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TV-Kritik/Review: "The White Lotus": Superreiche Abgründe im HBO-Luxus-Resort
von Ralf Döbele(12.07.2021)

Sommerzeit, Urlaubszeit, Zeit der Sehnsucht - vor allem in diesem Jahr, wo vermeintlich alle erpicht darauf sind, verlorengegangene Zeit unter Palmen wieder aufzuholen. Doch wer sich allzu sehr nach einem Liegestuhl am Strand verzehrt, könnte durch
Die neue HBO-Serie, die am Montag, den 12. Juli auch bei Sky Deutschland im Originalton on Demand an den Start geht, nimmt die Zuschauer zwar mit an einen abgelegenen Traumstrand auf Hawaii. Doch in der neuen sechsteiligen Miniserie von Autor und Regisseur Mike White (

Sie setzten ihr breitestes Lächeln auf, wie sie es bereits hunderte Male getan haben. Hotel-Manager Armond (Murray Bartlett -
Dieser Anspruch wird auch sogleich auf eine harte Probe gestellt, als Belinda es nicht gelingt, der alleine reisenden Tanya (Jennifer Coolidge,
Hinter ihren professionellen, freundlichen Gesichtern ist es Armond und Belinda ohnehin klar: Diese reichen Gäste sind wie Kinder und so sollte man sie auch behandeln. Es geht ihnen nicht ums Geld, sie möchten einfach nur gesehen werden. So erblüht auch Tanya nach ihrer Behandlung bei Belinda regelrecht zu neuem Leben, welches sie aber leider doch recht stark an ihrer Gastgeberin festmachen möchte.

Einfach nur seine Ruhe haben möchte dagegen Quinn Mossbacher (Fred Hechinger), der Sohn des superreichen Ehepaars Nicole (Connie Britton,
Zeitgleich besteht Vater Mark darauf, dass sich seine erfolgreiche Unternehmergattin nach längerer Zeit seine Eier einmal wieder aus der Nähe ansieht - wortwörtlich. Mark hat große Angst, an Hodenkrebs erkrankt zu sein und erst ein Anruf des Arztes auf dem Festland könnte für Entwarnung sorgen. Nicole tut das, was sie offensichtlich am besten tut, auch in ihrem erfolgreichen Tech-Konzern: die Situation managen, beschwichtigen und das Unternehmen Familienurlaub
am Laufen halten.
Abwiegeln und beschwichtigen ist bei Armond auch die Devise, sobald es um das frisch vermählte Ehepaar Patton (Jake Lacy,

Schon in den ersten Minuten von "The White Lotus" steht fest: Am Ende dieses einwöchigen Luxus-Aufenthalts werden wir eine tote Hauptfigur haben. Aber ist es Rachel? Jedenfalls hat Patton gleich zu Beginn vom Terminal aus freie Sicht darauf, wie Flughafenarbeiter eine gut verpackte Leiche in den Ferienflieger zurück nach Honolulu verfrachten.
Glücklicherweise verkommt die HBO-Miniserie dennoch nicht innerhalb kürzester Zeit zur Mörder- und Tätersuche. Serienschöpfer Mike White erweist sich als außerordentlicher Beobachter von Verhaltensmustern und Dynamiken, egal ob bei den Hotelmitarbeitern, der Familie Mossbacher oder der noch jungen Ehe, der man von Anfang an praktisch keine Überlebenschance gibt.
So ähnlich ist es zunächst tatsächlich auch mit "The White Lotus" selbst. Die Auftaktfolge ist nur in Teilen überzeugend, wirft jene Bälle in die Luft, mit denen es danach zu jonglieren gilt. Dies gelingt dann auch mit jeder weiteren Episode immer besser und selbst besonders exzentrische und zunächst nervtötende Figuren wie Golden Boy Patton oder das sarkastische Klischee-Millennial Olivia entwickeln ihren Reiz.
Die Besetzung ist stark genug, um einige Schwächen über weite Strecken hinweg auszugleichen. Connie Britton ist als Magnatin Nicole verlässlich vielschichtig und dank Steve Zahn hat sie in Mark einen zutiefst sympathischen, wenn auch stets latent verstörten Gefährten an ihrer Seite. Sohn Quinn, besonders treffsicher verkörpert von Fred Hechinger, macht als Figur eine der interessantesten Entwicklungen innerhalb der Miniserie durch, wenn sie auch etwas vorhersehbar sein mag.

Jennifer Coolidge ist als trauernder Einzelgast Tanya einfach nur ein wandelndes Vergnügen und ihr neuer persönlicher Draht zu Spa-Managerin Belinda entwickelt sich schnell zu einer der interessantesten Storylines der Serie. Wie viel persönliche Zuneigung verbindet die beiden Frauen, Dienstleisterin und Gast, reiche Single-Frau und abgebrühter Tourismus-Profi? Wie viel Inanspruchnahme tragen die Handlungen von Tanya in sich und wie viel Vorsicht à la "Der Gast ist König!" bestimmt Belindas Reaktionen? Die so aufkeimende Beziehung zwischen den Frauen ist vermutlich die einzige, die auch außerhalb des hier entworfenen Satire-Universums Bestand haben könnte. An ihr zeigt sich der eigentliche Kern von "The White Lotus", zu dem man aufgrund allerlei Oberflächlichkeiten als Zuschauer aber leider nicht immer vordringt.
So scheinen große Teile des
Andererseits ist es auch eine verpasste Chance, die Mitarbeiter konsequenter und vor allem vielfältiger in die Handlung zu integrieren. Es ist eine sehr eindimensionale Sicht auf Hotelpersonal, die uns präsentiert wird, die sich aber zugleich auch zu ernst nimmt, um in gleicher Weise als Satire durchzugehen. Dass manche Angestellten eines solchen Luxus-Resorts sich jahrelang in der Hotellerie nach oben gearbeitet haben, vielleicht sogar eine Chance ergriffen haben, um aus ihrem alten, engen Leben auszubrechen und so die Welt sehen zu können - diese Möglichkeit hat keinen Platz in Mike Whites Lotus-Luxus. Leid zeichnet hier durchgängig das Leben der Mitarbeiter.
Zeitgleich werden vielversprechende Charaktere und Darsteller aus dem Hotelpersonal verschenkt. Bestes Beispiel hierfür ist die Auszubildende Lani, die ihren ersten Tag leicht panisch antritt, obwohl sie weiß, dass sie jeden Moment ihr Kind zur Welt bringen könnte. Jolene Purdy (
Bei ihrer Figur schöpfen die Macher genauso wenig aus dem Vollen wie bei der Urlaubs-Umgebung, in der das HBO-Format während der Corona-Pandemie unter Auflagen produziert wurde. Stattdessen ist die gesamte Serie in ein heftiges Orange getaucht, wie man es seit den Tagen von

Letztendlich trüben dieser Umstand und eine recht penetrante Musikuntermalung à la Guck! Wir sind so quirlig, wir wissen, dass wir Satire machen!!!
das Vergnügen beim Anschauen doch recht deutlich. So sehr es Spaß macht, die Dynamiken der dysfunktionalen Gäste zu beobachten und sich dabei durchaus auch an Personen aus der eigenen Familie oder dem eigenen Umfeld zu erinnern, so sehr wird man von der abschließenden Episode für die doch nötige Geduld nicht belohnt.
Erstaunlicherweise wird der Spannungsbogen von "The White Lotus" dennoch mit jeder Folge dichter, bevor er schließlich recht unbefriedigend verpufft. Am Ende der sechsten Episode fühlt es sich dann so an, als hätte Mike White die gleichen, einzelnen Pointen über seine superreichen Studienobjekte wieder und wieder erzählt, Variationen des Gleichen ohne einen letztendlichen Höhepunkt. Die immer wieder zutage tretende Offenheit und Ehrlichkeit der Darstellung, die manche Zuschauer entweder verstören oder beeindrucken dürfte, reicht nicht aus, um darüber hinweg zu sehen.
So wird aus "The White Lotus" leider nie mehr als eine Anhäufung interessanter Einzelteile. Und so ist es wie bei einem lange ersehnten Urlaub, der dann aber doch nicht ganz so wunderbar verlaufen ist wie erhofft. Man bereut die investierte Zeit zwar nicht wirklich, denn manche Stunden am Pool waren doch recht nett. Nochmal würde man sein Zimmer dort aber nicht buchen.
Dieser Text beruht auf Sichtung der kompletten sechsteiligen Miniserie "The White Lotus".
Die sechsteilige Miniserie "The White Lotus" wird von Sky über Sky Ticket und Sky Q ab dem 12. Juli 2021 parallel zur Weltpremiere in den USA mit wöchentlichen Episoden im Originalton veröffentlicht. Die lineare Deutschlandpremiere bei Sky Atlantic - dann auch mit Synchronfassung - erfolgt ab dem 23. August.
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