kollegen; die Notwendigkeit, weiteres eigenes Videomaterial als Bewerbungsmaterialien zur Verfügung zu stellen (seit der Pandemie besonders bei Arbeitgebern beliebt unter dem Begriff "self-taping"), der Umgang von Simons Familienmitgliedern mit dessen mangelndem Erfolg und schließlich Umgang mit dem extrem exzentrischen Regisseur Von Kovak.

Im Kontext von "Wonder Man" ist es kein wirklicher Spoiler anzumerken, dass die Geschichte von einem Schauspieler in der Rolle eines Superhelden handelt, der schließlich selbst mit Superkräften zurechtkommen muss. Dadurch kommt die letzte Handlungsebene ins Spiel. In seiner Situation muss Simon zusätzlich zu allen anderen Belastungen damit klarkommen, dass sogenannte "enhanced humans" (Menschen mit besonderen Kräften) nicht in professionellen Film- und Fernsehproduktionen engagiert werden dürfen - es fallen einfach gewaltige Versicherungskosten wegen möglicher Schäden an. Die Serie widmet eine komplette, sehr eigenwillige Episode dem Hintergrund dieser Regelung - durch die leider auch der komplette Erzählfluss der Miniserie zerrissen wird, was auch den Gesamteindruck "um einen halben Stern" schmälert.

Bittere Realität

An dieser Stelle kommt dann auch endlich mal was mit Superhelden in die Serie, zusammen mit einem fetten Schuss bitterer Realität. Das Department of Damage Control in Gestalt von Agent Cleary (Arian Moayed) hat das "Problem", das zum Wegsperren potentiell gefährlicher "enhanced humans" ein tolles Hochsicherheitsgefängnis gebaut wurde - das nun "unterbelegt" ist. So suchen die Agenten verzweifelt nach "Nachschub" und Agent Cleary versteift sich dabei auf unerklärte Vorgänge um Simon, gegen den er daher Ermittlungen führt. In den USA sind privatwirtschaftlich betriebene Gefängnisse und die Lobby-Arbeit, die sie füllen soll, schon seit Jahrzehnten ein nationales Problem. Das hat zudem mit der zweiten Amtszeit von Präsident Trump und ihrem Kampf gegen undokumentierte Einwanderer eine neue Qualität erreicht, wobei es aktuell zu einem Gutteil auch darum geht, Quoten von verhafteten Verdächtigen zu erfüllen, statt wie proklamiert die Sicherheit der Bevölkerung etwa vor organisierter Kriminalität und Banden zu gewährleisten.

Wie zuvor angesprochen geht es in "Wonder Man" recht meta zu. Das macht in der Regel Spaß und regt auch zu einer Auseinandersetzung an: Marvel-Leute blicken auf Schauspieler, aber auch auf die Filmindustrie allgemein. Neben pointierten Diskussionen unter den schauspielenden Charakteren über ihren Beruf und ihr Selbstverständnis (ihre Berufung) geht es auch um Karriereplanung, finanzielle Absicherung oder Hierarchien am Set. Natürlich dürfen auch Meinungen über Remakes (wie es der Film im Film "Wonder Man" ja ist) oder Sequels nicht fehlen. Ebensowenig wie diverse Easter Eggs und natürlich Schauspieler, die verfremdete Versionen ihrer selbst spielen (worüber Rezensenten aber zum Schweigen verdammt wurden).

Hauptargument für "Wonder Man" sind aber unzweifelhaft die schauspielerischen Leistungen von Yahya Abdul-Mateen II als getriebenem Mann, der sich selbst noch mehr unter Druck setzt, als es sein Umfeld schon tut, und Ben Kingsley in der Rolle des "alten Narren": Der kann hier ebenso in einer "Diskussion unter Kollegen" mit unglaublicher Gravitas ein paar Zeilen Shakespeare zum Besten geben, wie auch ins Plappern verfallen, wenn sein "altes Leben" ihn einholt, und sich schließlich als fürsorglicher Freund zeigen, wenn er Simon dabei hilft, Anspannung und/oder Lampenfieber zu bezwingen.

Um den Kreis zum Anfang zu schließen: Die wesentlichen Inhalte von "Wonder Man" hätte man auch außerhalb des Marvel-Universums erzählen können, etwa indem Simon aus anderen Gründen ungerechtfertigt ins Visier von Strafverfolgungsbehörden gerät. Aber am Ende, so viel sei verraten, braucht es dann halt doch (kurz) noch einen Superhelden...

Meine Wertung: 4/5

Die Miniserie "Wonder Man" wird auf Disney+ in Deutschland mit allen acht Episoden am 28. Januar um 3.00 Uhr morgens veröffentlicht.



 

Über den Autor

Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von "The Americans" über "Arrow" bis "The Big Bang Theory". Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von TV Wunschliste.

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Leserkommentare

  • jan-x schrieb am 01.02.2026, 20.48 Uhr:
    Bizarre Serie, aber dennoch ganz anders, als man es vermutet und gegen Ende richtig genial. Hätte ich so nicht erwartet und es ist 1000 mal besser, als wenn es eine normale Superhelden-Serie gewesen wäre. Davon kann gerne noch mehr kommen.
  • Greebo78 schrieb am 30.01.2026, 22.09 Uhr:
    Als Serie übers Filmbusiness toll. Als Superheldenserie, trotz der großartigen Darsteller, extrem langweilig.
  • desperado591 schrieb am 30.01.2026, 17.21 Uhr:
    Habe jetzt die ersten 6 Folgen gesehen - größtenteils stinklangweilig! Da helfen auch die tollen Schauspielerleistungen nicht drüber hinweg.
  • Hazel-Ra schrieb am 30.01.2026, 14.58 Uhr:
    Marvel Fans nicht mögen? Ich mag Marvel. Ich könnte mir vorstellen, dass ich diesen Inhalt dennoch mag. Aber: Bisher scheint mir, als seien alle wesentlichen Protagonisten Männer. Das spricht mich nicht an. Ich sehe sicher rein, wenn es tatsächlich ein reines Männer-Drama ist, wird es aber wohl nur ein kurzer Blick sein.
  • S-Markt schrieb am 29.01.2026, 12.50 Uhr:
    hab angefangen. hat spaß gemacht. der held ist sympathisch freundlich, benimbt sich aber wie ein idiot. deutliches fremdschäm potential, das ich eigentlich verachte, weil menschen bloß gestellt werden. hier funktioniert es aber, weil er auch mit einer gewissen bauernschläue durchs leben geht.
  • SerienFan_92 schrieb am 27.01.2026, 23.45 Uhr:
    Über die vielen positiven Kritiken freue ich mich.

    Bisher hatte ich die Serie nicht so ernst genommen.

    Nun werde ich sie mir aber auf jeden Fall mal ansehen.
  • Flapwazzle schrieb am 27.01.2026, 21.26 Uhr:
    "Die wohl beste Marvel-Serie, die Marvel-Fans nicht mögen werden"
    Dann ist das wohl eine Serie für mich, da ich nach Avengers: Infinity War bei Marvel ausgestiegen bin. Das war damals für mich ein guter Abschluss: Thanos hatte gewonnen. Seitdem habe ich Marvel nicht vermisst.
    Hinzu kommt, dass ich Trevor Slattery (Ben Kingsley) in Iron Man 3 erfrischend anders abseits aller Schurken fand und deshalb kann das schon für mich erneut gut funktionieren.
  • SerienFan_92 schrieb am 27.01.2026, 23.47 Uhr:
    Ben Kingsley war auch im "Shang-Chi"-Film dabei.

    Für mich eines der Highlights des Films.

    Daher freue ich mich, Ihn nun wiederzusehen.
  • Beitrag entfernt
    Beitrag vom Autor entfernt.
  • Phantomias schrieb am 30.01.2026, 07.01 Uhr:
    Weil es bei Figuren, deren Herkunft für die Handlung irrelevant ist, völlig egal ist. Stören tut das nur diejenigen, die sich an so was hochziehen, weil sie sonst keinen Spaß im Leben haben.
    Alle anderen interessiert nur, ob der gewählte Darsteller die Rolle gut ausfüllen kann.
  • EricTheActor schrieb am 27.01.2026, 21.32 Uhr:
    Das wird in Comicbüchern schon immer so gemacht.  Würdest du welche lesen, wüsstest du das vermutlich auch.
  • Torsten S schrieb am 27.01.2026, 17.14 Uhr:
    Stimmt! Interessiert mich nämlich NULL!
  • SerienFan_92 schrieb am 27.01.2026, 23.49 Uhr:
    Dann guck es halt nicht.

    Aber dann lass doch auch deine Kommentare hier...