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TV-Kritik/Review: "Die Ibiza Affäre": Großartiger Mehrteiler auf den Spuren des Politskandals

von Ralf Döbele
(20.10.2021)
Sky-Serie entblättert die elegante Leichtigkeit der Korruption
"Die Ibiza Affäre" startet am 21. Oktober bei Sky
Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg
TV-Kritik/Review: "Die Ibiza Affäre": Großartiger Mehrteiler auf den Spuren des Politskandals/Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg

Sie fragen sich in diesen Stunden vielleicht: Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Als der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen diese Frage am 8. Oktober in einer Pressekonferenz in den Raum stellte, war klar: Die Zweite Republik war innerhalb von nur zwei Jahren in ihre zweite Regierungskrise gestürzt. Chat-Skandal, vermeintlich gekaufte Umfrageergebnisse, der bislang wie Teflon wirkende ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz in Bedrängnis. All dies war jetzt schon wieder passiert, nachdem die Ibiza-Affäre erst 2019 international für Schlagzeilen gesorgt und das Ende der Koalition zwischen der konservativen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ eingeläutet hatte.

Hatte FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache damals wirklich vor laufenden Kameras einer vermeintlichen russischen Oligarchin Einflussnahme auf die österreichische Vergabepolitik bei Staatsverträgen auf dem Silbertablett serviert? Er hatte und es war sein Aus. Für die beiden Investigativ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier (nicht verwandt und nicht verschwägert), die bereits für ihre Berichterstattung über die Panama Papers den Pulitzer Preis erhalten hatten, war es dagegen ein weiterer Coup. Ihr gemeinsam verfasstes Sachbuch über die Ibiza-Affäre verschlingt man als Leser noch schneller als so manchen Polit-Thriller.

Dementsprechend hoch waren die Erwartungen vor der aktuellen Verfilmung des Skandals, die am 21. und 28. Oktober beim Pay-TV-Sender Sky Atlantic jeweils um 20.15 Uhr in Doppelfolgen ausgestrahlt wird und ab sofort auch bei Sky Ticket verfügbar ist. Dass es  "Die Ibiza Affäre" ins Miniserien-Universum geschafft hat, überrascht kaum in einer Zeit, in der sich verschiedene Anbieter mit Adaptionen realer Kriminalfälle zu übertrumpfen versuchen. Egal ob  Lewinski-Skandal oder  "Wirecard-Story" - die nächste Verfilmung wartet bereits, mal mit mehr, oft aber auch mit weniger überzeugenden Ergebnissen.

Glücklicherweise beschränkt sich der Vierteiler von Regisseur Christopher Schier ( "Wir sind Kaiser" /  "Tatort") aber nicht darauf, den Protagonisten lediglich falsche Schnurrbärte, dicke Sakkos und klobige Brillen zu verpassen, um sie in berühmte Rollen schlüpfen zu lassen. Trotz schwieriger erster Minuten, in denen man sich als Zuschauer zunächst nur mühsam im Geflecht der Figuren und Zeitebenen zurechtfindet - "Die Ibiza Affäre" nimmt recht schnell an Fahrt auf und entwickelt sich zu einem überaus rasanten und spannenden Politthriller, der mit kreativer Bildsprache, Präzision und einem Gespür für glaubwürdige Figurenzeichnung zu überzeugen weiß.

Schmieden Pläne gegen FPÖ-Chef Strache: Anwalt Ramin M. (David A. Hamade, l.) und Detektiv Julian H. (Nicholas Ofczarek, r.)
Schmieden Pläne gegen FPÖ-Chef Strache: Anwalt Ramin M. (David A. Hamade, l.) und Detektiv Julian H. (Nicholas Ofczarek, r.) Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg

Im Jahr 2013 gerät der gutsituierte Wiener Anwalt Ramin M. (David A. Hamade -  "4 Blocks") in den Besitz brisanter Informationen über FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache (Andreas Lust -  "Schnell ermittelt"), die er aber zunächst nicht an die Öffentlichkeit bringen kann. Erst als er auf den Privatdetektiv Julian H. (Nicholas Ofczarek -  "Das Geheimnis des Totenwaldes") trifft, reift bei dem iranischstämmigen Juristen ein Plan, der durch die Erdrutsch-Wahlerfolge der FPÖ im Migrations-Jahr 2015 noch befeuert wird. Irgendwie muss man Strache und seine Partei zu Fall bringen! Aber wie?

Zugang zum FPÖ-Boss erhoffen sich die beiden durch Johann Gudenus (Julian Looman -  "Marie fängt Feuer"), FPÖ-Klubobmann und seit Jahren der vielleicht engste Vertraute Straches. Er und seine Ehefrau Tatjana (Cosima Lehninger) erweisen sich als durchaus empfänglich für das Angebot einer jungen Maklerin (Deleila Piasko): Eine 300 Millionen Euro schwere russische Oligarchin (Anna Gorshkova) möchte sich demnach ein Anwesen in Österreich kaufen und die Familie Gudenus verfügt nach dem Ableben von Johanns Vater über genau ein solches. Wie wurde die Maklerin auf die vermeintliche Oligarchin aufmerksam? Durch die Vermittlung durch Anwalt Ramin natürlich.

Was unter der Federführung von Ramin und Julian in den nächsten Wochen mit Ach und Krach und allerlei Rückschlägen entsteht, landet schließlich auf dem Schreibtisch von zwei Journalisten der Süddeutschen Zeitung. Bastian Obermayer (Stefan Murr - "Marie fängt Feuer") und Frederik Obermaier (Patrick Güldenberg) können zunächst nicht glauben, was sie da auf ihren Bildschirmen sehen. Bis zur Veröffentlichung eines auf Ibiza gedrehten Beweisvideos, müssen die beiden aber allerlei Hürden überwinden und sich davon überzeugen, dass die angebliche Oligarchin freiwillig und nicht aus dubiosen Beweggründen an der Aktion teilgenommen hat.

Die "Obermaiers" werten das sechs Stunden lange Ibiza-Video aus.
Die "Obermaiers" werten das sechs Stunden lange Ibiza-Video aus.Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg

Es kann sicher nicht schaden, sich noch einmal an die Ereignisse von damals ins Gedächtnis zu rufen oder zumindest den Wikipedia-Artikel zur Ibiza-Affäre kurz zu studieren, bevor man bei der Sky-Serie auf den Startknopf drückt. Von Anfang an hat es der Zuschauer mit verschiedenen Zeitebenen und einem komplexen Figurengeflecht zu tun, mit dem man sich erst einmal anfreunden muss. Sobald dies aber gelingt, macht man die von den Autoren Stefan Holtz und Florian Iwersen ( "Blood Red Sky" /  "Donna Leon") äußerst geschickt konstruierte Ibiza-Zeitreise nur allzu gerne mit. Orientierung bieten bildschirmfüllende Einblendungen und eine ganze Reihe von Farbpaletten, die Handlungszeiten und Orte klar kennzeichnen.

Die größte Stärke des Vierteilers ist aber zweifellos seine Figurenführung. Strache, Gudenus, aber auch Detektiv, Maklerin oder die geheimnisvolle Oligarchin sind hier keine zweidimensionalen oder hölzernen True-Crime-Abziehbilder. Als handelnde Figuren sind sie in der "Ibiza Affäre" absolut glaubhaft, vielschichtig und immer interessant. Nicholas Ofczarek nimmt als Detektiv Julian H. die Zuschauer quasi bei der Hand und erzählt rückblickend von seinem Handeln. Er ist dabei kaum weniger zwielichtig als seine zukünftigen Opfer, wenn auch sichtlich vom Leben gezeichneter. Warum er all das mitmacht? Vermutlich ebenfalls des Geldes wegen, doch wir wissen praktisch von Anfang an, sehen wird er es nie. Die Leere, die Julian empfindet, nachdem das Werk vollbracht ist und ihm klar wird, was nun auf ihn zukommt, ist auch aufgrund von Ofczareks Leistung in dieser Rolle einer der stärksten Momente der Miniserie.

Irgendwo in Rumänien blickt Julian H. (Nicholas Ofczarek) auf die Zeit der Ibiza-Affäre zurück.
Irgendwo in Rumänien blickt Julian H. (Nicholas Ofczarek) auf die Zeit der Ibiza-Affäre zurück. Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg

Julian Looman ist herausragend als Straches treuergebener Partei-Vasall Gudenus, dem man praktisch jeden Gedankengang an den Gesichtszügen ablesen kann. Was man dort findet, ist die erschreckende Verkörperung eines minderbemittelten Opportunismus, für den bereits die Vorstellung von Hybris nicht existent ist. Eine russische Oligarchin möchte investieren und Einfluss auf Politik und Gesellschaft im eigenen Heimatland nehmen? Bitte sehr! Sie möchte Strache kennenlernen? Nun, das möchten viele. Gudenus hat keine eigene Macht und das weiß er recht genau. Sie speist sich vielmehr aus seiner Verbindung zu seinem ehemaligen Burschenschafts-Kumpan "H.C.", den er nach Bedarf aus dem Hut zaubern kann, um sich selbst zu profilieren. Dennoch genießt er das Leben als Wiener Vize-Bürgermeister ohne Büro, aber mit reichlich Kaffeehaus- und Shopping-Gelegenheiten in vollsten Zügen.

Die russische Schauspielerin Anna Gorshkova verkörpert in absoluter Perfektion und mit vergnügter Selbstverständlichkeit den feuchten Fiebertraum einer Bananenrepublik, in der sich Strache und Gudenus offensichtlich am Wohlsten fühlen würden - und jenen stillosen Reichtum, den sie allzu gerne selbst hätten. Dennoch läuft der Plan der vermeintlichen Oligarchin und von Privatdetektiv Julian, der ihren strengen Beschützer mimt, alles andere als rund. Schon alleine die Reaktion der beiden auf den desolaten und verdreckten Zustand der Ibiza-Villa, in der schließlich das Video aufgezeichnet werden soll, ist urkomisch und absolut sehenswert.

Strache (Andreas Lust, 2.v.l.) und Gudenus (Julian Looman, r.) reden und posen sich um Kopf und Kragen.
Strache (Andreas Lust, 2.v.l.) und Gudenus (Julian Looman, r.) reden und posen sich um Kopf und Kragen.Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg

In dem hier gezeigten Geflecht werden "die Obermaiers" eher zu Nebenfiguren. Dennoch strahlen die beiden zielstrebigen und umsichtig arbeitenden Journalisten in der Gestalt von Stefan Murr und Patrick Güldenberg Wärme und Zuversicht aus. Es hat sicher etwas für sich, die Ibiza-Affäre chronologisch durch ihre Augen aufgeblättert zu sehen, genau dies lieferten die beiden in ihrem Sachbuch. Dennoch muss sich die Verfilmung in Sachen Spannung keinesfalls hinter der Vorlage verstecken. Vor allem die Detailverliebtheit der Macher beeindruckt und natürlich auch, dass am echten "Tatort" gefilmt wurde. Manchmal glaubt man seinen Augen kaum zu trauen, wenn man das nachgedrehte Ibiza-Video sieht.

Ist "Die Ibiza-Affäre" also an Perfektion kaum zu überbieten? Wohl kaum. Die erste Viertelstunde ist zäh und Regisseur Schier verliert sich zwischendurch immer mal wieder in seinen verspielten Parallelschnitten, die meist mit doch recht simplistischer und somit überflüssiger Bildsprache daherkommen. Ein Angler hat den Fisch am Haken und ein Kind genießt den darnieder rieselnden Schnee? Selbst Falco sang bereits 1982 vom "zu viel Weiß" in dieser Stadt Wien. Fantasievoll ist anders. Andererseits waren das die Pläne von Strache und Gudenus natürlich auch nicht.

Schließlich ist da noch der Wiener Schmäh, der bereits für die Obermaiers nicht immer leicht zu verstehen war: Ihr habt's bestimmt nur die Hälfte verstanden?! fragt sie der österreichische Reporter-Kollege, der die Story parallel im Heimatland des Skandals veröffentlichten möchte. Gut, mehr als die Hälfte versteht man als deutscher Zuschauer sicherlich, wobei das vermutlich auch vom individuellen  "Kottan ermittelt"-Konsum eines jeden Fernsehfans abhängt. Aber hier und da schaltet man als Piefke dann doch ganz gerne jene deutschen Untertitel ein, die ansonsten den englischen und russischen Passagen vorbehalten sind.

Täuschend echt: Das Ensemble der "Ibiza Affäre"
Täuschend echt: Das Ensemble der "Ibiza Affäre" Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg

Nichtsdestotrotz, wenn man erst einmal den Weg zur Partyinsel angetreten hat, kommt man kaum mehr davon weg. "Die Ibiza Affäre" zeichnet ein in seiner Surrealität schon wieder hyperreales Sittenbild politischer Strukturen, in denen eine Nacht im Luxus-Hotel, ein Kilo Kaviar oder genügend Vorrat an Red Bull ausreichen, um die Zukunft der eigenen Bevölkerung zu verscheuern. Die Einfachheit der Korruption macht das Gezeigte so erschreckend - und so glaubwürdig.

Folgt schon bald ein Sequel mit Kanzler Kurz in der Hauptrolle? Es bleibt abzuwarten. Bis dahin konstatieren wir nicht nur ganz munter: "Whoah! We're going to Ibiza!" Sondern es regt sich auch die Vermutung: Womöglich sind wir schon da.

Meine Wertung: 4/5

"Die Ibiza Affäre" wird am 21. und 28. Oktober jeweils im Doppelpack bei Sky Atlantic ausgestrahlt. Ab dem 21. Oktober sind außerdem sämtliche Episoden über Sky Q und Sky Ticket abrufbar.

Wer tiefer in die Materie eindringen möchte, kann dies auch mit dem 90-minütigen Dokumentarfilm "Das Ibiza-Video: Ein journalistischer Krimi" tun. Er wird ebenfalls am 21. Oktober bei Sky Ticket veröffentlicht. Das Sachbuch "Die Ibiza-Affäre - Innenansichten eines Skandals", auf dem die Miniserie beruht, ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Trailer


 

Über den Autor

Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von "Der Denver-Clan", "Star Trek" und "Aktenzeichen XY…ungelöst". Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie "Friday Night Lights" oder "The West Wing" genauso wie die Prime Time Soaps "Melrose Place" und "Falcon Crest", die Comedys "I Love Lucy" und "M*A*S*H" oder das "Law & Order"-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie "Derrick" oder "Bella Block" finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist als freier Redakteur für TV Wunschliste tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

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