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TV-Kritik/Review: "Selling Sex" verkauft gefährliche Illusionen für die ARD
von Stefan Genrich(27.08.2026)

Immerhin verwöhnte die Autorin und Regisseurin Marie C. König keinen tätowierten Rechtsradikalen, als sie einst Aufträge vom Escort-Service annahm. Schließlich besitzt solch ein zauberhaftes Wesen mehr Selbstachtung als eine gewöhnliche Straßendirne: Das glaubt offensichtlich das Team der ARD-Serie Sexarbeit
statt von Prostitution geredet wird.
Indes bekennt Nelly (Ella Morgen) ihrer Mitbewohnerin Bonnie (Manal Raga a Sabit) den schlichten Wunsch, viel Geld durch spendable Männer zu verdienen. Sie muss eben nur die Kontrolle bewahren und rechtzeitig aussteigen. Solche Bedenken fallen beinahe unter den Tisch, zumal der ungewöhnliche Lebenswandel durchaus fasziniert. Ob die knapp halbstündigen Episoden den Zeitgeist erfassen oder mit Schönfärberei nerven - das lässt sich ab dem 28. August in der ARD Mediathek überprüfen. An diesem Datum laufen zudem alle sechs Folgen am späten Abend im Ersten.

Verführerische Frau verhandelt über Freiheit und Sex
Nahezu nackt im Zwielicht berichtet Nelly über ihre Erfahrungen. Bei einem Drink und einer Zigarette philosophiert sie über ein Geheimnis - mit Konsequenzen nicht nur für mich
. Zu Beginn der ersten Folge erklärt die verführerische Frau, wie ich mein Sexleben und meine Freiheit neu verhandelt habe
. Jüngere oder ältere Burschen vor dem Bildschirm interessieren sich wohl weniger für Nellys theoretisches Bla-Bla als für die Bettgeschichten. Sie werden staunen, wie offenherzige Aufnahmen ihnen mitunter den Atem rauben.
Schulden und fehlender Luxus haben die angehende Karrierefrau noch vor kurzem frustriert. Schnell ist zu begreifen, wie und warum eine BWL-Studentin diesen Pfad eingeschlagen hat. Geschickt eröffnen Marie C. König und Miriam Dehne (

Flüchtige Bekannte plaudert über leicht verdientes Geld
Lernen wir Nelly zunächst als Praktikantin für Finanzberatung kennen. Austauschbare Liebhaber hinterlassen winzige Spuren im Einerlei. Der Nebenjob im Catering etwa auf Messen lohnt kaum. Das zeitweilige Serviermädchen Nelly sichtet eine strahlende Erscheinung: In einem phantastischen Fummel flattert Giulia (Samirah Breuer) an ihrer flüchtigen Bekannten vorbei. Sofort plaudert Giulia aus dem Nähkästchen, dass sie jetzt anschafft und dabei jede Menge Kohle macht. Neugierig greift Nelly zum Smartphone, um über "Flower Escorts" zu recherchieren. Doch wegen eines Handy-Verbots am Arbeitsplatz feuert die Oberhexe vom Catering ihre freche Hilfskraft.
Aurora braucht Kondome und Steuernummer
Zu Hause jammert Nelly bei Sandkastenfreundin Bonnie über die Geldsorgen und Giulias herrlichen Auftritt. Natürlich und selbstverständlich ahnt diese künftige Stylistin für Fashion, dass Giulias Wohlstand von einer "Escort Agency" stammt. Schwups! Giulia empfiehlt die Wirtschaftsexpertin als Edelprostituierte bei Agenturleiterin Maxin (Anna von Auersperg). Fragebogen, Vertrag, Gesundheitsamt, Prostitutionsschein, Steuernummer - milde lächelt Nelly über diese bürokratischen Hürden.
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In Deutschland herrscht Kondompflicht. Ferner soll eine professionelle Begleiterin
immer die eigenen Kondome verwendenund niemals den richtigen Namen nennen. Somit wird das Luxusgeschöpf "Aurora" geboren.

Auftrag lockt Escort-Girls in Traum aus Leidenschaft und Überfluss
Im Spielcasino gleitet zufällig Ben (Malik Blumenthal) neben die Anfängerin Nelly: Dieser charmante Callboy wird ihr noch häufig begegnen. Nun verläuft Auroras erster Termin befriedigend - zumindest für den Kunden, aber geschäftlich ebenso für das frische Escort-Girl. Später im Praktikum lobt Dr. Storch (Inga Busch) Nellys Ausführungen über Investitionsanreize für Frauen, bevor eine Kommunikations-Panne die Studentin blamiert.
Ein weiterer Auftrag lockt Aurora in einen Traum aus Leidenschaft und Überfluss. Dass dieser Junggesellenabschied ein paar Unzulänglichkeiten beschert, merken die vier gebuchten Damen vom Escort-Service erst mit einiger Verzögerung. Trotzdem mag Aurora den Gastgeber Umut (Xidir Koder Alian) irgendwie. Giulia und Eve (Flora Li Thiemann) verlieren ihren Kopf auf der Party für Devin (Omid Memar) und seine Kumpel. Was für ein schönes Märchen, dass der Bräutigam einen geilen Ritt für seine Kameraden vortäuscht und lieber einen ruhigen Abend verbringen würde - so leicht vergisst er 4000 Euro für diese Aktion.
Wie passen Ben und Bonnie zum Businessplan?
Im Gegensatz zur alternden Mutter Liliana (Lera Abova) verbindet Nelly ihren Alltag mühelos mit dem Abenteuer. Liliana überlegt unterdessen, ihre Haltbarkeit durch eine Operation zu verlängern. Ansonsten klagt sie über Gefühlsverluste und Geldverschwendung. Solche Schattenseiten der Sexarbeit schwinden schon alleine durch die Fähigkeiten der Darstellerinnen und die Beschwichtigungen im Drehbuch. Die tapferen Damen vom Escort-Service trotzen sogar gewalttätigen Typen, wenn man der Serie glauben darf. Drogen und Alkohol heben die Stimmung mit geringen Nachwirkungen wie einem kleinen Unfall.
Bonnie kämpft verbissen um ihren Abschluss als Modedesignerin. Nellys Abwege inspirieren die Freundin zu Experimenten, ohne dass sie jemals dem Rotlicht verfällt. Enttäuschungen gehören zu diesem speziellen Trip. Das gegenseitige Vertrauen schmilzt. Aurora trifft Tsuneo (Madieu Ulbrich), der von sämtlichen Escort-Ladys begehrt wird. Letztlich soll dieser Geschäftsmann den Weg für Nellys Zukunft ebnen. Da stellt sich die Frage, wie Ben und Bonnie zu ihrem Businessplan passen.

Verlogene Legende wetteifert mit verlogener Moral
Besonders die Nebenhandlungen bieten lustige Ereignisse und Sprüche. Bonnies eigenwillige Freunde wie Leif (Joscha Baltha) setzen Höhepunkte. Heiße Szenen sowie gefühlvolle Einlagen entspannen und halten gleichsam den Kopf wach. Zu loben ist der Versuch, verlogene Moral anzugreifen. Andererseits bastelt "Selling Sex" eine moderne Legende, nach der Prostitution eine Tür zur weiblichen Freiheit öffnen kann.
Die Gesellschaft mag Sexarbeiterinnen den Stempel aufdrücken, stets zu Diensten gezwungen zu werden. Die Serie zeigt hingegen Frauen, die entschieden wie Nelly ihr Einkommen durch Sex sichern. Vielleicht erhalten manche Escort-Ladys sowohl Anerkennung als auch Spaß neben beträchtlichen Profiten. Nelly und ihre Kolleginnen mögen bestimmen, wie wertvoll ihnen Wohlstand ist. In der Realität dürften etliche Sexarbeiterinnen an ihren Erwartungen scheitern. Jedenfalls verkauft "Selling Sex" gefährliche Illusionen und eine seltsame Auffassung vom Feminismus.
"Selling Sex" steht für ein Jahr in der ARD Mediathek bereit - ab Freitag, dem 28. August. In der Nacht zum Samstag strahlt Das Erste alle sechs Folgen ab 23.50 Uhr aus.
Über den Autor
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Leserkommentare
Tom Franke schrieb am 13.09.2026, 14.43 Uhr:
Die Serie wäre sicherlich interessanter wenn man das sprachliche Genuschel und Gehuschel verstehen würde. Vielleicht liegt es am Alter, aber wir haben nach der 3. Episode abgebrochen. Es werden alte Tatorte mit 'klarer Sprache' aufgepeppt, wo ich nicht als nötig erachte, da ich diese verstehe. Aber was in so manchen Neuproduktionen verzapft wird ist meines Erachtens unmöglich.
PS. Die politische Kampage in den Kommentaren finde ich deplaziert!Julius W schrieb am 29.08.2026, 03.12 Uhr:
Ich fand die Serie sehr unterhaltsam, humorvoll und durchaus gefühlvoll sowie weder reisserisch noch peinlich oder gewaltvoll umgesetzt. Und es gab auch Platz für einige tiefere, nachdenkliche und kritische Gedanken und Gefühle.
Ich kann den von Stefan Genrich thematisierten Konflikt "Verlogene Legende wetteifert mit verlogener Moral" zwar intellektuell nachvollziehen. Allerdings betrachte ich die Serie nicht als Dokumentation, die die Realtität nachzeichnen soll, sondern als Fiction. Deshalb fand ich das Ende amüsant und passend - ohne Anspruch darauf, dass diese "Vision" oder das "Geschäftsmodell" für jede Sexarbeiterin oder Escort-Lady in der Wirklichkeit bzw. im Alltag tatsächlich funktioniert. Ich finde, man sollte die Filmreihe gerade diesbezüglich nicht zu ernst nehmen - genaus wenig wie bei "Pretty Woman". Denn wenn man kritisch hinterfragen würde, wie oft es statistisch vorkommt, dass eine Sexarbeiterin auf einen Millionär findet und ihn heiratet, dann wäre der Zauber dieser Liebesgeschichte dahin.Lysander schrieb am 28.08.2026, 10.58 Uhr:
Ja, als Kritiker hat man es heute nicht mehr leicht. Egal, was man schreibt, irgendjemandem passt es nicht. Schade nur, wenn Kritik an einem möglicherweise schwachen Format immer gleich als Gesinnung ausgelegt wird. Was ist die Lösung: Nur noch Jubelkritiken schreiben? Nein, das wäre furchtbar. Wir lesen Kritiken, weil wir ehrliche Meinungen hören wollen - auch wenn sie mal nicht mit unserer eigenen Meinung übereinstimmen. Bitte, liebe Redaktion: Bleibt kritisch.Lysander schrieb am 28.08.2026, 21.40 Uhr:
Nein, als Kritiker von TV Sendungen kritisiert man TV Sendungen, völlig unabhängig vom Thema. Glaubwürdigkeit ist ein mögliches Kriterium.fropen schrieb am 28.08.2026, 13.34 Uhr:
Als Film- und Fernsehkritiker sollte man aber kritisieren was man kennt.
Ich weiß nicht wie gut Herr Genrich Die Escort-Szene kennt, um die Darstellung derselben zu beurteilen, Da hat die Autorin der Serie mehr Erfahrung.Lau.rawr schrieb am 28.08.2026, 01.45 Uhr:
Also diary of a call girl auf deutschStefan Genrich schrieb am 28.08.2026, 02.22 Uhr:
Vielen Dank für den interessanten Hinweis!User_656862 schrieb am 27.08.2026, 20.48 Uhr:
"Die Gesellschaft mag Sexarbeiterinnen den Stempel aufdrücken, stets zu Diensten gezwungen zu werden."
Der Autor erweckt den Eindruck teil dieser Gesellschaft zu sein, wenn er sich offenbar daran stört, dass in dieser Serie Gegenbeispiele gezeigt werden. Interessant wäre zu erfahren, ob er diese Perspektive auch auf Arbeitende in anderen Branchen hat...User 1810564 schrieb am 27.08.2026, 19.45 Uhr:
"Immerhin verwöhnte die Autorin und Regisseurin Marie C. König keinen tätowierten Rechtsradikalen, als sie einst Aufträge vom Escort-Service annahm." Das darf doch alles nicht mehr wahr sein. Kein Wunder, dass die AfD in den Umfragewerten ordentlich zulegt.User 1778780 schrieb am 30.08.2026, 11.27 Uhr:
Was sind denn rechtsradikale Symbole?Sentinel2003 schrieb am 30.08.2026, 10.51 Uhr:
Wow, was geht denn hier ab? Was hat eine Erotik Serie mit der Afd zu tun?fropen schrieb am 28.08.2026, 13.31 Uhr:
@User 1810564 (geb. 1968)
"Haben besonders Rechtsradikale ein gestörtes Verhältnis zu Frauen"
Ja
https://www.gwi-boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie-fokus-antifeminismus
https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/infopool-rechtsextremismus/558421/was-ist-antifeminismus/
"Wenn man sich allerdings das Täterprofil bei Straftaten gegen Frauen anschaut, dann spielen tätowierte Rechtsradikale wohl eher keine große Rolle."
Die Gesinnung wird da nicht erfasst außer es handelt sich um ein Hassverbrechen.
Was nicht erfasst wird, kann auch keine große Rolle spielenUser 1810564 schrieb am 28.08.2026, 08.39 Uhr:
@Stefam
"Rechtsradikale Symbole als Tätowierungen beunruhigen wohl nicht alleine zarte Gemüter." Ja, weil man sie wahrscheinlich eher erkennt als andere Schriftzeichen bzw. Tätowierungen in Fremdsprachen, deren Bedeutung man nicht versteht. Jetzt zu meinem Kommentar: Mittlerweile hat es den Anschein, als ob nur die Rechten sich radikalisiert haben. Überall wird das erwähnt. Darauf wollte ich hinaus. Wenn man sich im Netz umschaut, dann wird das ausführlich von den AfD-Wählern kritisiert, die dadurch einen weiteren Grund sehen, die AfD zu wählen, weil sie es als Propaganda bezeichnen. Haben besonders Rechtsradikale ein gestörtes Verhältnis zu Frauen, was ihre Angst erklären würde? Wenn man sich allerdings das Täterprofil bei Straftaten gegen Frauen anschaut, dann spielen tätowierte Rechtsradikale wohl eher keine große Rolle.Stefan Genrich schrieb am 27.08.2026, 21.10 Uhr:
Was hat das mit der AfD zu tun? Marie C. König erzählte in einem Interview, dass ihr ein Typ mit seinen speziellen Tätowierungen nicht geheuer war und sie deshalb nach wenigen Minuten abgehauen sei. Die Regisseurin wollte darauf hinweisen, dass Frauen vom Escort-Service selten einen Auftrag ablehnen – wenn sie etwa Gewalt befürchten oder die Kunden unangenehm auffallen. Rechtsradikale Symbole als Tätowierungen beunruhigen wohl nicht alleine zarte Gemüter.
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