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TV-Kritik/Review: "Nackt über Berlin": Wenn der Schuldirektor zur Laborratte wird
von Marcus Kirzynowski(04.10.2023)

Ein Suizidant in der Badewanne, Stimmen aus dem Lüftungsschacht, eine Wohnung, deren Ausgangstür sich von innen nicht mehr öffnen lässt. Klingt erstmal wie eine Mischung aus Barschel-Fall, Chopper-True-Crime und

Für Lamprecht beginnt ein zehntägiger Albtraum, in dem er zunächst vergeblich versucht, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen, während ihm der unbekannte Gegenspieler - der sich Gott nennt und an sein schlechtes Gewissen appelliert - nacheinander auch noch Wasser, Strom und Lüftung abschaltet. Von Überheblichkeit zu Wut und schließlich Verzweiflung und Resignation schwankend, verliert der mittelalte Mann zunehmend den Verstand, verdächtigt immer neue Menschen aus seinem Leben der Täterschaft: erst seinen Teenagersohn, der mit der Mutter und deren neuem Freund nach Rotterdam gezogen ist, dann seine Stellvertreterin an der Schule, schließlich den Vater einer Schülerin, die sich im vergangenen Schuljahr das Leben genommen hat.
Neben der Überwachung und Steuerung des wie eine Ratte im Laborkäfig gefangenen Rektors ist der Abiturient Jannik mit seinem sexuellen Erwachen beschäftigt: Er hegt Gefühle für Tai, ist aber noch nicht bereit fürs Coming-out. Dass er sich selbst zu dick fühlt, wird durch das Bodyshaming seines resoluten Vaters (Devid Striesow), eines Sporttrainers, nicht eben einfacher. Hinzu kommt, dass Jannik an der Schule gemobbt wird, auch weil E-Musik seine große Leidenschaft ist. In Tai findet er immerhin einen anderen Außenseiter, der ihn verstehen kann. Die Figurenkostellation weckt Assoziationen an

Das enthüllt die Serie erst ab der dritten Folge bruchstückhaft in längeren Rückblenden. Die Theaterproben zu Frank Wedekinds "Frühlingserwachen" spielen hier eine entscheidende Rolle. Schülerin Melanie (Sidney Fahlisch), die die tragische Hauptrolle übernahm, ist der Lehrerin Claudia Gieseking (Christina Große) dabei nähergekommen, als es für eine solche Beziehung gesund sein kann. Wer Cees Nootebooms Bestseller "Die folgende Geschichte" gelesen hat, wird Parallelen erkennen.
Trotz der Laufzeit von viereinhalb Stunden wirkt der Stoff manchmal fast komprimiert, so viele Themen, Entwicklungen und Enthüllungen packt Ranisch in seine Geschichte. Nicht alles davon ist glaubwürdig oder unbedingt notwendig, aber im Großen und Ganzen funktioniert es. Dafür sorgt neben den pointierten Dialogen vor allem das überzeugende Ensemble. Die JungdarstellerInnen von Jannik, Tai und Mel sind toll, Thorsten Merten ist grandios. Der Ostdeutsche, den man aus vielen Filmen von Andreas Dresen kennt (zum Beispiel aus

Überhaupt hat die ganze Serie so ein "ostdeutsches Feeling", was sich nicht nur am Ensemble festmacht, sondern auch an der Art, wie etwa die Figuren sprechen (besonders auffällig bei Janniks kuscheliger Mutter, gespielt von Alwara Höfels) - bis hin zur Skyline von Berlin-Mitte, die Lamprecht aus seinen Stahlglasfenstern im fünften Stock sieht. Ranisch hat nicht nur ein Gespür für Figuren, sondern kann auch mit wenigen Szenen ein spezifisches Millieu verankern - hier das des Großstadt-Kleinbürgertums. Wie etwa die Atmosphäre an der alternativen Schule ist, wie das Kollegium so tickt und was systemisch schiefläuft, wird einem schon nach der ersten oder zweiten Rückblende klar.
Stilistisch beschränkt sich Ranisch nicht auf deutsche 08/15-Fernsehspielästhetik, sondern lässt in abgefahrenen Alb- und Tagtraumsequenzen wiederholt die inszenatorische Sau raus. Egal, ob Lamprecht in einer Realityshow von der Deutsch-Amerikanerin Gayle Tufts als Moderatorin zum unbeliebtesten Schulleiter Deutschlands ernannt wird, oder Jannik im Keller seines Phantasie-Berghains diverse Bekannte (einschließlich seiner Eltern) in Bodysuits beim ausgelassenen Sex beobachtet - was ungehemmten Humor angeht, macht die Serie keine Kompromisse.

Was also auf dem Papier wie eine etwas überkonstruierte Melange aus Schuldrama, Coming-of-Age-/Coming-out-Geschichte und schwarzhumorigem Entführungsthriller aussehen mag, entpuppt sich von Episode zu Episode immer mehr als Wundertüte der originellen Einfälle und emotionalen Momente. Auch wenn das Ende der Geschichte etwas zerfasert und das kurz vor Schluss zusätzlich eingebrachte Thema von Tais Rassismuserfahrungen an dieser späten Stelle wie zu viel des Guten wirkt, ist dies doch eine der gelungensten deutschen Serien der jüngeren Zeit.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie.
Die sechsteilige Miniserie steht ab dem 5. Oktober komplett auf arte.tv und ab dem 6. Oktober auch in der ARD Mediathek auf Abruf bereit. Die TV-Ausstrahlung ist am 12. Oktober ab 20.15 Uhr bei arte sowie am 13. Oktober ab 22.20 Uhr im Ersten, jeweils mit allen sechs Folgen am Stück.
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Leserkommentare
chrisquito schrieb via tvforen.de am 08.10.2023, 12.00 Uhr:
macabros schrieb:Kennt jemand den Grund, warum Folge 3v6 bei in der
Mediathek bei arte 'Busenfreundin' und in der ARD
'Die Gieseking' heißt ?
Wissen tue ich es nicht, aber bei arte herrschen mMn etwas lockerere Sitten als bei der ARD. Keine Ahnung, ob das auf die Kooperation mit Frankreich zurückzuführen ist.
Also alles reiner Spekulatius.macabros schrieb via tvforen.de am 08.10.2023, 11.41 Uhr:
Kennt jemand den Grund, warum Folge 3v6 bei in der Mediathek bei arte 'Busenfreundin' und in der ARD 'Die Gieseking' heißt ?User 1278821 schrieb am 06.10.2023, 22.47 Uhr:
LGBTISUVW-Figuren braucht kein Mensch.SerienFan_92 schrieb am 04.10.2023, 23.40 Uhr:
Das klingt ja sehr interessant.
Hatte die Serie bisher garnicht auf dem Zettel, werde aber nun mal reinschauen.
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