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TV-Kritik/Review: Gomorrha
(06.10.2014)

Die Mafia ist von jeher eines der Themen, die die größte Faszination auf Film- und TV-Macher wie -Zuschauer auszuüben scheint. Nicht von ungefähr gilt Francis Ford Coppolas "Der Pate"-Trilogie als eines der Highlights der Kinogeschichte - von Sergio Leone, Martin Scorsese und den
Ganz unrecht haben sie damit nicht: Tatsächlich wirkt die italienische Serie stilistisch frischer als so manche hochgelobte Qualitätsserie aus Übersee - und inhaltlich schonungsloser, gesellschaftlich relevanter. In der Staffel erzählen die Drehbuchautoren um Stefano Bises eine vom Buch unabhängige Geschichte mit fiktionalisierten Figuren, die jedoch laut Saviano alle auf realen Vorbildern von Camorra-Mitgliedern basieren. Dabei sind die Charaktere jeweils aus mehreren echten Clan-Angehörigen zusammengesetzt. Auch sonst soll in der Serie nichts zu sehen sein, was sich nicht so (oder zumindest so ähnlich) wirklich ereignet hat.
Keine Mafiaserie ohne Paten und so thront in den ersten Folgen über allem erst einmal Pietro Savastano (Fortunato Cerlino), der in Neapel über seinen Clan regiert. Er ist kein "Mr. Jedermann" wie Tony Soprano mit seinen Neurosen und Eheproblemen und auch kein Vito Corleone, der gottgleich im Hinterzimmer Audienz hält. Eher der Typ Spitzenmanager eines Familienunternehmens mit geschmacklos-protzig eingerichtetem Arbeitszimmer mit goldenen Raubtierstatuen und Ölporträt hinter dem Schreibtisch (der Kauf einer neuen übertriebenen Couch ist einer der Handlungsstränge, der sich durch die ganze erste Folge zieht). Einer, der darüber verzweifelt, dass sein einziger Sohn Genny (Salvatore Esposito) so gar kein Talent fürs Familiengeschäft zeigt und auch sonst ein ziemliches Weichei ist. Aber natürlich auch ein Mensch, der unerwartet heftige Gewaltausbrüche haben kann, wenn es darum geht, seine Autorität zu bewahren.
An der Darstellung dieser Gewaltexzesse spart die Serie zwar nicht, erspart es den Zuschauern aber dennoch, die Kamera immer voll drauf zu halten, wenn Schädel zertrümmert oder Wohnungen samt Mietern in Brand gesteckt werden. Regisseur Stefano Sollima, der sieben der zwölf Folgen inszeniert hat, liegt erkennbar nichts an comichaft überhöhter Gewalt ? la Tarantino oder Rodriguez, sondern vielmehr - wie Saviano und dem Autorenteam - an einer weitgehend realistischen Abbildung der unfassbaren und alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden Gewalt, die von der Camorra ausgeht.

Sorgen bereitet ihm eigentlich nur Genny, der sich ein ums andere Mal als zu weich fürs Geschäft erweist. Das frustriert wiederum Pietros rechte Hand Ciro (Marco DAmore), der viel eher ein Mann fürs Grobe ist. Dass es irgendwann zur Konfrontation zwischen Genny und ihm kommen wird, scheint unausweichlich, denn ein Pate kann selbstredend nur einen Erben haben. Spätestens als Pietro wegen einer Lappalie ins Gefängnis wandert, beginnt aber auch noch Ehefrau Imma (Maria Pia Calzone, Typ frustrierte Hausfrau) fleißig mit dem Strippen ziehen...
Erzählt wird diese zugegebenermaßen nicht allzu originelle Geschichte modern und packend. Die Bildgestaltung wirkt extrem filmisch, italienische Rapstücke kommentieren das Geschehen, die Montage ist schnell und hart. Wenn Pietro kurz nach seiner Inhaftierung seine Mitinsassen zur Revolte anstachelt und vom höchsten Punkt auf die in Flammen stehenden Gefängnisgänge hinunterschaut, erreichen die Bilder eine Intensität, wie man sie sonst fast nur aus dem Kino kennt. Was die Düsterkeit der Themen und Figuren angeht, auch die Darstellung von Gewalt, erinnert in der Tat vieles an Serien aus dem US-Pay-TV. Selbst für HBO-Fans ungewohnt dürfte hingegen der Grad von Ekelexzessen sein, den die Macher den Zuschauern zumuten. Diese Szenen dürften wohl Einigen sauer aufstoßen.
Anders als viele aktuelle, hochwertige Serien aus Hollywood lädt "Gommorha" aber nicht zur Realitätsflucht ein. Vielmehr zeigt sie uns unbedarften ausländischen Zuschauern, was es wirklich heißt, in einer Gesellschaft zu leben, in der Gewalt und Verbrechen allgegenwärtig sind - und plakativ hoch gehaltene Werte wie Ehre und Familie nur hohle Phrasen. Um das zu vermitteln, bietet eine lange Form wie eine Fernsehserie sicher mehr Möglichkeiten als ein einzelner Kinofilm. Nach den ersten vier Folgen zu urteilen, verstehen Saviano, Sollima und ihre Mitstreiter diese auch sehr gut zu nutzen.
Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten vier Folgen der Serie.
Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: Sky Italia/Beta Film
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