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TV-Kritik/Review: Narcos

Netflix-Drama über Drogenboss Pablo Escobar - von Gian-Philip Andreas (24.08.2015)
TV-Kritik/Review: Narcos

Narcos
König nicht nur des kolumbianischen Drogenhandels: Pablo Escobar (Wagner Moura)

Pablo Escobar war ein freundlich aussehender, stämmiger Mann mit markantem Schnauzbart. Und er war der berüchtigste Drogenboss aller Zeiten. So reich wie der kolumbianische "King of Cocaine" war wohl kein Gangster vor und nach ihm. Gigantische Mengen "Blow" ließ er in den Achtzigern in die USA schmuggeln, und wenn die Cops aus "Miami Vice" damals den Dealern hinterherjagten, hatten sie es mit Escobars Distributionssystem zu tun. Escobars Leben endete 1993 auf dem Dach eines Gebäudes in Medellín, seiner Geburtsstadt, Gründungsort des notorischen "Medellín-Kartells". Bis heute hält sich das Gerücht, nicht die Polizei habe ihn schlussendlich erwischt, sondern er habe sich - ganz "Ehrenmann" - selbst das Licht ausgelöscht. Nach Escobars Tod wurde das organisierte Drogengeschäft zunächst vom rivalisierenden Cali-Kartell kontrolliert, später wanderte es dann nach Mexiko ab, wo es heute noch für Schrecken sorgt. Doch kein Drug Lord ist jemals wieder so berühmt geworden wie Escobar, dessen Hacienda über dem Río Magdalena (mit eigener Stierkampfarena) mindestens so überkandidelt angelegt war wie Michael Jacksons Neverland-Ranch.

Kein Wunder also, dass sich allerorten die Vorfreude anknipste, als letztes Jahr ruchbar wurde, dass Netflix eine zehnteilige Serie über Escobar plant - ausgeheckt und inszeniert von José Padilha, jenem brasilianischen Regisseur, der mit dem ebenso ruppigen wie halbdokumentarischen Favela-Cop-Thriller "Tropa de Elite" bekannt wurde. Vieles schien da ideal zusammenzupassen: die Geschichte um einen überlebensgroßen Großganoven, wie sie Serienfans nicht erst seit Walter Whites Aufstieg in "Breaking Bad" schätzen, ein Plot um Macht, Verrat und Intrigen, wie ihn Netflix in "House of Cards" so brillant auf den neuesten Stand brachte, dazu noch der Authentizität versprechende Inszenierungsstil Padilhas - mit der Handkamera rein ins Getümmel, wo Kolumbianer Spanisch sprechen und auch amerikanische Zuschauer Untertitel lesen müssen. Den ersten zwei Episoden nach zu urteilen, die der Presse in einem Screening in Berlin vorab gezeigt wurden, geht diese Kombi tatsächlich auf.

Natürlich ist Escobar keine neue Film- und Serienfigur. Gerade erst war "Snatch"-Star Benicio del Toro im Kinofilm "Paradise Lost" in der Rolle zu sehen, im Johnny Depp-Film "Blow" tauchte Escobar schon 2001 auf. In Kolumbien selbst wurden zwei sehr erfolgreiche Serien über den Kokainkönig gedreht, eine Telenovela und eine etwas ambitioniertere Soap mit weit über 100 Episoden. Auch Oliver Stone hat immer noch ein Escobar-Projekt in der Pipeline, doch im nächsten Jahr kommt erst einmal "The Infiltrator" in die Kinos, ein Thriller, in dem Bryan Cranston (ausgerechnet!) einen Spitzel im Escobar-System spielt. Ohne Frage: Die Escobar-Story fasziniert.

Wie geht Padilha nun in "Narcos" (so werden lateinamerikanische Drogenhändler bezeichnet) an das längst historisch gewordene Thema heran? Er tut es in guter, alter, multiperspektivischer Qualitätsserienmanier, vergleichbar mit der dramaturgischen Kippfigur, die Steven Soderbergh vor 15 Jahren in seinem oscarprämierten Kinofilm "Traffic" anlegte. Es gibt historische Figuren in "Narcos" und solche, die echten Vorbildern fiktiv nachgebildet wurden. Die Handlung springt hin und her zwischen Escobar, weiteren Figuren aus dem Umfeld des Medellín-Kartells und zwei Ermittlern der US-Drogenvollzugsbehörde DEA, die sich im Kolumbien der Achtziger daran machen, das Kartell hochzunehmen. Einer der beiden Drogencops, der blonde All-American-Guy Steve Murphy (als Don Johnson von heute: Boyd Holbrook), fungiert dabei auch als Off-Erzähler.

Im leider etwas zu obercoolen "Hardboiled"-Stil alter Film-Noir-Kommissare führt Murphy durchs Geschehen, erzählt er von alten Haschdealer-Zeiten in den Siebzigern, von der Koks-Schwemme in den Achtzigern und davon, wie schwer die Grenze zwischen Gut und Böse zu ziehen sei. Was kein Wunder ist in einem Jahrzehnt, in dem Nancy Reagan in ihrem legendär hilflosen "Just Say No"-Fernsehspot vom Drogenkonsum abriet, obgleich die US-Regierung mit der Unterstützung des chilenischen Diktators Pinochet mitverantwortlich dafür war, dass der Kokainhandel von Chile nach Kolumbien umsiedelte und dort erst richtig groß wurde. Den zweiten Ermittler, den Mexikaner Javier Pena, spielt der Chilene Pedro Pascal, dessen darstellerisches Charisma spätestens seit seiner Gala-Vorstellung als Oberyn Martell in der vierten "Game of Thrones"-Staffel bekannt sein sollte. Pena ist 1981 bereits vor Ort, während Murphy in der Pilotfolge samt Gattin Connie (Joanna Christie) erst nach Kolumbien einreist. Das Sagen hat vor Ort sowieso der zwielichtige Colonel Carillo (gespielt von Maurice Compte, Don Eladios Chef-Killer aus "Breaking Bad"). Murphy nimmt die Reiseleiterfunktion für uns Zuschauer ein - er ist derjenige, der uns das chaotische Kolumbien der Achtziger erklärt, ein Land, dessen Hauptstadt Bogotá damals als gefährlichste Metropole der Welt galt.

Narcos
Elisa (Ana de la Reguera) kämpft für die linke M19-Bewegung
Die Pilotepisode konzentriert sich allerdings noch weniger auf die Ermittler als auf Escobar selbst. Diese zentrale Rolle hat José Padilha mit seinem Lieblingsdarsteller Wagner Moura besetzt, dem Cop aus "Tropa de Elite". Das ist eine durchaus ungewöhnliche Wahl, schließlich musste der athletische Brasilianer, der zuletzt im Sci-Fi-Thriller "Elysium" und in der schwulen Romanze "Praia do Futuro" zu sehen war, für die Rolle nicht nur 25 Kilo Fett zulegen, sondern auch noch Spanisch lernen. Die Sache geht jedoch bestens auf: Als aufstrebender Schmuggler im Hawaiihemd strahlt er schon in den ersten, noch in den 1970er Jahren spielenden Szenen ebenso viel Jovialität wie Autorität aus, wenn er ein paar Ordnungshütern seine Verhandlungsmaxime verdeutlicht: "plata o plomo", Silber oder Blei, Korruption oder Exekution.

Mit annähernd dokumentarischer Akribie zeichnet Padilha den Aufstieg Escobars nach. Man lernt die behelfsmäßigen Dschungellabore in den peruanischen Bergen kennen, wo aus der Cocapflanze Paste hergestellt wird und Escobar sofort die riesigen Gewinnmargen klarwerden, die mit dem Schmuggel des daraus gewonnenen weißen Pulvers in die USA zu erzielen wären. Die Labore werden nach Medellín verlegt, und bald schon gelangt der "Schnee" über die Karibik, versteckt unter Bootsverschalungen oder in den Bäuchen schwangerer Frauen. Wer Escobar dabei stört, muss dran glauben: "Cockroach" etwa, ein Schmugglerkollege, der ihn überhaupt erst auf die Idee mit dem Kokainschmuggel brachte, dann aber zu viele Prozente wollte.

Am Ende der Pilotepisode ist Escobar als Drug Lord etabliert. Die zweite Folge stellt die Ermittler in den Mittelpunkt, aber auch die Entführung der Drogenboss-Schwester Maria Ochoa. Das Kidnapping durch die linken Guerrillas der "M-19" bewegte Escobar und seine Kartell-Genossen (darunter als ausgesucht fieser Gonzalo Gacha: Luiz Guzmán, das knautschigste Latino-Gesicht des US-Kinos) zur Gründung eines paramilitärischen Verteidigungsbündnisses. Sehenswert ist dabei das künftige Bond-Girl Stephanie Sigman ("The Bridge - America") als Journalistin Valeria, die ihren Geliebten Escobar später mit griffigen PR-Maßnahmen in einen Volkshelden verwandeln wird, einen Robin Hood, der Präsident werden möchte, der Häuser an die Armen verschenkt und von einem Teil der kolumbianischen Bevölkerung auch heute noch verehrt wird. Valerias reales Vorbild, die Autorin Valeria Vallejo, ist eine der Hauptzeugen aus dem inneren Zirkel des Medellín-Kartells.

Schwerpunkt und Tempo der ersten zwei Episoden unterscheiden sich sehr, doch einen starken Sog entwickeln sie beide. Padilha schneidet immer wieder zeitgenössische Nachrichtensendungen in die Handlung hinein, was der Authentizität sehr zuträglich ist. Auch die Tatsache, dass weite Teile der Serie in spanischer Sprache gedreht wurden, versetzt uns Zuschauer mitten hinein in die lateinamerikanischen Achtziger. Zum Glück vermittelt sich dabei zu keiner Zeit das Gefühl, dass es hier bloß um die Hatz zweier heldenhafter US-Cops auf einen verschlagenen Latino-Endboss gehen könnte. Denn auch die Ermittler operieren nicht selten im Graubereich.

Obwohl das Ende bekannt ist, darf man also gespannt darauf sein, wie Padilha die großen Wegmarken aus Escobars Biografie in seinen Plot einbaut, die Stürmung des Justizgebäudes von Bogot? 1985 zum Beispiel, seine Zeit im selbst errichteten Luxusknast, oder Escobars die ganze Nation terrorisierenden Bomben-Krieg gegen den kolumbianischen Staat. Stoff genug wäre das für weit mehr als zehn Episoden. Aber da die Macher derzeit öffentlich auf grünes Licht für weitere Folgen hoffen, ist davon auszugehen, das zumindest die erste Staffel noch nicht mit Escobars Tod enden wird.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie.

Meine Wertung: 4/5

Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: Daniel Daza / Netflix


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Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").