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TV-Kritik/Review: "Chilling Adventures of Sabrina": So schaurig-schön ist der Netflix-Grusel-Spaß

von Glenn Riedmeier (25.10.2018)
Hexen, Horror und Humor zu Halloween
Kiernan Shipka ist Sabrina Spellman
Bild: Netflix
TV-Kritik/Review: "Chilling Adventures of Sabrina": So schaurig-schön ist der Netflix-Grusel-Spaß/Bild: Netflix

Die kleine Hexe Sabrina ist eine vor allem in den Vereinigten Staaten sehr populäre Comicfigur aus den 1960er Jahren. Der Stoff war bereits Vorlage für zahlreiche Film- und Serienadaptionen, darunter die Zeichentrickserie "Simsalabim Sabrina" und vor allem die Sitcom "Sabrina - total verhext!" mit Melissa Joan Hart, die Ende der 90er auch hierzulande ihre Fans gefunden hat. Mit alledem hat die neue Netflix-Serie "Chilling Adventures of Sabrina" nur in ihren Grundzügen etwas gemein - denn bei der neuesten Aufarbeitung der Geschichte handelt es sich nicht um kindgerechten Stoff, sondern um eine düstere Horrorserie, deren erste Staffel der Streamingdienst am 26. Oktober passend zum bevorstehenden Halloweenfest veröffentlicht. Genau wie die Figuren aus der ebenfalls bei Netflix verfügbaren Serienadaption "Riverdale" tauchte Sabrina früher regelmäßig in der Archie-Comicreihe auf. So ist es nicht ganz überraschend, dass hinter "Chilling Adventures of Sabrina" als Regisseur der "Riverdale"-Showrunner Roberto Aguirre-Sacasa steht. Und wie schon bei "Riverdale" produziert Greg Berlanti das Projekt mit seiner Firma Berlanti Productions zusammen mit Warner Bros. Television.

"Chilling Adventures of Sabrina" basiert auf einer gleichnamigen, seit 2014 veröffentlichten Comicreihe - entsprechende Comicbilder stimmen bereits im atmosphärischen Vorspann auf die Serie ein. Kiernan Shipka, die als Tochter Sally von Don Draper in "Mad Men" bekannt wurde, verkörpert die Junghexe Sabrina Spellman, die bei ihren Tanten Hilda (Lucy Davis, brillierte als Dawn Tinsley im britischen "The Office") und Zelda (Miranda Otto, spielte Éowyn in "Der Herr der Ringe") aufwächst. Während ihre Tanten bereits vollwertige Hexen sind (und nebenbei ein Beerdigungsunternehmen betreiben), ist Sabrina noch halb Mensch und halb Hexe. In einer derart auf die Hauptfigur zugeschnittenen Serie ist das richtige Casting essentiell - und die Wahl von Kiernan Shipka erweist sich als Volltreffer. Sie gibt der Figur Sabrina genau die richtige Mischung aus Wagemut, Naivität, Warmherzigkeit und Niedlichkeit - anders gesagt: schon nach den ersten Minuten zieht sie die Sympathien auf sich. Sabrina besucht wie eine Normalsterbliche die Baxter High School und hat in Harvey Kinkel (Ross Lynch, spielte eine der beiden Titelrollen in Disneys "Austin & Ally") ihren Traumpartner gefunden. Anders als in der 90er-Jahre-Sitcom ist Sabrina mit Harvey bereits zu Beginn der Serie in einer Liebesbeziehung.

Sabrina (Kiernan Shipka) und Harvey (Ross Lynch) (Bild: Netflix)

An ihrem 16. Geburtstag soll sich Sabrinas Leben jedoch fundamental verändern: An diesem Tag wird Sabrina in den Augen der Hexen erwachsen und soll als Nachfahrin der Kirche der Nacht noch am selben Abend mit einem Ritual - der "Schwarzen Taufe" - vollends in den Hexenzirkel aufgenommen werden und ihre Seele dem Teufel widmen. Dann muss sie sich entscheiden, ob sie sich auf den Pfad des Lichts - ein Leben als Normalsterbliche - oder auf den Pfad der Dunkelheit - ein Leben als vollwertige Hexe - begibt. Wobei: Ginge es nach ihren Tanten Hilda und Zelda, gibt es für Sabrina letztendlich nur eine richtige Entscheidung: Sie soll sich gefälligst ihnen anschließen und als Hexe Anhänger des Dark Lords (also Satan) werden, wenn sie die Ehre der Spellman-Dynastie nicht beschmutzen will.

Für Sabrina ist die Entscheidung alles andere als klar: Zwar fiebert sie ihrem 16. Geburtstag entgegen, doch sie will ihre Freunde, allen voran Harvey und ihre beste Freundin Rosalind (Jaz Sinclair), nicht verlieren. Das Ritual, das am 31. Oktober bei Blutmond vollzogen werden soll, sieht jedoch vor, dass sie fortan jeglichen Kontakt zu Sterblichen abbrechen muss - aus Sicherheitsgründen. Denn wie im berüchtigten Salem wurden in der Vergangenheit auch in Sabrinas Heimat Greendale zahlreiche Hexen von religiösen Eiferern ermordet. Dementsprechend ist Sabrina hin- und hergerissen - dieser Konflikt durchzieht die ersten beiden rund einstündigen Folgen. Sabrina gesteht Harvey ihr bislang vor ihm gehütetes Geheimnis, doch als er ihr nicht glaubt, lässt sie ihn mit einem Zauber alles wieder vergessen.

Sabrina und die Weird Sisters (Bild: Netflix)

Nach und nach lernen wir die Widersacher von Sabrina kennen, denn nicht jeder ist der Junghexe wohlgesonnen - und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Prudence (Tati Gabrielle) führt das Trio der sogenannten Weird Sisters an - drei Schülerinnen der Academy of the Unseen Arts, die Sabrina künftig besuchen soll. Die drei magischen Mean Girls hegen einen Groll gegen Sabrina, weil sie in ihren Augen als Tochter eines Hexers und einer Sterblichen keine vollwertige Hexe ist. Bronson Pinchot ("Ein Grieche erobert Chicago") verkörpert George Hawthorne, den Rektor der Baxter High School, die Sabrina momentan besucht. Als Chauvinist macht er Sabrina und ihrer gemobbten Freundin Susie (Lachlan Watson) das Leben schwer.

Und dann gibt es schließlich noch Sabrinas Lieblingslehrerin Mrs. Wardwell. Die gutmütige Frau nimmt auf dem Heimweg bei strömendem Regen ein hilflos wirkendes Mädchen mit - was sich jedoch als verheerender Fehler erweist. Sie hätte es ahnen können, denn kurz zuvor läuft im Radio der Song "I see a bad moon rising. I see trouble on the way" von Creedence Clearwater Revival - subtiler Humor dieser Couleur ist ein Markenzeichen der Serie. Zu Hause angekommen wird Mrs. Wardwell von dem Mädchen überwältigt und ermordet. Sie entpuppt sich als Dienerin des Dark Lord und nimmt Mrs. Wardwells Gestalt an, um an Sabrina heranzukommen. Michelle Gomez (spielte Gegenspielerin Missy in "Doctor Who") verkörpert Mrs. Wardwell mit atemberaubender Eleganz und einer damenhaften Bösartigkeit, dass es eine wahre Freude ist.

Sabrina und Mrs. Wardwell (Michelle Gomez) (Bild: Netflix)
Miranda Otto ist Sabrinas Tante Zelda (Bild: Netflix)
Doch auch der restliche Cast ist hervorragend besetzt. Tante Hilda (Lucy Davis) nimmt für Sabrina eine eher mütterliche Rolle ein und hat einen eigenwilligen Sinn für Humor, während Tante Zelda (Miranda Otto) deutlich strenger ist und hohe Erwartungen an Sabrina hat - lange sah man im Fernsehen niemanden divenhafter mit stylischem Zigarettenhalter rauchen. Ebenfalls im Haushalt der Spellmans wohnt Sabrinas pansexueller Cousin Ambrose (Chance Perdomo), ein in die Schranken gewiesener, aufrüherischer Hexer, der bei Hilda und Zelda "unter Hausarrest" lebt. Richard Coyle, der Britcom-Fans noch als Jeff Murdoch aus "Coupling" in Erinnerung geblieben sein dürfte, schlüpft in die Rolle des Father Blackwood, seines Zeichens Anführer des Hexenzirkels, der das Ritual mit Sabrina durchführen soll. Besonders im englischen Original trifft er mit seinem britischen Akzent vorzüglich den Ton des bedrohlichen Hohepriesters und irdischen Vertreters des Teufels. Blass und eindimensional bleiben dagegen Sabrinas Schulfreundinnen Rosalind und Susie, die zumindest zu Beginn der Serie noch nicht wirklich viel zu tun haben. Und nicht zuletzt ist auch Salem Saberhagen mit von der Partie, ein finsterer Zauberer, der nach Macht strebte, und dafür vom Rat der Hexen für 100 Jahre in die Gestalt einer Katze gebannt wurde. Anders als in der Sitcom-Version kann Salem jedoch nicht sprechen, dafür beschützt er Sabrina vor den Angriffen ihrer Widersacher.

Die ersten beiden Folgen fiebern auf den schicksalhaften 31. Oktober hin und zählen die Tage herunter, bis Sabrina ihre endgültige Entscheidung treffen muss. Father Blackwood sowie Hilda und Zelda setzen alles daran, dass Sabrina sich der "Schwarzen Taufe" unterzieht und ihren Namen im Book of the Beast hinterlässt - erst dann ist das Ritual vollständig und Sabrina wird zur vollwertigen Hexe. Bis es allerdings so weit ist, erteilt Sabrina zuvor noch den Mobbern der High School eine Lektion - und die Serie entfaltet ihre humoristische Komponente: Mit Hilfe der Weird Sisters lockt Sabrina die vier Jungs zu nächtlicher Stunde in eine Höhle. Während sich die jungen Männer zunächst Hoffnungen auf eine Orgie machen, wird ihnen stattdessen ein gehöriger Schrecken eingejagt - bevor sie anschließend auch noch ihrer Potenz beraubt werden. Szenen wie diese bringen den feministischen Humor zur Geltung, denn die Serie ist von unzähligen starken Frauenfiguren geprägt. So werden wir auch Zeuge davon, wie Zelda ihre Schwester Hilda umbringt und vergräbt. Kurz darauf kehrt Hilda wütend und verdreckt zurück - es war nicht das erste Mal, dass sie von ihrer Schwester um die Ecke gebracht wurde, nur weil sie ihr mal wieder auf den Geist gegangen ist.

Father Blackwood (Richard Coyle) führt Sabrinas "Schwarze Taufe" durch (Bild: Netflix)

Der Zeitpunkt der "Schwarze Taufe" rückt immer näher: Nachdem Sabrina unerlaubterweise noch mit ihren sterblichen Freunden in ihren 16. Geburtstag reingefeiert hat, erscheint sie leicht verspätet beim Ritual tief im Wald, wo bereits ihre Tanten und weitere Anhänger des Dark Lord auf sie warten. Father Blackwood führt sie durch das äußerst blutige Ritual und fordert Sabrina auf zu bestätigen, dass sie fortan dem Dark Lord dienen und jede Anweisung ohne Widerrede ausführen wird. Sie soll ihm ihren Willen, Körper und Seele schenken - je länger Father Blackwood spricht, umso unsicherer wird Sabrina. Wie auch immer sie sich entscheidet - es wird weitreichende Konsequenzen auf ihr Leben haben...

Bereits die ersten beiden Folgen beweisen, dass "Chilling Adventures of Sabrina" kein Abklatsch, sondern eine völlige Neuinterpretation des klassischen Stoffs ist. Und weil dies im vorliegenden Fall derart originell gelungen ist, ist die Adaption nicht nur genehmigt, sondern absolut gerechtfertigt. Die Serie ist atmosphärisch, gruselig und spannend. Wer sich für eine im besten Sinne unterhaltsame, leichte Horrorserie mit überzeugendem Cast, einem teuflisch gutem Look und einer wohldosierten Portion schwarzem Humor begeistern kann, macht nichts falsch. Der Spagat zwischen Schockmomenten, Charakterzeichnung und Galgenhumor gelingt nämlich erstaunlich gut. Die Soundtrack-Auswahl ist mit Songs wie "I put a spell on you" oder "Be my baby" ebenfalls vorzüglich augenzwinkernd gewählt. "Chilling Adventures of Sabrina" ist keine schwer verdauliche Kost, sondern macht Spaß und ist beispielsweise für einen gepflegten Halloween-Videoabend perfekt geeignet.

Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie.

Meine Wertung: 4.0/5

Glenn Riedmeier
© Alle Bilder: Netflix

Netflix hat auf einen Schlag zwei Staffeln von "Chilling Adventures of Sabrina" bestellt. Die zehnteilige erste Staffel wird am 26. Oktober veröffentlicht.

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Leserkommentare

  • Mike (1) schrieb via tvforen.de am 01.11.2018, 11.36 Uhr:
    Mike (1)Gibt es die Comicreihe eigentlich auch auf deutsch?
  • Mike (1) schrieb via tvforen.de am 01.11.2018, 11.36 Uhr:
    Mike (1)Gibt es die Comicreihe eigentlich auch auf deutsch?
  • mynameistv schrieb am 27.10.2018, 22.55 Uhr:
    mynameistvMuss diese Serie ebenfalls loben. Tolle Atmosphäre, sehr gute Schauspieler, spannend...und vor allem die neue Sabrina spielt sehr gut und es macht Spaß ihr zuzusehen. Schön, dass eine zweite Staffel bereits in Produktion ist.
  • Kristin schrieb am 27.10.2018, 09.36 Uhr:
    KristinIch hab mir gestern Abend die ersten zwei Folgen angesehen. Wirklich nicht schlecht die neue Sabrina. Passt sehr gut zur Halloween Zeit. Kinder unter 12 Jahren sollten diese Serie aber nicht unbedingt gucken. Deswegen ist die Altersfreigabe ab 16 Jahren auch völlig OK.
 

Über den Autor

  • Glenn Riedmeier
Glenn Riedmeier ist Jahrgang '85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. "Bim Bam Bino", "Vampy" und der "Li-La-Launebär" waren ständige Begleiter zwischen den "Schlümpfen", "Familie Feuerstein" und "Bugs Bunny". Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. "Ruck Zuck" oder "Kaum zu glauben!". Auch für Realityshows wie den Klassiker "Big Brother" hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie "Die Harald Schmidt Show" und "PussyTerror TV", hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie "Eine schrecklich nette Familie" und "Roseanne", aber auch schräge Mysteryserien wie "Twin Peaks" und "Orphan Black". Seit Anfang 2013 ist er bei TV Wunschliste vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.