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TV-Kritik/Review: "Lanterns": True Detectives auf Alienjagd

HBO-Serie mit Kyle Chandler und Aaron Pierre wuchtet das DC Universe auf Qualitätsserienniveau
Zwei Laternen tanken Super: John Stewart (Aaron Pierre, l.) und Hal Jordan (Kyle Chandler) ermitteln in den Bars der Provinz.
HBO
TV-Kritik/Review: "Lanterns": True Detectives auf Alienjagd/HBO

"Green Lantern"-Superhelden bevölkern die Comics von DC seit 1940 - doch anders als Super- oder Batman steht die große Karriere auf der Leinwand und/oder dem Bildschirm noch aus. Jetzt befreit das neu aufgestellte DC Universe den spektakelsatten Stoff um intergalaktische Strafverfolgung von seinem Sci-Fi-Ballast und setzt ihn stattdessen als wuchtige HBO-Serie neu aufs Gleis:  "Lanterns" ist Procedural-Thriller, Buddy-Komödie und Superheldenpsychogramm zugleich. Ein Wagnis, das sich auszahlt.

Erinnern wir uns an 2011: Da kam  "Green Lantern" erstmals ins Kino, als poppig-buntes Comic-Getöse groß aufgezogen von Bond-Regisseur Martin Campbell, geschrieben vom späteren  "Arrowverse"-Mastermind Greg Berlanti und mit Ryan Reynolds in der Titelrolle. Die Sache ging schief, an der Kinokasse und beim Publikum: zu überdreht, zu überladen. DC Comics stellte das gehegte Ansinnen, dem damals neuen Marvel Cinematic Universe etwas Vergleichbares entgegensetzen, prompt wieder zurück und im zwei Jahre später gestarteten "DC Extended Universe" blieb Green Lantern dann außen vor.

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Das DC Universe ist inzwischen aber nicht mehr "Extended", sondern rebooted und auf der Suche nach frischem Input. Den ersten neuen Filmen ( "Superman" und  "Supergirl") sowie der Serie  "Peacemaker", denen ihre buntgescheckte Actionlastigkeit gemeinsam war, stellt nun ausgerechnet eine Serie stilistisch etwas entgegen, deren Protagonist in den Comics im froschgrünen Superheldendress von Planet zu Planet hüpfte.

Doch "Lanterns" ist keine quietschbunte Comicsause, sondern eine Serie, die bisweilen so aussieht, als habe jemand  "True Detective" und  "Zwei stahlharte Profis" ineinandergeschoben, sie mit ein paar Elementen aus der Comic-Lore angereichert und beim Ergebnis dann das Licht ausgeknipst: Es ist öfters mal sehr düster hier, thematisch wie beleuchtungstechnisch. Wo also "Peacemaker" perfekt aufs Erlebnigsprogramm des Streamingdienstes HBO Max ausgerichtet war, läuft "Lanterns" nun zuerst beim Pay-TV-Mutterschiff HBO und reiht sich ein in dessen Qualitätsserien-Portfolio.

Das bringt auch mit sich, dass die acht Episoden (von denen wir vorab sieben sehen durften) für ein Publikum funktionieren müssen/sollen, das sich mit DC Comics im Allgemeinen und mit der vor 86 Jahren etablierten Figur Green Lantern im Speziellen nicht auskennt. So ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, dass es nicht nur eine einzige "grüne Laterne" gibt, sondern gleich mehrere Tausend, aufgeteilt auf die Sektoren des Universums. Ende der 1950er-Jahre wurden die Comics rund um den Protagonisten nämlich interstellar ausgeweitet: Wo Green Lantern zuvor "nur" ein Superheld mit grünem Zauberring war, waren die Green Lanterns (im Plural) fortan Mitglieder des sogenannten Green Lantern Corps, eines intergalaktischem FBI.

Muss die Herren Superhelden in Rushville, Nebraska, ermitteln lassen: Kelly Macdonald als Sheriff Kerry
Muss die Herren Superhelden in Rushville, Nebraska, ermitteln lassen: Kelly Macdonald als Sheriff KerryHBO

Ebenso wichtig ist es zu erfahren, dass ein paar dieser Mitglieder legendärer waren bzw. sind als andere: der Ex-Testpilot Hal Jordan etwa, erster Green Lantern auf Erden, oder der Afro-Amerikaner John Stewart, 1972 eingeführt. Oder auch Ultra-Chauvi Guy Gardner. Letzterer tauchte, mit absurdem Topfschnitt gespielt von  "Castle"-Star Nathan Fillion, bereits in "Superman" und "Peacemaker" auf und auch in "Lanterns" hat er einen Gastauftritt. In der neuen Serie aber geht es zentral um die beiden Erstgenannten, die als odd couple mit gegenläufiger Agenda in Stellung gebracht werden.

Hal Jordan ist auch hier der "offizielle" Green Lantern auf Erden. Der ewig sympathische  "Friday Night Lights"-Coach Kyle Chandler spielt ihn mit dem sofort wirksamen Charme eines über die Jahre sarkastisch gewordenen und vom eigenen Heldentum leicht angeödeten Leichtfußes, mit angegrautem Haupthaar und speckiger Jacke, gesegnet zudem mit einem von keinerlei Selbstzweifeln angekränkelten Grundvertrauen in die eigene Bedeutung: Freiwillig wird dieser Held seine Macht jedenfalls nicht abgeben. Wenn er anderen von seiner eigenen Laternenwerdung erzählt, dann tut er das besoffen in der Kneipe - sodass die Zuhörer sich nicht ganz sicher sein können, ob hier wirklich ein in die Jahre gekommener Superheld spricht oder nur ein faselnder Irrer. Die spitzbübische Abgerocktheit, die Chandler an den Tag legt, erinnert an Gary Oldman in  "Slow Horses" - James Hawes, Regisseur der ersten Staffel jener britischen Agentenserie, inszenierte nun passenderweise auch die ersten beiden "Lanterns"-Episoden.

Darin wird Hal vom intergalaktischen Wächterrat (den "Guardians of the Universe") der erwähnte John Stewart als "Azubi" zugeteilt, als möglicher Stellvertreter für den absolut undenkbaren Fall, dass Green Lantern beim Beschützen der Erde vor Meteoriten, Aliens oder anderen Katastrophen mal einen Stellvertreter benötigen sollte. Hal ist schon über die bloße Vorstellung empört!

Leitet ein Anwesen, führt eine Miliz und sieht sich als Gottcowboy: William Macon (Garret Dillahunt) will sich nicht kolonisieren lassen.
Leitet ein Anwesen, führt eine Miliz und sieht sich als Gottcowboy: William Macon (Garret Dillahunt) will sich nicht kolonisieren lassen. HBO

Stewart ist das genaue Gegenteil von Jordan: jung, schwarz, ehrgeizig und die Rolle als Weltenretter extrem ernst nehmend. Anders als Hal wurde John nicht von der Macht der Laterne höchstselbst ausgewählt, sondern durch den Wächterrat gecastet. Natürlich krachen hier Welten aufeinander: Eingangs noch wirkt der Clash der unterschiedlichen Temperamente ein bisschen erzwungen, doch nach und nach pendelt sich die Chemie zwischen Chandler und Aaron Pierre (dessen faszinierende Augen aus  "The Underground Railroad" noch bestens in Erinnerung sind) immer besser ein. Irgendwann dann zählt das Hin und Her des rücksichtslosen Mentors (der eine riesige fleischfressende Pflanze namens Earl als "Haustier" hält) und des mit bewundernswerter Geduld gesegneten Schützlings zu den Highlights der Staffel. In einer der besten Episoden, die Johns origin story detailliert nacherzählt, erfahren wir schließlich, dass die Dinge anders gelagert sind, als wir eingangs glaubten, und die beiden Protagonisten zudem durch frühere Geschehnisse schon lange schicksalhaft verbunden sind: Fortan sieht man das Gekabbel mit neuen Augen.

In der 2016 angesiedelten Haupthandlung, aus der die Serie in "True Detective"-Manier nach Bedarf zurück- und in unsere Gegenwart vorspringt, geht es um einen Kriminalfall, genauer: um vier tote Fremde, die eines Abends auf dem Highschool-Footballfeld einer Kleinstadt in Nebraska liegen. Hal vermutet einen außerirdischen Hintergrund und nur ein solcher wäre es auch, der sein Mitermitteln im Revier der von Green Lantern überaus genervten Sheriff Kerry legitim erscheinen ließe (faszinierend in der Rolle: Kelly Macdonald aus  "Boardwalk Empire"). Hal und John begeben sich nun auf Spurensuche, bei der sich bald allerhand Mysteriöses auftut, vor allem im Zusammenhang mit Kerrys Schwiegervater, dem selbstgefälligen Anwalt William Macon (Garret Dillahunt,  "Raising Hope"). Der leitet (angeblich) im Auftrag eines anonymen Gönners eine riesige Ranch mit eigener, hochgerüsteter Miliz und führt einen Feldzug gegen aliens - was im englischen Doppelsinn nicht nur Außerirdische meint, sondern alle, die fremd sind. Dummerweise beginnt John auch noch eine Affäre mit Williams ebenso schöner wie undurchsichtiger Gattin Zoe (Poorna Jagannathan,  "Noch nie in meinem Leben").

Während in Vorwärtsrichtung weiterermittelt wird, einem mysteriösen "Manhunter" hinterher, skippt die Serie zurück in die Vergangenheit, wobei unter anderem zu erfahren ist, dass John von seinen Eltern bereits als Kind für die Bewerbungsrunden um den Green-Lantern-Posten fit gemacht wurde - mit traumatisierenden Übungen, die John dazu nötigten, seiner Mutter in Wilhelm-Tell-Manier den Apfel vom Kopf zu schießen. Die wichtigste Frage des Wächterrats lautet schließlich: "Hast Du Angst?" Eine Bejahung macht einen Kandidaten ungeeignet für den Laternenjob.

Er geht mit seiner Laterne, rabimmel-rabammel-rabumm: John Stewart möchte nicht für immer der "Stellvertreter" bleiben.
Er geht mit seiner Laterne, rabimmel-rabammel-rabumm: John Stewart möchte nicht für immer der "Stellvertreter" bleiben. HBO

Um das Selbstverständnis von Superhelden, um Angst und Mut und um die Tatsache, dass Angst für schwarze Menschen in weißen Mehrheitsgesellschaften anders definiert ist als für Hal (der Johns Familie in Anlehnung an die Familie aus der  "Cosby Show" mit spöttelndem Unterton als "Western Huxtables" betitelt) - solche Themen umkreist die Serie explizit. Dabei bleibt sie im eigentlichen Wortsinn stets geerdet, also auf dem Planeten Erde verwurzelt. Sicher, zwischendurch darf Hal (der, anders als John, fliegen kann) auch mal ins Weltall abdüsen. Dort beginnt eine Nebenhandlung um seinen alten Widersacher und Ex-Mentor Sinestro (mit hoher Stirn, Schnurrbart und Spitzohr kaum wiederzuerkennen: der dänische Schauspieler Ulrich Thomsen aus  "Das Fest" und  "Adams Äpfel").

Überwiegend aber ist "Lanterns" weder Space-Oper noch Comic-Spektakel, sondern ein Thrillerdrama mit einiger Erdenschwere, das Action eher über Verfolgungsjagden auf Schulgeländen und Highways generiert als über Weltall-Getöse und die Insignien seiner Hauptfigur zugleich feiert und dekonstruiert: Das "Green" in "Green Lanterns" ist dem Serientitel bezeichnenderweise abhanden gekommen und den grünen Superheldendress trägt Hal nur noch selten, schon weil sich ihm die gerade in Comic-Verfilmungen selten aufgeworfene Frage stellt, wie die Helden denn darin aufs Klo gehen sollen. Der grüne Ring wiederum, mit dem die Lanterns aus sich selbst heraus Objekte "manifestieren" und Kräfte aller Art auslösen können, sieht aus wie ein Klunker vom Garagenflohmarkt. Er wird nebenher schon mal als postkoitaler Zigarettenanzünder oder Flaschenöffner verwendet, bleibt dem Style der Comics aber treu - wie die Handlung überhaupt gepflastert ist mit Verweisen, Zitaten und Easter Eggs.

Das Gemisch der Stillagen in "Lanterns" geht denn auch aufs Konto von drei sehr unterschiedlichen Künstlern, die die Serie gemeinsam konzipierten. Showrunner Chris Mundy war zuvor an "True Detective" (letzte Staffel) und  "Ozark" beteiligt und dürfte federführend die Thriller-Elemente in den Plot integriert haben, Tom King zählt als langjähriger Autor von DC-Comics zu den besten Kennern der Green-Lantern-Mythologie, und mit Damon Lindelof ist jemand mit an Bord, der in den letzten 20 Jahren nicht nur das serielle Erzählen insgesamt ganz neu gedacht hat (von  "Lost" zu den  "Leftovers" bis zum sträflich unterschätzten  "Mrs. Davis"), sondern sich bei der Umsetzung von Comicstoffen in Serienform schon einmal großen Ruhm erworben hat: Seine HBO-Version des DC-Klassikers  "Watchmen", die 2019 den Rassismus in den Heartlands der USA zum Fluchtpunkt des Geschehens machte, gilt als Meisterwerk im Genre der Comicverfilmung.

Ganz weit hoch in diese Sphären schaffen es die "Lanterns" (noch) nicht - und doch fühlt sich diese kühne Genre-Melange mit Thriller- und Neowestern-Elementen so an, als habe das DC Universe endlich zu einer eigenen Stimme gefunden.

Meine Wertung: 4/5

Die Serie "Lanterns" wird in Deutschland bei HBO Max ab den frühen Morgenstunden des 17. August veröffentlicht, wöchentlich bis zum 5. Oktober gibt es eine neue Folge.



 

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kom­mu­ni­ka­tions­wis­sen­schaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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