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TV-Kritik/Review: "Dear White People": Witzig, gefühlvoll und sexy auch jenseits des politischen Gehalts
von Marcus Kirzynowski(10.05.2017)

Man kann vom stetig wachsenden Aufgebot der Netflix-Originalproduktionen halten, was man will. Für einen Aspekt kann man dem Video-on-Demand-Dienst aber im Grunde gar nicht genug dankbar sein: Er schert sich bei seinen Auftragsarbeiten kaum um den Mainstream, versucht stattdessen, für alle möglichen Zielgruppen etwas eigenes anzubieten, statt es möglichst vielen Kunden mit jeder Serie recht machen zu wollen. Dabei kommen immer wieder bemerkenswerte Produktionen wie
Die zehnteilige Serie über eine Gruppe afro-amerikanischer Studierender an einer fiktiven Eliteuni ist eine bissige gesellschaftspolitische Satire über die in den USA noch immer hoch kontroverse race-Frage, verpackt in ein halbstündiges Comedyformat inklusive soapiger "Wer mit wem?"-Handlungstränge. Ganz schön clever. Wie kontrovers alles, was mit race zu tun hat, auch nach zwei Amtszeiten des ersten schwarzen Präsidenten in Amerika immer noch ist, zeigen auch die Reaktionen auf die Serie: Nach der Veröffentlichung des Trailers gab es erst einmal Netflix-Boykottaufrufe von politisch zweifelhaften Twitter-Usern. Der Vorwurf: Die Serie sei selbst rassistisch, und zwar gegenüber Weißen. Justin Simien, der Mann hinter "Dear White People", sah dadurch die Aussage, die er mit seiner Serie treffen wollte, bestätigt.
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Thema der Serie (wie des Films) sind die ständigen Auseinandersetzungen, Kontroversen und Missverständnisse zwischen den relativ wenigen schwarzen und der Mehrheit der weißen Studierenden an der Eliteuniversität Winchester. Eskalationsauslösendes Ereignis ist dabei eine "Blackface"-Party, zu der eine weiße Studentenorganisation aufruft, aus Protest gegen die College-Radioshow "Dear White People". In der adressiert die politisch offensiv auftretende Samantha "Sam" White (Logan Browning) regelmäßig ihre weißen Kommilitonen, um sie auf deren rassistische Handlungsweisen aufmerksam zu machen. Die Geschehnisse vor, während und unmittelbar nach der provozierenden Party, auf der die Weißen sich als schwarze Stereotypen wie "die Bitch", "der Ghettoboy" oder "der Radikale" maskiert haben, beleuchten die ersten Episoden aus den verschiedensten Blickwinkeln. In jeder Folge steht dabei eine der Hauptfiguren im Mittelpunkt. Es braucht eine Weile, bis man diese komplizierte Erzählstruktur verstanden hat und merkt, dass die Serie ihre Geschichte nicht chronologisch erzählt.


Über den politischen Gehalt hinaus ist "Dear White People" aber oft auch einfach witzig, gefühlvoll und teilweise ganz schön sexy - eben so, wie es bei einer Collegeserie sein sollte. Wie bei allen anderen in dieser Lebensphase auch, dreht sich bei den Figuren vieles um Beziehungen, um Selbstfindung, um die Frage, wie man der Erwachsene werden kann, der man sein möchte. Dabei wirken die Protagonisten (auch dank der hervorragenden Jungschauspieler) nie wie bloße Stereotypen, sondern entpuppen sich mit der Zeit als ebenso komplexe wie ambivalente Charaktere, von denen am Ende gleich mehrere handeln, wie man es ihnen zu Beginn nicht zugetraut hätte. Unter den zahlreichen neuen Netflix-Serien kann diese schon jetzt als eine der großen Überraschungen des Jahres gelten.
Dieser Text basiert auf Sichtung der gesamten ersten Staffel der Serie.
Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: Adam Rose/Netflix
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