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TV-Kritik/Review: Better Call Saul

Prequel zum Serienhit "Breaking Bad" mit Bob Odenkirk - von Gian-Philip Andreas (23.02.2015)
TV-Kritik/Review: Better Call Saul

Better Call Saul
Saul Goodman alias Jimmy McGill als erfolgloser Pflichtverteidiger, sechs Jahre vor dem Zusammentreffen mit Walter White.

Seit "Breaking Bad"-Schöpfer Vince Gilligan im Frühjahr 2013 verlauten ließ, er plane um die schillernde (Neben-)Figur des Anwalts Saul Goodman ein Spin-Off seiner nach fünf Staffeln eingestampften Erfolgsserie, pendelt die Gefühlslage der Fans zwischen Hoffen und Bangen: einerseits die Freude darüber, weitere, unverhoffte Einblicke in ein liebgewonnenes Universum bekommen zu dürfen, andererseits die Furcht vor großer Enttäuschung: Was, wenn das, was da kommen mochte, keine Schnitte hätte gegen den Mythos des Originals? Wenn es ein bloßer Abklatsch würde? Und überhaupt: Kann sich Saul Goodman, gespielt von Bob Odenkirk und in "Breaking Bad", dieser finsteren Tragödie eines sich zum Drug Lord wandelnden Chemielehrers, vor allem als Comic Relief eingesetzt, kann sich also dieser Saul als Protagonist ernsthaft messen lassen an Mr. Walter White, dieser so immens prägenden Figur der TV-Serien-Geschichte?

Anders gefragt: Muss er das überhaupt? Die ersten Folgen von "Better Call Saul" (erneut für den Privatsender AMC produziert) sorgen für Erleichterung. Gilligan, der hier zusammen mit dem langjährigen "Breaking Bad"-Mitstreiter Peter Gould die künstlerische Leitung innehat, traf genau die richtigen Entscheidungen, um einerseits nicht in die Aufgussfalle zu tappen und andererseits sicherzustellen, dass sich Fans sofort zu Hause fühlen. "Better Call Saul" ist zwar komischer, leichter als "Breaking Bad", verfolgt aber denselben ästhetischen Ansatz: großartige, kinoreife Bilder, eine Inszenierung, die auf ungewöhnliche Lösungen setzt, und vor allem eine epische Dramaturgie, die in großen zeitlichen Bögen denkt. Bei der brillanten Pilotepisode führte Gilligan selbst Regie, danach übernahmen in Inszenierung und Buch "Breaking Bad"-Veteranen wie Michelle MacLaren und Thomas Schnauz.

Dass es Gilligan und Gould (der Sauls Figur in der achten Episode der zweiten Staffel von "Breaking Bad" einführte) in diesem als Prequel gedachten Spin-Off nicht darum geht, nur "mehr Saul Goodman" in seiner Inkarnation aus der Mutterserie aufzutischen, wird schnell deutlich. Denn Saul Goodman ist hier noch nicht der Saul, den wir kennen, bzw. er ist es nicht mehr: Die ersten Szenen knüpfen zunächst an das Ende von "Breaking Bad" an. Wir erinnern uns: In der vorletzten Episode der Mutterserie ließ sich Goodman mit neuer Identität nach Nebraska absetzen. Dort, in Omaha, lebt er jetzt. In wunderschönen Schwarzweiß-Bildern und ohne Dialog inszeniert Gilligan Goodman, der jetzt "Gene" heißt, als schnauzbärtigen Angestellten einer "Cinnabon"-Filiale, die in einer Shopping Mall Zimtschnecken und Quarkbällchen feilbietet. Mit schütterem Haar und düsterer Miene fuhrwerkt der einst so aufgedrehte Winkeladvokat an den Teigrührmaschinen herum, abends sitzt er einsam vor dem Fernseher und schaut sich auf alten VHS-Videokassetten die Goodman-Werbespots von früher an: Es ist ein tief trauriger Blick auf ein vergangenes Leben. Bob Odenkirk, der als Comedian bekannt wurde, hat zuletzt mit der (ebenso schnauzbärtigen) Rolle des trostlos inkompetenten Sheriffs Bill Oswalt in "Fargo" an schauspielerischer Tiefe gewonnen, und ein wenig schwingt in diesen ersten "Better Call Saul"-Szenen von dieser Hilflosigkeit mit: Aus Saul Goodman ist ein gebrochener, auch paranoider Mann geworden.

Better Call Saul
Jonathan Banks als Mike Ehrmantraut - hier noch als Parkplatzwächter.
Dann folgt der Switch von Schwarzweiß auf Farbe: Das eigentliche Prequel beginnt. Ob und wann auf den "Gene" der Jetztzeit zurückgekommen wird, bleibt erst einmal offen. Zunächst geht es um die genau entgegengesetzte Geschichte, denn erzählt wird, wie Saul Goodman überhaupt zu Saul Goodman wurde. Schauplatz ist, wie in der Mutterserie, Albuquerque, ungefähr sechs Jahre vor den Ereignissen von "Breaking Bad" (was Fans zu der spekulativen Annahme veranlassen könnte, dass nach ungefähr sechs Staffeln an diese angedockt werden könnte...). Saul heißt damals noch Jimmy McGill, sein späterer beruflicher Erfolg ist nicht abzusehen: Statt in dem geschmacklos pompösen Büro späterer Tage haust er im klammen Hinterraum eines vietnamesischen Beautysalons, wo sich die Mahnungen türmen. Statt in TV-Spots bewirbt er seine Dienste lediglich auf Streichholzschachteln. Klienten gibt es praktisch keine, eher wirbt er selbst um welche, mit so fragwürdigen wie erfolglosen Methoden.

Wie Jimmy seine Tage als erfolgloser Pflichtverteidiger fristet, zeigt Gilligan später in einer brillanten Montagesequenz und gleich zu Beginn in einer pointierten Szene: Da versucht Jimmy eine Jury wortreich von der Unschuld dreier halbstarker Delinquenten zu überzeugen, bevor dann der Staatsanwalt, ohne selbst ein einziges Wort zu sagen, einfach nur ein Selfie-Video abspielt, auf dem die Untat der Angeklagten zu besichtigen ist: Im Suff zersägen sie im Obduktionssaal eines Krankenhauses eine Leiche, um anschließend deren Schädel zu penetrieren. Fall abgeschlossen, Jimmy verliert.

In dieser Szene, die sich in einem trostlos fahl beleuchteten Gerichtssaal abspielt, lässt sich viel von dem wiedererkennen, was "Breaking Bad" groß gemacht hat: das Interesse für Details, im Bild, in den Geräuschen, im Spiel der Statisten, in den ungewöhnlichen Weitwinkelaufnahmen, im Blick auf das Groteske im Profanen. Doch "Better Call Saul" geht auch neue Wege: Jimmy ist hier längst noch nicht so selbstbewusst wie jener Saul, den wir aus der Mutterserie kennen. Das sieht man schon daran, wie er auf dem Gerichtsklo nervös seine Plädoyers probt, aber auch an seinem Underdog-Status im Beziehungsgeflecht, das die Serie entwirft: Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean, "This is Spinal Tap") ist Mitgründer eines erfolgreichen Anwaltsbüros namens Hamlin Hamlin McGill, hat sich vor einiger Zeit aber als Einsiedler in sein Haus zurückgezogen im Glauben daran, an "Elektrosensibilität" zu leiden. Gespräche mit ihm können nur im Gaslampenschein stattfinden. Chucks Geschäftspartner Howard (Patrick Fabian, "Der letzte Exorzist") will den offenbar geistig Verwirrten loswerden. Später wird einmal zurückgeblendet in eine Zeit, als Jimmy im Knast saß und Chuck ihn raushauen musste: Das Bruderverhältnis dürfte im Lauf der Serie weiter ausgelotet werden.

Doch jetzt, während Jimmy in seinem gelben Schrott-Suzuki durch die Straßen von Albuquerque kurvt und sich mit Hilfe zweier trotteliger Skateboardfahrer daran macht, zwei korrupte Stadtkämmerer per Erpressung zu Klienten zu machen, stolpert er unversehens in gefährliche Angelegenheiten: Bereits am Ende der Pilotfolge schaut er in den Pistolenlauf von Brutalo-Ganove Tuco Salamanca (Raymond Cruz). Eine schöne Idee: Hier treffen zwei "Breaking Bad"-Figuren aufeinander, die in der Mutterserie gar nichts miteinander zu tun hatten. Unversehens kommt es schon in der zweiten Episode zu einem Stand-Off in der Wüste von New Mexico, der optisch direkt aus "Breaking Bad" importiert zu sein scheint, im Tonfall aber (trotz knackender Knochen) wesentlich anders, nämlich beinahe albern daherkommt. In dieser Szene argumentiert sich Jimmy in bester Anwaltsmanier aus den Fängen Tucos heraus und schafft es dann sogar noch (obwohl er das nicht müsste), das sichere Todesurteil gegen die beiden Skateboarder auf ein bloßes Beinebrechen herunterzuhandeln: "Ich bin wirklich der beste Anwalt!", stellt er danach fast erstaunt fest. Die Szene demonstriert Jimmys Talent im anwaltlichen negotiating und zeigt auch: Er hat ein Herz. Er hätte die Kleinganoven ja auch ihrem Schicksal überantworten können. So aber wandelt sich Saul zu einer Identifikationsfigur, mit der man auch über längere Distanz mitfiebern kann.

Über den Fall der beiden Stadtkämmerer werden in der dritten Episode weitere Hauptfiguren näher eingeführt: Howards Kollegin Kim Wexler (Rhea Seehorn, bekannt aus der Sitcom "Alex und Whitney - Sex ohne Ehe"), die mal was mit Jimmy hatte und für ihn jetzt als eine Art Informantin in der Anwaltsfirma des in Ungnade gefallenen Bruders fungiert; Tucos Komplize Nacho (Michael Mando, "Orphan Black"), der sein eigenes Ding drehen will; und, ta-taa, niemand Geringeres als Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks), Sauls späterer Privatdetektiv, eine weitere "Breaking Bad"-Legende, die hier allerdings noch kreuzworträtsellösend als knarziger Parkplatzwächter arbeitet. Natürlich knallt es zwischen den beiden: der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Kurzum: Die ersten Episoden von "Better Call Saul" dürften auch Skeptiker davon überzeugen, dass hier eine Serie vom Stapel rollt, die niemals Gefahr läuft, ein bloßes Anhängsel zu sein, von etwas Größerem, Sakrosankten. Das Gegenteil ist der Fall: In vielen Aspekten ist sie "Breaking Bad" vom Start weg ebenbürtig. Der kommentierende Einsatz von Retro-Musik zum Beispiel ist ein Vergnügen, vom Nebraska-Opening zu "Address Unknown" von den Ink Spots bis zu einer wunderbaren Plansequenz zu Bobby Bares "Find Out What's Happening". Oder der Running Gag, dass Jimmy ständig in Filmzitaten redet - und zwar grundsätzlich im falschen Moment. Oder die optisch brillant in Szene gesetzten Schauplätze - zwischen Wüste und Skaterpark, Wohngebiet und Nagelstudio. Keine Frage: "Better Call Saul" findet überraschend schnell zu sich selbst.

Meine Wertung: 4.5/5

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von "Better Call Saul".


Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: AMC


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Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").