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TV-Kritik/Review: "Star City": Traue niemandem im Sternenstädtchen!

Das sehenswerte "For All Mankind"-Spin-Off wechselt die Seiten und wagt sich in deutlich düstere Gefilde
Diesmal wird es aus sowjetischer Perspektive beleuchtet: Anastasia Belikova (Alice Englert) schafft es als erste Frau auf den Mond.
Apple TV
TV-Kritik/Review: "Star City": Traue niemandem im Sternenstädtchen!/Apple TV

In der Sci-Fi-Serie  "For All Mankind", mit der das damals frisch gegründete Apple TV im November 2019 an den Start ging, wurde kühn ein alternativer Geschichtsverlauf durchgespielt: Was hätte passieren können, wenn die USA das sogenannte space race der 1950er- und 1960er-Jahre verloren hätten? Wenn an ihrer Stelle die Sowjets zuerst auf dem Mond gelandet wären? Welche sozialen, technologischen, politischen Folgen hätte das gehabt? Staffel für Staffel ging es in der Serie jeweils ein Jahrzehnt weiter, die sechste und letzte soll 2027 an unsere Gegenwart andocken. Zuvor aber geht es nun erst einmal zurück an den Anfang: Im sehenswerten Spin-off  "Star City" wird die "andere" Seite dieses lustvoll betriebenen Geschichtsrevisionismus beleuchtet. Der Blick aufs Weltraumprogramm hinter dem Eisernen Vorhang erweist sich dabei als wesentlich kühler und düsterer als die Mutterserie - gespickt mit Einflüssen aus Agenten- und Paranoiathrillern der Siebziger.

In der schnöden Wirklichkeit unserer Timeline, die wir als "historisch" bezeichnen, starb Sergei Koroljow, offiziell nur glavny konstruktor (Chefkonstrukteur) genannt, 1966 auf einem Operationstisch. Mit dem Tod des Masterminds hinter dem sowjetischen Raumfahrtprogramm ging der entscheidende Input verloren: Den "Wettlauf ins All" gewannen die US-Amerikaner. 1969 tat Neil Armstrong, Kommandant der Apollo-11-Mission, den ersten Menschenschritt auf dem Mond.

In jener Welt jedoch, die sich das Autorentrio Ronald D. Moore, Ben Nedivi und Matt Wolpert für "For All Mankind" zusammenfantasiert haben, sind die Sowjets den US-Amerikanern zuvorgekommen, Koroljow ist noch am Leben. Die erste bemannte Mondlandung wird zur Demütigung des Westens. Die Auswirkungen des durch diese Umstände befeuerten Wettbewerbs um sozialen Fortschritt und technologischen Erfindungsgeist im Kalten Krieg waren im Folgenden Gegenstand der Serie, in der es irgendwann sogar Marskolonien zu bestaunen gab - während sich der Reiz der Ursprungsidee irgendwann ein kleines bisschen verflüchtigte.

Ein Neustart auf anderem Gleis passt daher ganz gut. Der Titel "Star City" zeigt an, worum es geht: Im berühmten "Sternenstädtchen" Swjosdny Gorodok, abgeschieden gelegen in den Wäldern nordöstlich von Moskau, befand sich seit 1960 das Ausbildungszentrum der sowjetischen Kosmonauten. Auch heute noch werden dort, im Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum, russische Raumfahrtanwärter beherbergt. Namensgeber Gagarin, der erste Mensch im Weltall, kommt in "Star City" zwar nicht vor (er starb in beiden Realitäten bereits 1968), bleibt aber eine gern genutzte Referenz.

Der Chief Designer hat Großes vor: Für die von Rhys Ifans gespielte Raumfahrtkoryphäe stand der historische Sergei Koroljow Pate.
Der Chief Designer hat Großes vor: Für die von Rhys Ifans gespielte Raumfahrtkoryphäe stand der historische Sergei Koroljow Pate. Apple TV

Die Serie führt also auf die sowjetische Seite des Geschehens, die in "For All Mankind" meist nur von außen betrachtet wurde und erst allmählich in den Plot einsickerte. Hier aber springt dasselbe Autorentrio an den Anfang zurück und wechselt den Blickwinkel. Die erste Episode beginnt kurz nach der ersten bemannten Mondlandung, sie fädelt sowohl die Bemühungen der Raumfahrtbosse um das weitere (PR-)Vorgehen ein als auch die Maßnahmen, die der sowjetische Geheimdienst KGB gegen alles einleitet, was weiteren Erfolgen im Weg stehen könnte.

In dieser Erzählwelt ist der "Chefkonstrukteur" noch am Leben. Wie sehr diese Figur mit dem realen Koroljow in eins gesetzt werden darf, bleibt gezielt im Unklaren. Er wird nie beim Namen genannt, stets nur mit "Chief Designer" angesprochen. Zu gefährlich wäre die Veröffentlichung seiner Identität, nichts mehr fürchtet die Sowjetunion als Attentate und Abwerbungsversuche, und wie abhängig man von Koroljow war, zeigt die reale Geschichte. Verkörpert wird der "Chief Designer" von Rhys Ifans, der früher mal als Kasper vom Dienst durch Filme wie  "Notting Hill" blödelte, spätestens aber durch seine Rolle als tragisch endende "Hand des Königs" Ser Otto Hightower in  "House of the Dragon" ein erhebliches Maß an Gravitas erwarb. Den unter Druck stehenden Meisterkonstrukteur, der zwar allseits gefeiert wird, aber (aus Sicherheitsgründen) die Sowjetunion nicht verlassen darf und im Sternenstädtchen praktisch gefangen ist, spielt er beeindruckend minimalistisch, fast statuarisch. Das macht die wenigen mimischen Regungen, die in den fünf (von acht) Episoden, die wir vorab sichten durften, in seinem faltig gewordenen Gesicht auszumachen sind, umso effektiver.

In der ersten Episode geht es um die erste Frau auf dem Mond, ein PR-Manöver, mit dem die Sowjets die Konkurrenz gleich ein zweites Mal zu demütigen trachten. Um wen es geht, wissen "For All Mankind"-Fans bereits: Anastasia Belikova. Denn weil die eigentlich vorgesehene Star-Kosmonautin Akhmatova einer Bezichtigung zum Opfer fällt, wird die eigenbrötlerische Anastasia (Alice Englert,  "Beautiful Creatures") für den Job ausgewählt - sehr zum Ärger ihres erfahrenen Kollegen Valya Markelov (Adam Nagaitis,  "The Terror"), der sie ihre Unerwünschtheit anfangs deutlich spüren lässt.

Ihr unerschrockener Einsatz bei der problembehafteten Mondlandung sorgt für Furore, ihre improvisierte Dankesrede jedoch für erste Reibereien mit der Obrigkeit. Im weiteren Verlauf wird die Entfremdung durchgespielt, die Anastasia befällt, als sie als werbewirksames Gesicht der sowjetischen Weltall-Grandezza durch Europa gereicht wird und sicherheitshalber zwangsverheiratet werden soll. Der designierte Gatte ist Kosmonautenkollege Sasha Polivanov (Solly McLeod,  "The Rising"), ein unbekümmerter Typ und obendrein Valyas bester Freund. Dass aus den beiden einander völlig wesensfremden Personen mehr werden könnte als von Staats wegen zusammengezwungene Ehepartner, deutet der Plot früh an.

Eiskalt und effizient: Lyudmilla Raskova (Anna Maxwell Martin) vertritt in Star City den KGB.
Eiskalt und effizient: Lyudmilla Raskova (Anna Maxwell Martin) vertritt in Star City den KGB. Apple TV

Neben den Kosmonauten stehen in "Star City" aber auch jene Leute im Vordergrund, die sie beobachten und bewachen - vorgeblich, um Schaden von der Sowjetunion fernzuhalten. Den KGB im Sternenstädtchen vertritt die weltkriegserfahrene Lydumilla Raskova, "Nachthexe" genannt und entsprechend eisig verkörpert von Anna Maxwell Martin ( "The Bletchley Circle"). Überall, wo gefoltert und erpresst, bespitzelt und bedroht werden muss, ist die uniformierte Frau mit der streng gescheitelten Frisur zugegen, und die Szenen, in denen sie mit dem Chief Designer aneinandergerät, zählen zu den intensivsten dieser ersten Episoden.

Gleich zu Beginn kann Raskova einen Neuling begrüßen - für "For All Mankind"-Kenner eine alte Bekannte. Irina Morozova war (gespielt von Svetlana Efremova) in der vierten Staffel eine mächtige Sowjet-Funktionärin, in "Star City" nun, dreißig Jahre früher angesiedelt, wird ihre Origin Story erzählt. Als alleinerziehende Mutter beginnt sie eine Stelle als KGB-Hilfskraft, dazu abgestellt, Abhörbänder abzutippen. Weil sie mit dem Abhören von Sasha, Valya und dessen in Star City erheblich gelangweilter Frau Tanya (Ruby Ashbourne Serkis,  "Shardlake") beauftragt wird, kommt sie Ehebruch und anderen Geheimnissen auf die Spur. Ihr Scharfsinn (und Ehrgeiz) bleiben Raskova nicht verborgen, womit Irina einen Weg einschlägt, der bald ihre moralische Unschuld demoliert. Agnes O'Casey ( "Black Doves") ist in dieser Rolle eine echte Entdeckung.

Während die Geschicke von Irina, Anastasia, Tanya, den Kosmonauten und Raskova in den weiteren Episoden wechselweise näher herangezoomt werden, bleibt der Fokus durchgehend auf dem Chief Designer und seinen Plänen. Als Nächstes peilt er nämlich, zum Ärger der Funktionäre, die Venus an. In sein klandestin operierendes Team nimmt er nur besonders gewiefte Wissenschaftler auf - neben Lakshmi (immer toll: Priya Kansara aus  "Polite Society") zählt auch ein weiterer Bekannter aus "For All Mankind" dazu: Sergei Nikulov, der in den Staffeln zwei bis vier als Nebenfigur auftauchte und dann ein fatales Ende fand, ist in "Star City" - gespielt von Josef Davies ( "Der junge Wallander") - noch ein junger Ingenieur, der den Chief Designer mit unkonventionellem Denken beeindruckt.

Wohin bei alldem die Reise geht, das werden die finalen Episoden zeigen müssen. Ob sich "Star City" als ähnlich ausdauernd erweist wie "For All Mankind"? Ungewiss. Es wäre aber zu wünschen, dass daraus mehr wird als nur eine Bonus-Miniserie, denn das, was bislang zu sehen ist, überzeugt fast auf ganzer Linie, gerade weil der Tonfall so ganz anders gelagert ist.

Hört Bänder ab und stößt auf Ungereimtheiten: Irina Morozova (Agnes O'Casey) empfiehlt sich im Geheimdienst.
Hört Bänder ab und stößt auf Ungereimtheiten: Irina Morozova (Agnes O'Casey) empfiehlt sich im Geheimdienst. Apple TV

Obwohl "Star City" doch von den "Gewinnern" in dieser alternativen Geschichtswelt handelt, präsentiert sich die Serie düsterer, kälter und pessimistischer als "For All Mankind". Das beginnt mit den klaustrophobischen grau-braunen Interieurs des Sternenstädtchens und setzt sich fort im verschlossenen Habitus der meisten Charaktere oder in den von Geheimnissen, Spionage, Betrug und Gegenbetrug dominierten Handlungssträngen; selbst die Titelsequenz wirkt mit ihrer sowjetkalten Betondenkmalsymbolik beklemmend.

Gewiss, diese allgemeine Düsternis, die angelsächsische Filmemacher gerne als Stilmittel einsetzen, wenn es um den "dunklen" Osten hinter dem Eisernen Vorhang geht, ist ein Stereotyp. Debattieren kann man darüber ebenso sehr wie über die Sowjet-Bosse, die am Rande ähnlich klischeehaft durch die Szenen schnarren. Und doch passt dieses Nachtfinstere durchaus in den Aufbau der von der Serie verfolgten fundamentalen Misstrauenskulisse. Nicht nur die körnigen Bilder und die überall lauernden Schatten, auch der zaudernde Argwohn vieler Figuren erinnert an die Paranoiathriller aus dem Kino der Siebziger, von  "Der Dialog" bis  "Die drei Tage des Condor". Wegen der Abhörthematik muss man auch an  "Das Leben der Anderen" denken, an  "Oppenheimer" zumal, vor allem aber auch an die Spionage-Qualitätsserie  "The Americans"  - was dem "For All Mankind"-Universum eine neue, spannende Note hinzufügt. Keine Sorge: Weltraumszenen gibt es auch (und gleich die erste Episode hat eine veritable Suspense-Sequenz zu bieten), allerdings stehen sie nicht im Mittelpunkt.

Bleibt noch die Frage, wie sehr der Alternativ-Authentizität der in Litauen gedrehten Serie der Umstand im Weg steht, dass die sowjetischen Figuren (anders als in "For All Mankind") von britischen Schauspielern verkörpert werden und allesamt Englisch sprechen, während alle Akten, Briefe und sonstigen Schriftstücke trotzdem kyrillische Buchstaben zeigen. Wie beim HBO-Hit  "Chernobyl" wird's wohl an der besseren Vermarktbarkeit liegen. (Und in synchronisierten Fassungen werden solche Feinheiten ohnehin eingeebnet.) Man muss es also wohl als willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit akzeptieren. Wenn das erledigt ist, kann man sich der Freude über dieses gelungene Sci-Fi-Thrillerdrama unbekümmert hingeben.

Meine Wertung: 4/5

Apple TV veröffentlicht die ersten beiden Folgen von "Star City" am 29. Mai, danach geht es immer freitags mit den nächsten Episoden weiter.



 

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kom­mu­ni­ka­tions­wis­sen­schaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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Leserkommentare

  • SerienFan_92 schrieb am 28.05.2026, 22.47 Uhr:
    Muss man denn die Mutterserie gesehen haben, um dieses Spin-Off zu gucken ?

    Oder ist die Handlung auch so verständlich ?