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TV-Kritik/Review: Getting On

TV-Kritik zur HBO-Comedyserie - von Gian-Philip Andreas
(20.12.2013)

Getting On
Visite des Grauens: Schwester Dawn (Alex Borstein, 2. v. l.) und Dr. Jenna James (Laurie Metcalf, 2. v. r.) fertigen die nächste Patientin ab.

Es ist nicht unbedingt die Regel, dass US-Remakes das Niveau der nicht-amerikanischen Originale halten können. "The Office" gehörte zu den wenigen Ausnahmen. Und "Getting On" kann sich fürs Erste in diesen erlauchten Zirkel einreihen. Dabei eignet sich die BBC-Comedyserie, die zwischen 2009 und 2012 insgesamt 15 Folgen lang zu sehen war, nicht unbedingt für einen Transfer von England nach Kalifornien: Der Cringe-Humor, dessen Fremdscham- und Peinlichkeitseffekte in den Produktionen von Ricky Gervais etabliert wurden, entfaltet sich darin auf heiklem Terrain, denn "Getting On" spielt auf einer geriatrischen Pflegestation, sprich: Es geht vor allem um kranke, oft demente Patienten, von denen nicht wenige - zwangsläufig - sterben. Ebenso zwangsläufig präsentiert sich auch der Witz tiefschwarz, wobei stets Raum bleibt für abgründige Blicke in den maladen Zustand des National Health Service. Das britische "Getting On" verlagert das Prinzip "The Office" gekonnt und mutig in einen existenziellen Mikrokosmos - an einen Ort mithin, an dem Siechtum und Tod die Regel sind.

Skepsis war deshalb angebracht angesichts der Frage, ob sich das, was sich die drei britischen Komikerinnen Jo Brand, Vicki Pepperdine und Joanna Scanlan da für die BBC ausgedacht hatten, auf US-Verhältnisse übertragen lassen würde. Der beißende Humor, die traurigen Abgründe, die nicht unbedingt sympathischen Charaktere: Waren das keine Kandidaten fürs Weichspülen, Downgraden, Glattschleifen? Umso freudiger kann ich hier vermelden, dass "Getting On" den Transfer hervorragend überstanden hat - was einerseits am bislang in Film und Fernsehen wenig beachteten Setting liegt, andererseits daran, dass sich der Bezahlsender HBO darum kümmert und kein um Correctness und Massentauglichkeit besorgtes Mainstream-Network, vor allem aber am respektvollen Umgang der beiden "Übertragungshelfer" Mark V. Olsen und Will Scheffer (deren größte Tat bislang die Polygamisten-Serie "Big Love" war). Klar: "Getting On" ist Nischenfernsehen für den Winter - die erste Staffel wird sechs Folgen umfassen. Doch wer zuschaut, wird belohnt: Vielleicht ist dies die britischste US-Serie aller Zeiten.

Anders als in den ungezählten Krankenserien, in denen auch Patienten oft nach Attraktivitätsgründen gecastet werden (selbst in "Dr. House" war das so), schaut "Getting On" auch in der US-Version ungeschönt drauf: Wer in Long Beach in der geriatrischen Extended-Care-Station für Frauen angeliefert wird, ist alt, verwirrt, oft todkrank und sieht auch so aus. Der nüchterne Blick, mit dem die schön sprunghaft zu Werke gehende Single-Camera über die brabbelnden, sabbernden Patienten blickt, tut als Memento Mori ziemlich weh in einer Medienwelt, die permanent der Fit- und Sexyness einer produktiven Jugend huldigt, er zeitigt aber auch einen kuriosen Effekt: Die alten Frauen, meist Statisten, starren ins Rund wie ein griechischer Chor, der das sonderbare Treiben des medizinischen Personals stumm kommentiert und die Absurditäten ihrer Pflegestation stoisch an sich abprallen lässt.

Zentralfigur ist die leitende Stationsschwester Dawn Frechette - eine dickliche, nicht wirklich kompetente und mit heftigen Minderwertigkeitskomplexen belastete Figur, für die Alex Borstein eine Idealbesetzung ist: Der Ex-"MADtv"-Komikerin (und langjährige Sprecherin der Lois aus "Family Guy") gelingt das Kunststück, Dawn ebenso begriffsstutzig wie bemüht, ebenso liebesbedürftig wie hinterlistig, also alles andere als sympathisch anzulegen, ohne die Zuschauer von vornherein zu vergrätzen. Bald erfährt man von vergangenen Disziplinarmaßnahmen, weggerannten Ehemännern und davon, dass sie jede kleine Zuwendung schon als mögliche neue Liebesbeziehung deutet: Dawn ist bedauernswert, und trotzdem evoziert sie im Zuschauer kein herablassendes Desinteresse.

Getting On
Mundwinkel grundsätzlich nach unten: Ärztin Jenna (Laurie Metcalf).
Geradezu großartig herablassend gibt sich Stationsärztin Dr. Jenna James, zum Niederknien pointiert gespielt von Laurie Metcalf, die hier 16 Jahre nach dem Ende von "Roseanne" (sie spielte Roseannes Schwester Jackie) und nach ihren Auftritten als Sheldon Coopers evangelikale Mutter in "The Big Bang Theory" endlich wieder groß aufspielen darf: Hinreißend ist sie als fahrige, arrogante Geriatrieärztin, die ihre Indifferenz gegenüber allen Patientinnen und Untergebenen hinter angestrengter Freundlichkeit verbirgt. Außerdem pflegt sie eine große Obsession, die sie auf Konferenzen und im New England Journal of Medicine kultiviert: Sie möchte das herkömmliche Spektrum geriatrischer Kot-Varianten von sieben auf spektakuläre sechzehn erweitern! Darüber vergisst sie fast, sich dem Kollegen Paul anzubiedern, jenem Charmeur, der sie immer wieder aus Notsituationen rettet und dann (Episode drei zeigt's) doch lieber eine blutjunge Assistentin datet. Ansonsten aber regiert bei ihr der Stuhl: Als eine Patientin auf einen Sessel im Warteraum defäkiert, muss der "turd" sofort für ihre Sammlung gesichert werden, was zu einem absurden Theater führt, das fast an Beckett oder Ionesco erinnert. Als die aufsichtführende Schwester Beverly zickt, rastet Jenna sehenswert aus - nur um nach dieser "dramatischen Geste" alsbald von der temporären zur festen Stationsärztin befördert zu werden.

Beverlys Nachfolge als Supervisor tritt der fettleibige Patsy de la Serda an, ein penibler Möchtegern-Advisor mit Bluetooth-Empfänger im Ohr, der die Station gern ganz modern "evaluieren" und aufmöbeln will, dabei aber an der eigenen Ungeduld und unter einem gestörten Verhältnis zu seiner Homosexualität leidet: Mel Rodriguez spielt Patsy sehr schön als unwirsche Variante von Cam aus "Modern Family". Als einzig "normale" Seele erscheint in diesem Szenario die gerade frisch ihren Dienst antretende Krankenschwester DiDi Ortley (Niecy Nash aus "Reno 911!"). Sie scheint tatsächlich so etwas wie Empathie für die Patienten zu empfinden und eignet sich damit am ehesten als Identifikationsfigur für den Zuschauer - kein Wunder, dass DiDi permanent Anwürfen durch Patsy, Dawn und Jenna ausgeliefert ist.

Auch inszenatorisch überzeugt "Getting On". Pilot-Regisseur Miguel Arteta etwa, der neben Comedy-Expertise ("The New Normal") Erfahrung mit den subtilen Zwischenformen von Drama und Komödie hat ("Enlightened", "Six Feet Under"), schneidet temporeiche Dialoge gegen kurze Momente der Introspektion und hat Mut zur frechen Ellipse: Vom Skalpell-Angriff Jennas in einer Schlüsselszene erfährt man erst später und ganz lapidar, was die Sache natürlich viel lustiger macht.

Ansonsten halten sich die ersten Folgen inhaltlich ans britische Original, mit dezenten Abweichungen: Aus der vor sich hin murmelnden, orientierungslos aufgefundenen Bengali-Patientin aus dem Original wird bei HBO eine "irgendwie chinesisch" redende Kambodschanerin. In der zweiten Folge bekommt es die Station auch hier mit einer herrlich unflätigen (und wie Philip Seymour Hoffman aussehenden) Redneck-Patientin zu tun, die mit Flaschen um sich schlägt und Patsy in ihren rassistischen und homophoben Schimpfkanonaden unter anderem fragt, ob er sich das Rektum bleichen lässt, um es frisch zu halten. (June Squibb spielt diese Frau; sie spielt gerade in Alexander Paynes "Nebraska" eine schöne Hauptrolle.) In der dritten, bislang besten Episode bekommt Dauerpatientin Birdy dann Besuch von einem greisenhaften Kurschatten: Der große Harry Dean Stanton ("Wild at Heart", "Big Love") hat dabei nichts weiter zu tun als sympathisch arthritische Sexszenen unter 90-Jährigen. Das muss man sich erst einmal trauen.

Die Protagonisten der US-Variante wirken bei alldem erstaunlicherweise weniger karikaturenhaft als ihre britischen Vorbilder, wie überhaupt der tragische Beigeschmack betont wird: Die Pilotfolge endet mit einer überraschend berührenden Szene, in der Dawn und DiDi eine Todesnachricht überbringen, und auch die zweite Folge geht mit einer alten Dame, die zu Scott McKenzies "San Francisco" leise Karaoke singt und dabei letztmals in ihre Vergangenheit als Sängerin abtaucht, weit mehr an die Nieren, als man das in dieser absurden Umgebung eigentlich vermuten würde.

Aber so ist das hier eben: Eigentlich ist "Getting On", brillant gespielt und vorzüglich geschrieben, keine reinrassige Comedyserie, obwohl sie die Einsamkeit alter Menschen in satirischem Kontext porträtiert und sich mit ätzendem Humor an einem maroden Gesundheitssystem abarbeitet, in dem es das Wichtigste zu sein scheint, wann ein Krankenbett endlich für den nächsten "Kunden" freigeräumt wird. Ein Kloß im Hals ist beim Zuschauen unvermeidbar, denn die ganz große Menschheitstragödie mit all ihren existenzialistischen (letzten) Fragen quillt durch jede Szene und jeden Dialog. Dennoch ist das Ergebnis schreiend komisch. Wenn das mal nichts für die Feiertage ist!

Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Folgen von "Getting On".

Meine Wertung: 4.5/5
Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: HBO


 

Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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