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TV-Kritik/Review: Tyrant

TV-Kritik zum Nahostdrama von Howard Gordon - von Marcus Kirzynowski
(28.07.2014)

Tyrant
Bassam Al Fayeed alias "Barry" (Adam Rayner, m.) kehrt zu seiner muslimischen Familie zurück.

Um "Tyrant", die neue Serie von "24"- und "Homeland"-Produzent Howard Gordon und "Hatufim"-Schöpfer Gideon Raff, lieferten sich die Kabelsender HBO und FX angeblich einen harten Wettstreit, aus dem letzterer schließlich als Sieger hervorging. Wenn man sich das fertige Produkt ansieht, kann man den Sender nur im Nachhinein bemitleiden, dass man das Projekt nicht der Konkurrenz überlassen hat: Man hätte sich ein künstlerisches Desaster erspart. Obwohl das Konzept vorab als potentielle Hitshow gehandelt wurde (nicht zuletzt wegen der großen Namen auf Autoren-, Produzenten- und Regieseite), deutet schon die Entstehungsgeschichte des Piloten darauf hin, dass am Ende nichts Gutes dabei herauskommen konnte. Auch wenn der Hollywood Reporter bei deren Schilderung sehr zurückhaltend blieb, lässt sich doch herauslesen, dass während der Dreharbeiten und bei der Vor- und Nachproduktion des Nahostdramas so ziemlich alles schief ging, was nur schief gehen kann. Der für die Auftaktfolge als Regisseur auserkorene mehrfache 'Oscar'-Preisträger Ang Lee machte schon vor Drehstart einen Rückzieher, Serienschöpfer Raff (der die Ursprungsfassung des Skripts schrieb) und Gordon, der gemeinsam mit "Six Feet Under"-Alumni Craig Wright die weitere Entwicklung übernahm, zerstritten sich offenbar über die zahlreichen Änderungen und die grundsätzliche Ausrichtung der Serie, bis Raff seinen Hut nahm. Man kann es ihm und Ang Lee nicht verdenken, denn was Gordon und Wright aus der grundsätzlich reizvollen Idee gemacht haben, spottet jeder Beschreibung.

Im Ansatz ist "Tyrant" eine jener Cultural-Clash-Geschichten zwischen Westen und (Nahem) Osten, die Gordon so liebt: Der seit Jahrzehnten in den USA lebende Arzt Bassam Al Fayeed alias "Barry" (Adam Rayner) kehrt (auf Druck seiner angloamerikanischen Ehefrau) in sein muslimisches Heimatland zurück, um der Hochzeit seines Neffen beizuwohnen. Dummerweise ist nicht nur Barrys Vater Khaled (Nasser Faris) der verblendete Diktator des fiktiven Staats Abbudin, sondern zudem sein Bruder Jamal (Ashraf Barhom) ein psychopathischer Tyrann. Das wird uns gleich in der ersten Szene ohne Fackeln präsentiert, in der dieser - offenbar zum wiederholten Male - eine Frau in deren Haus vergewaltigt, während seine Soldaten ihre Familie in Schach halten. Danach trifft Barry erst im Land ein und dann - eher distanziert - auf seine diversen Verwandten, derentwegen er seinerzeit ausgewandert ist. Parallel laufen die Vorbereitungen für die prunkvolle, aber von Terroristen bedrohte Vermählung auf Hochtouren. Am Ende des Piloten sind die jungen Leute zwar getraut, aber auch der Diktator einem Schlaganfall erlegen und dessen designierter Nachfolger Jamal schwer verletzt im Straßengraben gelandet (erzwungener Oralsex während der Autofahrt ist halt doch keine ganz so clevere Idee).

Tyrant
Ashraf Barhom verkörpert Barrys tyrannischen Bruder Jamal.
Die Absurdität dieses Cliffhangers erinnert nicht zufällig an klassische US-Primetime-Soaps wie "Dallas", wo der Oberbösewicht ja auch gerne mal angeschossen in die Sommerpause entlassen wurde. Mit "?Dallas? im Nahen Osten" lässt sich die Machart von "Tyrant" nämlich wohl am besten beschreiben. Was vermutlich einmal als kontroverse Auseinandersetzung mit unterschiedlichen politisch-kulturellen Systemen (und eben deren Aufeinanderprallen) gedacht war, entgleitet unter Gordons Händen zu einem ideologischen Machwerk, das in seiner dumpfen Schwarz-Weiß-Malerei einfach nur ärgerlich ist: Muslime sind hier entweder Terroristen oder durchgeknallte Machtmenschen, die Frauen entweder Opfer oder Intrigantinnen, die keine Skrupel haben, für ihre psychopathischen Ehemänner die Beine breit zu machen, um ihr Luxusleben zu sichern. Der durch sein Studium in den USA mit "westlichen" Werten sozialisierte Barry ist hingegen der reflektierende Moralist, der mit all dem Wahnsinn im Grunde nichts zu tun haben will. Durch eine Rückblende in die Kindheit des ungleichen Brüderpaars soll die moralische Überlegenheit Barrys zwar gegen Ende des Piloten relativiert werden, das wirkt allerdings auch nur wie ein weiterer an den Haaren herbeigezogener Plot-Twist. Weder den Drehbüchern noch dem Darsteller Rayner gelingt es nämlich in den ersten drei Folgen, der Figur eine glaubwürdige Ambivalenz zu verleihen.

Wobei Glaubwürdigkeit ohnehin eine Eigenschaft ist, die man in dieser Serie vergeblich sucht. Das fängt mit der grundsätzlichen kreativen Fehlentscheidung an, dass alle arabischen Figuren immer Englisch sprechen - auch wenn gar kein Amerikaner zugegen ist. So hält dann selbst der Präsident seine flammenden Ansprachen ans Volk in gebrochenem Englisch - im Zeitalter bilingualer Kabelserien (die im Falle von "The Americans" oder "The Bridge - America" sogar auf demselben Sender laufen) ein Anachronismus. Aber auch auf der Handlungsebene ist "Tyrant" weitgehend absurd: Um die Bösartigkeit Jamals zu demonstrieren, reicht im Piloten nicht eine Vergewaltigung, nein, er muss auch noch seine künftige Schwiegertochter vor deren Hochzeitsnacht "entjungfern". Und Barrys Sohn kennt trotz des muslimischen Hintergrunds seines Vaters nicht einmal die Erwiderung auf den gängigen Gruß "Salem Aleikum".

Wichtiger als ein solches Detail scheint den Produzenten zu sein, dass der Exploitation-Grad immer schön hoch bleibt: Da muss die Geisel in der zweiten Folge natürlich mit zerrissener Bluse gefesselt vor dem Geiselnehmer sitzen und ihm auch noch - als Angebot, um freizukommen - zuraunen: "Du hast noch nie die Brust einer Frau gesehen!" Auch wenn Jamal seine schöne junge Gattin gierig beim Duschen anstarrt, dient das keinem anderen Zweck, als noch ein paar sexuell unausgelastete Zuschauer zu gewinnen. Im Grunde ist "Tyrant" ein Porno - nicht etwa, weil es explizite Sexszenen gäbe, sondern weil Buch und Inszenierung - ähnlich wie sogenannte Torture Porn-Horrorfilme, etwa die "Saw"-Reihe - im Grunde ständig nur an die niederen Instinkte der Zuschauer appellieren: was in diesem Fall vom Bedienen antiislamischer und antiarabischer Vorurteile bis zu Vergewaltigungsphantasien reicht.

Was die rein filmisch-handwerkliche Ebene abseits des Inhalts angeht, macht die Serie nicht viel falsch: Die Sets sind aufwändig, die Bildsprache erinnert an Premium-Kabelserien von HBO oder Showtime. Der Score neigt allerdings zu übertriebenem Pathos, wodurch zum Beispiel die Trauerrede für den Diktator einen unpassenden Hauch von "Harry Potter" bekommt. Vielleicht liegt das daran, dass dessen mehrmaliger Regisseur David Yates nach Ang Lees Abgang die Inszenierung des Piloten übernahm. Der konnte jedoch ohnehin nichts mehr retten: "Tyrant" ist ein Musterbeispiel, was dabei herauskommt, wenn alle wichtigen Beteiligten komplett unvereinbare kreative Vorstellungen haben - und ein starkes Indiz dafür, dass die erste "Homeland"-Staffel wohl doch nur das eine Korn war, das auch ein "blindes Huhn" wie Howard Gordon einmal findet.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von "Tyrant".

Meine Wertung: 1.5/5

Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: FX


 

Über den Autor

  • Marcus Kirzynowski
Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für TV Wunschliste und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

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