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TV-Kritik/Review: "Twin Peaks": Kultserie in Fortsetzung düsterer und surrealistischer denn je
von Gian-Philip Andreas(23.05.2017)

MacLachlan selbst erscheint in den ersten Folgen in gleich drei Varianten seiner Cooper-Figur, was in Episode vier tatsächlich dazu führt, dass der aus der Black Lodge in die Welt zurückentlassene Agent mit Komplettamnesie samt Frau (Naomi Watts) und Kind in einem Vorstadthaus lebt und weder weiß, wie man Kaffee trinkt noch wie der eigene Ausscheidungsapparat funktioniert. Man sieht also: Den (bei manchen durchaus berüchtigten) albernen Humor aus den frühen Folgen gibt es immer noch, auch wenn die neue Staffel im Ton wesentlich düsterer gehalten und näher am Horrorfilm gebaut ist als früher. Die klangliche Ebene ist dabei noch wichtiger geworden: Lynch persönlich besorgte das Sounddesign, viele Sequenzen sind mit beunruhigenden Ambient-Drones unterlegt, während der Cool Jazz, mit dem Komponist Angelo Badalamenti früher viele Szenen untermalte, (bislang) fast völlig fehlt. Auf die berühmten Melodien und Stücke von früher muss trotzdem nicht verzichtet werden - auch nicht im neuen Vorspann, für den zwischen Alt und Neu eine euphorisierende Ideallösung gefunden wurde.
Fans werden sich freuen, dass Lucy, Andy, Hawk, Shelly, James, Bobby, die Horne-Brüder, Sarah Palmer und Co. in Twin Peaks hängengeblieben sind (und teils kuriose Lebenswendungen hinter sich haben); dass Dr. Jacoby den Wiederbegegnungsreigen mit einer obercoolen Geste eröffnen darf; dass die FBI-Agenten Albert Rosenfield (Miguel Ferrer, nach dem Dreh leider verstorben) und der schwerhörige Gordon Cole (David Lynch höchstpersönlich) immer noch ermitteln; dass Denise Bryson (David Duchovny) zur FBI-Chefin aufgestiegen ist und dass Catherine E. Coulson unmittelbar vor ihrem Tod noch Szenen in ihrer ikonischen Rolle als Log Lady abdrehen konnte, die rührender kaum sein könnten. Lynch holt viele Schauspieler vor die Kamera, die man aus anderen Filmen von ihm kennt (darunter Robert Forster aus "Mulholland Drive", der jetzt den neuen Sheriff spielt), er bringt längst verstorbene Akteure wie Don S. Davis (Major Briggs) oder Frank Silva (Bob) per CGI oder Rückblende unter und verschafft peripheren Peaks-Darstellern wie Phoebe Augustine (Ronette Pulaski) oder Walter Olkewicz (Jacques Renault) neue kleine Parts, einfach nur, um sie wieder dabeizuhaben. Auch darin zeigt sich die Liebe und Sorgfalt, die Lynch und Frost dieser Erzählwelt angedeihen lassen, die sich in 25 Jahren längst verselbständigt hat.
Ob das Ergebnis nun gefällt oder nicht, wird vor allem davon abhängen, was man sich davon versprach - falls man sich etwas davon versprach. Denn "Twin Peaks" ist nichts (und kann gar nichts sein) für Gelegenheitszuschauer oder Leute, die mit dem Erzähl- und Zeichenuniversum der Serie noch nie etwas zu schaffen hatten (oder damit nichts anfangen konnten/wollten): Wer die alten Staffeln nicht kennt, wird sehr wahrscheinlich keinen Zugang finden. Auch den Kinofilm sollte man gesehen haben - vor allem auf die darin von David Bowie gespielte und seither verschollene Figur des Agenten Jeffries wird ausgiebig zurückgekommen. Nicht einschalten sollte auch, wer in Drama-Serien nichts anderes sehen möchte außer psychologischem Realismus. Den gibt es bei Lynch bekanntermaßen nie. Wer 20-minütige surrealistische Exkurse in Traum- und Nebenwelten als Zumutung abtut, sollte sowieso fernbleiben.
Denn Lynch und Frost bleiben sich mit erfreulich schamloser Konsequenz treu, Zugeständnisse an Newcomer oder Mal-schnell-vorbei-Schauer machen sie nicht. Man muss sich einlassen auf diese Serie, so, wie man sich schon auf die bisherigen 30 Episoden einlassen musste. Das ist mitunter auch Arbeit, ja, denn Lynchs notorisch langsames Erzähltempo hat sich seit 1991 keineswegs beschleunigt. Er lässt seinen kongenialen Kameramann Peter Deming ("Mulholland Drive") beunruhigende Ewigkeiten auf vermeintlich ordinären Details verharren - aus jedem Zigarettenanzünder im Auto, aus jeder Steckdose an der Wand wird ein bedrohlicher Abgrund. Schon in den ersten beiden Staffeln waren die sechs Folgen, die Lynch persönlich inszenierte, die besten. Diesmal inszeniert er tatsächlich alle 18, und das macht sich in einer künstlerischen Geschlossenheit bemerkbar, die Respekt abringt. Es gibt Anspielungen auf fast alle früheren Lynch-Filme (sogar auf "Eraserhead"), und tatsächlich hat hier vieles den Anschein, als ob "Twin Peaks" hier nicht nur eine Hit-Serie revitalisieren, sondern auch als Update des Gesamtwerks des inzwischen 71-jährigen Lynch wahrgenommen werden möchte. Wenn bis zur letzten Folge alles gut geht - und dafür stehen die Chancen nach dem fulminanten Auftakt nicht schlecht -, könnte die späte Wiederkehr dieser Kultserie so etwas wie die Quersumme ziehen aus der künstlerischen Lebensleistung des Autorenfilmers David Lynch.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten vier Episoden von "Twin Peaks", Staffel 3.
Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: Showtime
Die dritte Staffel von "Twin Peaks" startete in den USA am 21. Mai bei Showtime. Die ersten vier Folgen wurden zeitgleich veröffentlicht, ab 4. Juni geht es im Wochenrhythmus weiter. Sky Deutschland zeigt die Folgen parallel im Originalton und jeweils vier Tage später in der Synchronfassung bei Sky Atlantic HD.
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