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TV-Kritik/Review: The Carrie Diaries
(19.03.2013)

Hauptsache Tagebuch! Hier kommt zusammen, was zusammen gehört: das Schöne-Menschen-Network The CW, zu dessen Hits die brünftige Beißer-Soap
Wie war das noch? Carrie Bradshaw ist das Alter Ego der real-existierenden Journalistin Bushnell, die in den Neunzigern scharfzüngige Lifestyle-Anekdoten aus dem hippen New York der Prä-9/11-Ära veröffentlichte, erst kolumnenweise in der altrosa Tageszeitung New York Observer, dann als Buch. HBO schuf daraus "Sex and the City" (SATC), die Serie mit Sarah Jessica Parker als Carrie. Auch zwei verzichtbare Kinofilme gab es. Schließlich kam Bushnell auf den Teen-Diary-Trichter: Wie schlug sich die urbane Louboutin-Liebhaberin Carrie Bradshaw wohl durch ihre Jugendjahre in der Provinz? Wie wurde sie zur Star-Journalistin im Big Apple?
Den CW-Produzenten um die
Mittendrin in dieser übergeschnappten Vergangenheitsverkleidung formiert sich zügig das Personal: Carries 13-jährige Schwester Dorrit (Stefania Owen) etwa, die seit dem Verlust der Mutter 'rebelliert', also schwarze Augenschminke trägt, Alkohol trinkt und ihrer Schwester die gute Beziehung zur jetzt toten Mutter neidet. Schon in der zweiten Folge haben sie sich aber wieder lieb. Dorrit raubkopiert nun lieber "Purple Rain" und trägt ihr Joy-Division-T-Shirt als Mode-Statement, so wie die Emo-Mädchen das heute in der Indie-Disco tun. Vater Tom (Matt Letscher) ist ein herzensguter, überfürsorglicher Witwer und schwer beschäftigter Anwalt, der in der Lunchpause die Tampons für die pubertierenden Töchter kauft. Ob er es auch ist, der für den stets so dekorativ gefüllten Obstkorb auf dem Esstisch sorgt?
Dann ist da noch Sebastian Kydd - der 'new guy' in der Schule, ein James-Dean-Typ und begehrter Outsider, Sohn reicher Eltern, mit melancholisch rumorendem Innenleben. So blondgefönt, wie Austin Butler (
Schuld daran sind das intrigante 'mean girl' Donna (Chloe Bridges) - und Carries Ausflüge nach New York, die jeweils in der Mitte der Folgen platziert sind. In Manhattan lernt Carrie schon am ersten Tag Larissa (Freema Agyeman) kennen, die Fashion-Redakteurin des trendigen Interview-Magazins, die sie sofort unter ihre Fittiche nimmt. Welten kollidieren, Verabredungen überschneiden sich: Drama! Begleitend zu den Teenfilm-Stereotypen, die hier im Minutentakt abgehakt werden, spielt die Regie beharrlich 80er-Hits ein, und zwar immer so, dass Stücktitel und Stimmung identisch bleiben. Erster Schultag? "Blue Monday"! Einsam? "Dancing with Myself"! Fotoshooting? "Girls on Film"! Samstagabend mit den Mädels zu Hause? "Our House"! Auf in die Stadt? "Material Girl"! Nur die beliebte Masturbantenhymne "Blister in the Sun" passt nicht recht zu profanen Bildern öden Aktenschleppens.
Die Serie hat ein paar gravierende Probleme. Erstens stimmt die Erzählhaltung nicht: Carries Tagebucheinträge scheinen mit großer zeitlicher Distanz und im Wissen um erst Jahre später erfolgende Dinge verfasst zu sein; trotzdem werden sie von der jungen Carrie (als Off-Erzählerin) vorgetragen. Das ergibt keinen Sinn. Zweitens stimmt der Sprachsound nicht: Carrie und Co. verwenden immer wieder Aphorismen, die man Thirtysomethings glauben würde, aber keinen Teens. Zudem sprechen sie im Tonfall und Slang unserer Zehnerjahre - was sich komplett mit dem ansonsten so detailversessen behaupteten 80er-Setting beißt. Diesbezüglich läuft sowieso so Einiges durcheinander: 13-jährige Backfische in der US-Provinz, die schon anno 1984 ihren Hamster 'Morrissey' nennen und Depeche-Mode-Poster an der Wand hängen haben? No way! Im angesagtesten Hipster-Club Manhattans tanzt die Szene-Crowd zu Shannons "Let the Music Play"? Come on! Eine 16-Jährige fährt nach der Schule stundenlang von Connecticut nach Manhattan zum Praktikum? Je nun. Auch verzichteten die Macher darauf, in die Skyline-Aufnahmen von Manhattan das World Trade Center hineinzutricksen - wie man hört, um "verletzte Gefühle" zu vermeiden. Absurd.
Wahrscheinlich aber sind das Authentizitätsbefindlichkeiten aus altem, männlichem und damit wenig berufenem Munde. Der 13- bis 17-jährigen Zielgruppe dürfte all das nämlich denkbar schnuppe sein. Und man muss zugeben: Das, was die "Carrie Diaries" wollen, kriegen sie hin. Langweile kommt nicht auf. AnnaSophia Robb zum Beispiel stemmt die Carrie-Rolle überraschend 'fresh': Das auf ihrer Figur lastende Prequel-Konzept merkt man ihr kaum an, trotz Sarah-Jessica-Parker-Gedächtnisfrisur. Die Serie funktioniert auf ihre schlichte, unzynische Weise ganz gut, gerade wenn man an die Mutterserie SATC keinen Gedanken mehr verschwendet. Obwohl doch deren wichtigste Inhalte hier kernidentisch nachgespielt werden: über Sex kichern und Fashion voll toll finden.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Folgen von "The Carrie Diaries".
© Alle Bilder: The CW
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