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TV-Kritik/Review: Grace and Frankie
(01.06.2015)

Zwei verheiratete Frauen über siebzig, konträre Persönlichkeiten. Sie mögen sich nicht besonders und sind eingeladen zum gemeinsamen Dinner, von ihren Gatten. Dort erwarten Grace und Frankie, dass diese ihnen etwas mitteilen, womit sie ohnehin rechnen: dass die beiden Berufskollegen endlich in den Ruhestand gehen. Doch ihre Offenbarung geht in eine ganz andere Richtung: Robert und Sol wollen ihre Gattinnen verlassen. Weil sie sich schon vor zwei Jahrzehnten ineinander verliebt haben und wenigstens ihren letzten Lebensabschnitt gemeinsam verbringen wollen. Als miteinander verheiratete Männer.
Man könnte diesen Plot getrost als Melodram erzählen - schließlich verkleinert dieses späte Coming Out zwei langjährige Partnerschaften zum Fake, schließlich stellt es das Leben zweier Frauen auf den Kopf, die gerade in Ruhe auf die Zielgeraden einbiegen wollten. Die beiden Schöpfer dieser neuen Netflix-Serie, Marta Kauffman und Howard J. Morris, gehen allerdings einen ganz anderen Weg: Sie machen aus dieser Prämisse eine Comedy. Eine gute Wahl, denn irrwitzig genug ist die ganze Angelegenheit, das zeigt schon die animierte Intro-Sequenz, in der der unerhörte Partnertausch mithilfe von Figuren auf einer kollabierenden Hochzeitstorte skizziert wird - zu einer Coverversion von Stealers Wheels' "Stuck in the Middle With You".
Kauffman und Morris sind Veteranen der klassischen Multi-Camera-Sitcom, erstere hat den Dauerbrenner
Dies ist beider erste Zusammenarbeit seit dem Kinofilm "Warum eigentlich bringen wir den Chef nicht um?" von 1980, und sie haben sichtlich Freude daran, hier erneut ganz gegensätzliche Charaktere auszugestalten: Grace ist die zugeknöpfte Ex-Chefin einer Kosmetikfirma, edel gekleidet und mondän frisiert, der Low-Carb-Ernährung verpflichtet. Das Haus, in dem sie jahrzehntelang mit Robert lebte, ist aufgeräumt, minimalistisch eingerichtet und in kühlen Farbtönen gehalten. Frankie dagegen stromert als Ex-Hippie mit esoterischen Anwandlungen und künstlerischer Ader in fließenden Stoffgewändern durch ein Haus, das mit afrikanischer Folk Art zugestellt ist.
Schnell wird klar, was die Serie erzählen will: Wie gehen Grace und Frankie mit der für sie schockhaften Nachricht um (die ein wenig an den Amazon-Glücksgriff 
Beide Paare haben längst erwachsene Kinder: Grace und Roberts blonde Töchter Brianna (June Diane Raphael,
Sie alle stehen ohnehin und ganz zu Recht im Schatten der Hauptdarstellerinnen - und deren Comeback auf der großen (Streaming-)Bühne zuzusehen ist eine große Freude. Wie sie sich mit kleinen bis großen Nickeligkeiten beharken und sich angesichts ihrer katastrophischen neuen Lebenssituation dennoch aneinander anlehnen müssen; wie sie beide im von den Familien geteilten Strandhaus Zuflucht suchen und sich dort auf die Nerven fallen, wie sie ihre Männer zusammenstauchen, wenn diese sich Stühle mit Ryan-Gosling-Foto auf der Sitzfläche bestellen - all das lebt vom lebensklugen Spiel der beiden Diven, die niemandem mehr etwas beweisen müssen und hier jeweils glaubwürdig alt gewordene und von diversen Zipperlein gepeinigte Versionen ihrer angestammten Rollenprofile vor die Kamera bringen. Die meisten Lacher hat zwar die verlässlich derbe Lily Tomlin, die in der Pilotepisode (inszeniert von Tate Taylor, "The Help") gleich eine durch Peyote-Pilze induzierte "Vision Quest" unternehmen darf und dabei einen Hexenschuss erleidet, doch Jane Fondas Grace, die immer wieder köstlich daran scheitern darf, ihre Kontrolliertheit nicht zu verlieren, steht ihr kaum nach: Sie wirkt ein bisschen wie eine gealterte Ausgabe von Julie Bowens Claire Dunphy aus
Nach einer leider sehr mauen zweiten Folge, in der die beiden Ehemänner den Titelheldinnen unmotiviert und abrupt die Kreditkarten sperren, nimmt
Auch in anderer Hinsicht macht die dritte Episode Lust auf mehr: In "The Dinner" überzeugt das Verhältnis von Komik und dramatischem Subtext, und auch das Gleichgewicht der Figurenkonstellation wirkt erstmals stimmig. Im Mittelpunkt stehen zwar klar Grace und Frankie und auf zweiter Ebene die künftigen Ex-Gatten, gleichzeitig jedoch machen die Autoren klar, warum auch die anderen Figuren eine Existenzberechtigung in dieser Serie haben. Bleibt dieser Tonfall erhalten, könnte sich "Grace and Frankie" fraglos zu einer Comedy auswachsen, die man nicht nur der beiden legendären Hauptdarstellerinnen wegen gerne verfolgt.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Serie.
Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: Netflix
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