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TV-Kritik/Review: "Midnight Mass": Keine plärrende Horrorshow, sondern bedrückende Auseinandersetzung mit Glauben und Alkoholsucht

von Christopher Diekhaus
(26.09.2021)
Auf einsamer Insel kommt es nach Ankunft eines neuen Priesters zu wundersamen Ereignissen
Die schwangere Lehrerin Erin Greene (Kate Siegel) wundert sich über die Ereignisse auf Crockett Island.
Netflix
TV-Kritik/Review: "Midnight Mass": Keine plärrende Horrorshow, sondern bedrückende Auseinandersetzung mit Glauben und Alkoholsucht/Netflix

Kennern des modernen Horrorschaffens dürfte der Name Mike Flanagan längst geläufig sein. Seit  "Absentia" aus dem Jahr 2011, seinem vierten Spielfilm als Regisseur, Drehbuchautor und Editor in Personalunion, bewegt er sich ausschließlich in düsteren Genregefilden. Neben der an den Kinokassen böse gefloppten  "Shining"-Fortsetzung  "Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen" entstanden unter seiner kreativen Leitung in jüngerer Vergangenheit auch die beiden mehrteiligen Netflix-Produktionen  "Spuk in Hill House", basierend auf dem gleichnamigen Roman von Shirley Jackson, und  "Spuk in Bly Manor", die einige Arbeiten von Henry James, in erster Linie seine berühmte Novelle "Die Drehung der Schraube", einer Neuinterpretation unterzieht. Im Rahmen eines umfassenden Exklusivdeals, den Flanagan mit dem Streaming-Giganten vereinbart hatte, entwickelte er nach eigener Idee nun die Miniserie  "Midnight Mass", die ebenfalls als Horrorerzählung angepriesen wird. Gruselige und übernatürliche Elemente sind durchaus vorhanden. Die ersten drei Episoden legen allerdings nahe, dass es dem Film- und Fernsehmacher dieses Mal noch stärker als in früheren Werken darum geht, menschliche Ängste und Schwächen zu sezieren.

Wer mit Flanagans Karriere vertraut ist, wird nicht bestreiten, dass seine Gruselstoffe stets mehr sind als aufdringliche, nur den schnellen Schock im Blick habende Geisterbahnfahrten. Seine Figuren nimmt der Schauerenthusiast immer ernst und lässt sie nie zu platten Funktionsträgern oder billigem Kanonenfutter verkommen. Gut zu sehen am Beispiel von "Spuk in Hill House", wo Themen wie Trauer und Verlust eine gewichtige Rolle spielen und dem Geschehen eine ungeahnte emotionale Tiefe verleihen. Furchteinflößender als alle "echten" Gruselszenen sind hier die Momente, in denen der Schmerz, den die Menschen mit sich herumtragen, schonungslos hervorbricht.

Im Wissen um Flanagans Verständnis von Horror, der tief im Inneren entsteht, sollte es nicht verwundern, dass der Regisseur den eingeschlagenen Weg auch in seinem neuesten Projekt beibehält. "Midnight Mass" dem Unheimlichen zuzuordnen ist sicherlich nicht falsch. Das Grauen entfaltet sich jedoch aufreizend langsam, was Freunde des gerade im US-Mainstreamkino sehr beliebten Jump-scare-Stils schnell frustrieren wird. All jene, die auf eine Parade der Knalleffekte und Blutfontänen aus sind, sollten - so muss man zumindest nach Ansicht der ersten drei Episoden konstatieren - einen weiten Bogen um die Netflix-Miniserie machen, die in sieben bedeutungsschwanger betitelten Teilen von einer kleinen, abgeschiedenen Insel handelt, auf die zu Beginn, nach vielen Jahren der Abwesenheit, der frisch aus dem Gefängnis entlassene Riley Flynn (Zach Gilford) zurückkehrt.

Widerwillig zieht es Riley Flynn (Zach Gilford) in seine alte Heimat.
Widerwillig zieht es Riley Flynn (Zach Gilford) in seine alte Heimat. Netflix

Ein Unfall unter Alkoholeinfluss und mit Todesfolge hat den jungen Mann vier Jahre zuvor in den Knast gebracht und sein bisheriges Leben von einem Augenblick auf den anderen zerstört. Um wieder auf die Füße zu kommen und eine neue Perspektive zu finden, quartiert sich der in Visionen von seinem Opfer verfolgte Riley mit sichtbarem Unbehagen bei seinen Eltern Annie (Kristin Lehman) und Ed (Henry Thomas) ein, die ihren katholischen Glauben mit großer Hingabe pflegen. Auf der Suche nach Halt und Sinn hat sich der früher selbst sehr gottesfürchtige Riley, wie wir an einer Stelle erfahren, mit allen möglichen Religionen auseinandergesetzt, um schließlich als Atheist zu enden. Natürlich sorgt seine inzwischen ablehnende Haltung schon kurz nach seiner Ankunft für erste Misstöne zwischen ihm und seinem Vater.

Dem Zweifeln des Ex-Häftlings setzt Showrunner Flanagan, der überdies bei jeder der sieben Folgen Regie führte, das unerwartete Auftauchen des Priesters Vater Paul (Hamish Linklater) entgegen, dem die Aufgabe zufällt, den während einer Pilgerreise erkrankten, bereits gebrechlichen Ortspfarrer zu vertreten. Dass der frisch eingetroffene Geistliche eine merkwürdige Mission verfolgt, drängt sich dem Zuschauer beim Anblick der riesigen Holzkiste, die er mit sich schleppt, umgehend auf. "Midnight Mass" zeichnet Paul allerdings nicht als klischeehaft sinistren Unruhestifter, sondern präsentiert ihn als einen charismatischen, unaufgeregten Mann, dem das Wohl der einsamen Gemeinde tatsächlich wichtig zu sein scheint.

Was führt der neue Priester Vater Paul (Hamish Linklater) im Schilde?
Was führt der neue Priester Vater Paul (Hamish Linklater) im Schilde? Netflix

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, wie der Serienschöpfer sein raues Setting skizziert. Die guten Zeiten, wenn es sie denn jemals gab, hat Crockett Island definitiv hinter sich gelassen. Unebene Schotterpisten dienen als Straßen. Die Häuser der Bewohner sehen heruntergekommen aus. Und seit einer Ölkatastrophe in der Nähe leiden die einheimischen Fischer unter drastischen Fangbeschränkungen. Auch wenn es regelmäßigen Fährverkehr mit dem Festland gibt, wirkt es so, als sei die Welt außerhalb dieses Mikrokosmos fast unerreichbar. Verstärkt wird der Eindruck der Isolation auch durch eine seltsam angestaubte Ausstattung. Rileys Eltern besitzen etwa einen Uraltfernseher und ein Old-School-Telefon. Dass wir uns im Hier und Jetzt befinden, verdeutlichen hingegen Plakate von modernen Filmen - hier sticht David Finchers stark religiös gefärbter Serienkillerthriller  "Sieben" hervor - und ein Bild des aktuellen Papstes Franziskus, das im Pfarrhaus an der Wand hängt.

Eben dieser trostlose Ort, an dem selbst der einst so starke Bezug zur Kirche schleichend verloren zu gehen droht, erfährt durch den Auftritt Vater Pauls eine unverhoffte Wandlung. Als am Morgen nach einem tosenden Sturm zahlreiche tote Katzen am Strand liegen, glauben nicht wenige, Unheil künde sich an. Kurz darauf geschieht jedoch ein erstes großes Wunder, das den Lebensmut und den Glauben der Menschen wieder entflammt. Diffus zeichnet sich gleichzeitig aber ab, dass die auflodernde Frömmigkeit die Wurzel handfester Konflikte und Spannungen sein wird. Wie die erzkonservative Bev Keane (Samantha Sloyan) die mirakulösen Entwicklungen ausnutzt, um die katholischen Lehren wieder zu zementieren, lässt jedenfalls nichts Gutes vermuten. Besonders eine Diskussion mit Hassan (Rahul Kohli), dem muslimischen Sheriff der Insel, könnte den Boden für eine mögliche Ausgrenzung und Ächtung Andersgläubiger bereiten.

Streng wacht Bev Keane (Samantha Sloyan) über die Frömmigkeit der Inselbewohner.
Streng wacht Bev Keane (Samantha Sloyan) über die Frömmigkeit der Inselbewohner. Netflix

Der Inselschauplatz weckt - wohl nicht ungewollt - Erinnerungen an Robin Hardys Kultstreifen  "The Wicker Man". An einer Stelle meint man eine Verneigung vor Alfred Hitchcocks Klassiker  "Die Vögel" zu erkennen. Und wiederholt, wenn auch wohl dosiert, streut Flanagan klassische Schauereffekte ein. Wirklich gruselig sind die ersten drei Episoden allerdings nicht, da der Horroraspekt der Geschichte im Hintergrund bleibt. Zumeist legt sich, auch befeuert durch den wiederkehrenden Einsatz von Kirchenliedern, eine handfeste Beklemmung über die Handlung. Dem Serienschöpfer, der selbst Messdiener war und mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte, liegen die Frage nach dem Glauben, die inneren Verletzungen und die Schuldgefühle der Figuren spürbar am Herzen. Und so führt er in gewisser Weise den Suchtdiskurs fort, den er schon in "Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen" angestoßen hat.

Ist es nicht wunderbar, dass das Vertrauen auf eine höhere Macht selbst im Angesicht größter Katastrophen Linderung bieten kann? Warum lässt Gott so viel Leid in der Welt zu? Wie leicht entspringt aus Frömmigkeit blinder Eifer? Und ist trotz Hass Vergebung möglich? Immer wieder konfrontiert "Midnight Mass" den Betrachter mit Dialogszenen oder Rededuellen, in denen Überlegungen wie diese überraschend ausführlich beleuchtet werden. Exemplarisch ist ein Treffen im Freizeitzentrum der Inselgemeinde, bei dem Riley Vater Paul all seine Kritik an den Heilsversprechungen der Bibel entgegenschleudert. Lange aufgestaute Wut und tiefsitzende Gewissenbisse fördert außerdem eine Begegnung zwischen der Teenagerin Leeza Scarborough (Annarah Cymone) und dem Inseltrinker Joe Collie (Robert Longstreet) zu Tage, die ein tragisches Schicksal verbindet. Sollte es Flanagan gelungen sein, die menschliche Ebene auch nach der dritten, mit einem kleinen Paukenschlag endenden Folge zu konservieren und nicht in hektisches Horrorgepolter zu verfallen, dürfte die Miniserie noch eine Reihe schmerzhaft eindringlicher Passagen bereithalten.

Der Text basiert auf der Sichtung der ersten drei von insgesamt sieben Folgen der Miniserie "Midnight Mass".

Meine Wertung: 3.5/5

Die Miniserie "Midnight Mass" ist seit dem 24. September 2021 auf Netflix verfügbar.


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Leserkommentare

  • Mac Birdie (geb. 1967) schrieb am 21.10.2021, 20.42 Uhr:
    Herrlich, wie einem vor Augen geführt wird welch Wahn eine willkürliche Interpretation von Bibeltexten frei setzten kann. Möge diese Serie eine Warnung an alle Eiferer sein. Recht bekommt hier nur die Gier! Also mein Fazit: Liebe, Gönne, ertrage Leid aber bleib Mensch! Am E de zählt nix anderes! Schade, dass alle die Fanatiker sich sowas nie ansehen. Schön, dass die Muslime diesmal nicht die doofen sind! Amen!
  • Sentinel2003 (geb. 1967) schrieb am 28.09.2021, 20.17 Uhr:
    Der Trailer zu dieser Serie, den es natürlich auch auf Netflix gibt, hat in mir null Bedürfnis geweckt.
  • Chrissi50 (geb. 1967) schrieb via tvforen.de am 26.09.2021, 23.02 Uhr:
    Abgesehen von den manchmal endlosen Dialogen und Monologen,war die Serie sehr spannend
  • DerLanghaarige schrieb am 26.09.2021, 15.44 Uhr:
    Wow, "Der Babadook" hat das Horrorgenre ganz schön ruiniert. Plötzlich gibt es fast nur noch Dramen über Trauer, menschliches Fehlverhalten, etc, in denen dann ein oder zwei Geister durchs Bild latschen, damit man es als "Horror" verkaufen kann.
    Und die Kritiker, die noch nie in ihrem Leben einen Horrorfilm gesehen haben und denken, dass es nur aus Freddy, Jason und tOrTuRe PoRn besteht, glauben plötzlich, dass dieses ach so dumme und primitive Genre, dass schon zu seinen literarischen Anfängen genau diese Themen auf oft clevere Weise behandelte, dabei aber nie vergaß, den Menschen auch tatsächlich dass zu servieren, was man ihnen versprochen hatte, plötzlich neue Impulse bekommen hat und nun zum allerersten Mal auch ihren Intellekt befriedigt. George Romero dreht sich im Grabe um.