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Mord und Musik mit Malcolm X im New York City der Sixties
Forest Whitaker ist der "Godfather of Harlem"
Bild: Epix
TV-Kritik/Review: "Godfather of Harlem": Oscar-Gewinner Forest Whitaker dominiert packende Gangstersaga/Bild: Epix

Zu Beginn von Ridley Scotts zweifach oscarnominiertem Drama "American Gangster" aus dem Jahr 2007 gibt es eine Szene, in der Denzel Washington als zukünftiger Crime-Lord Frank Lucas in aller Seelenruhe einen Widersacher in Brand steckt und dann mit Schüssen niederstreckt. Lucas wird später der Drogenkönig von Harlem sein, bekannt vor allem für seine Masche, Heroin in Armeeflugzeugen von Thailand aus in die USA zu schmuggeln. Der ältere Herr, der während dieser Szene schweigend neben Denzel Washington steht, ist Clarence Williams III, bekannt aus der ABC-Cop-Serie "The Mod Squad" (deutsch: "Twen-Police"), die genau in jener Zeit Erfolge feierte, in der der echte Frank Lucas zum Paten heranreifte: Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger. Williams spielt im Film Bumpy Johnson, der Lucas' Mentor war und sein direkter Vorgänger, zumindest was die Königsherrschaft über die Unterwelt von Harlem anbelangte. Nach wenigen Filmminuten, wir schreiben 1968, stirbt Johnson an einer Herzattacke.

Im Zentrum der neuen Serie ""Godfather of Harlem", produziert für den Pay-TV-Sender Epix und jetzt via MagentaTV zu sehen, steht nicht Lucas, sondern Johnson - weshalb die Serie inoffiziell als eine Art Prequel zum Film gehandelt wird. Ob Lucas als Johnsons Protégé in der Serie irgendwann auftauchen wird, das bleibt abzuwarten (eine zweite Staffel ist bestellt). Die anno 1963, also fünf Jahre zuvor, angesiedelten Folgen der Premierenstaffel lassen ihn jedenfalls erst mal noch nicht aufkreuzen. Sowieso scheint die Referenz - siehe Serientitel - eine ganz andere zu sein: "The Godfather", also Francis Ford Coppolas Meisterwerk "Der Pate", gilt nach wie vor als Messlatte des Gangstergenres, und wenn man sich, wie es die Chefautoren Chris Brancato und Paul Eckstein hier tun, an dessen Titel anlehnt, dann hängt man sich ein ganzes Stück weit aus dem Fenster.

Aber das Selbstbewusstsein, das die beiden vor allem für "Narcos" bekannten Serienmacher an den Tag legen, ist nicht unbegründet. Mit ihrem wie immer phänomenalen Hauptdarsteller Forest Whitaker (Oscar für "Der letzte König von Schottland"), dem auch sonst sehr sehenswerten Cast, jeder Menge Zeit- und Lokalkolorit und einem aufregenden Soundtrack fühlt und hört sich ihre Serie vom Fleck weg sehr gut an. Ein neues "Sopranos" oder eben gar "Der Pate" sollte man zwar nicht erwarten, aber all jene, die an handfesten Crime Stories interessiert sind, die zudem engagiert an zeitgeschichtliche Begebenheiten der US-amerikanischen Sixties andocken, dürfen getrost einen Blick drauf werfen.
Malcolm X (Nigél Thatch) und Bumpy Johnson (Forest Whitaker) könnten sich gegen die Genovese-Familie verbünden.

Im Wesentlichen erzählen Brancato und Eckstein davon, wie der "Pate von Harlem" 1963 in sein angestammtes Revier im Norden von Manhattan zurückkehrt und es nicht mehr wiedererkennt. Während dieser Ellsworth "Bumpy" Johnson elf Jahre in Alcatraz einsaß, hat sich die italienische Mafia in den einst von ihm kontrollierten Straßen breitgemacht. Die Genovese-Familie regelt dort illegales Glücksspiel, Drogenhandel und andere sinistre Branchen. Boss Vincent "Chin" Gigante, dem der Darsteller Vincent D'Onofrio ("Full Metal Jacket") eine Tony-Soprano-haft schnaufende Wucht verleiht, ist über Bumpys Rückkehr aus dem Knast entsprechend wenig erfreut.

Die ersten Folgen zeigen, mit welchen brutalen Methoden sich Bumpy zurück ins Geschäft kämpft. Dabei macht sich die Serie den Kontrast zwischen diesen Taten und dem Erscheinungsbild ihres Hauptdarstellers zunutze: Whitaker sieht als Johnson, triefäugig und mit stets hängenden Mundwinkeln, körperlich wie starrgestellt in seinem edlen Mantel und gestisch minimalistisch, wie der 58-jährige, müde gewordene Mann aus, der er nun mal ist. Dann aber zückt er plötzlich Rasiermesser oder Pistole und meuchelt so ziemlich jeden, der ihm in die Quere kommt. Ehefrau Mayme (stark: Ilfenesh Hadera aus "Billions"), die all die Jahre auf ihn wartete und sein - vermeintliches - Töchterchen Margaret großzog, bittet ihn eingangs noch mit strengen Worten, dem Verbrechen fortan zumindest persönlich fernzubleiben. Doch daran zu glauben scheint sie wohl selbst nicht richtig.

Familienglück ohne Zukunftsaussichten: Mayme (Ilfenesh Hadera) und Bumby (Forest Whitaker) mit Töchterchen Margaret (Demi Singleton)

Um Bumpys Kern- und Zweckfamilie aus Handlangern und Bodyguards herum zeichnen Brancato und Eckstein noch ein weit größeres Bild: das eines Harlem, das in den Sixties Brennpunkt afro-amerikanischer Kultur und Emanzipation war, sowie das vom Aufstieg der Bürgerrechtsbewegungen. Immer wieder wird in Erinnerung gerufen, dass im Jahr 1963 noch strengste Rassensegregation herrschte. Johnsons Wege kreuzen sich erneut mit dem Aktivisten Malcolm X, den der Gangsterboss einst vom kriminellen Leben abgebracht hatte: Inzwischen ist X Wortführer der religiös-politischen Organisation "Nation of Islam", kämpft dabei für die Rechte der Schwarzen in den USA und überdies gegen die grassierende Drogensucht, speziell in Harlem. Das macht X und Johnson zu Waffenbrüdern im Konflikt mit den guineas, wie Bumpys Leute die Genovese-Familie nennen. Ob die Verbindung zwischen Bumpy und X tatsächlich so eng war wie in "Godfather of Harlem" behauptet, sei dahingestellt - die Kontakte sind aber verbürgt. Darsteller Nigél Thatch, der Malcolm X sehr ähnlich sieht und sein raues Sprechtimbre perfekt imitiert, hat dieselbe Rolle übrigens schon im Kinofilm "Selma" verkörpert.

Weniger von der religiösen denn von der realpolitischen Seite kämpft ein weiterer von Bumpy Johnsons "legalen" Kollaborateuren für die Verbesserung der Lebensverhältnisse in Harlem: Congressman Powell, im Hauptberuf Prediger und der erste schwarze New Yorker, der ins Repräsentantenhaus gewählt wurde. Giancarlo Esposito (Gus Fring aus "Breaking Bad") spielt den Demokraten als schelmischen Pragmatiker, der Bumpy mit Quid-pro-quo-Deals bei der Stange halten will.

Congressman Powell (Giancarlo Esposito).

Neben der alltäglichen Gangstergewalt, die die Serie mitunter explizit ins Bild rückt, und den diversen Politmanövern ziehen die Autoren dem Geschehen zudem gleich mehrere persönliche Ebenen ein - etwa Bumpys erwachsene Tochter Elise (Antoinette Crowe-Legacy), die als Heroin-Junkie ihren Körper auf dem Straßenstrich verkauft. Ihr Schicksal lässt die Geschäfte ihres Vaters noch ambivalenter erscheinen. Gigantes Tochter Stella (Lucy Fry aus "11.22.63 - Der Anschlag") hat sich dagegen, sehr zum Verdruss ihres Mafiosi-Vaters, in den schwarzen Musiker Teddy Greene (Kelvin Harrison Jr.) verliebt, der so talentiert ist, dass sich sogar der berühmte Plattenproduzent Bobby Robinson (Tramell Tillman, "Dietland") für ihn interessiert. Chin hegt Mordgedanken.

Es ist nicht leicht, all diese Plot-Elemente und popkulturellen Verweise in nur zehn Episoden abzuhandeln, und tatsächlich fühlen sich schon die ersten Folgen mitunter arg gedrängt an: hitzige Stand-Offs mit Mafiosi, brutale Überfälle, Meucheleien in Hinterzimmern, atmosphärische Strip- und Nachtclubszenen (mit den Sängern Aloe Blacc und Jazmine Sullivan in prägnanten Kurzauftritten), stylishe Sixties-Interieurs, korrupte Cops, dubiose Typen in heißen Schlitten (Rafi Gavron als Stellas Aufpasser): Es wirkt streckenweise so, als habe da jemand versucht, "Die Sopranos", "The Deuce", "The Wire" und "Mad Men" auf einen Schlag zu drehen. Schon allein wegen diesem All-in-one-Ansatz verwundert es kaum, dass es der Produktion dann doch deutlich an der Abgründigkeit und Dialogschärfe dieser Vorbilder mangelt.

Musiker Teddy Greene (Kelvin Harrison Jr.) beginnt eine Romanze mit Gigantes Tochter Stella (Lucy Fry)

Dennoch geht die Mixtur überwiegend auf - zumindest was ihre generelle Tragfähigkeit als solides Gangster-Entertainment angeht. Das liegt an der überzeugenden Besetzung und an der kompetenten Regie. Die Pilotfolge etwa drehte niemand Geringerer als John Ridley, oscargekrönter Autor von "12 Years a Slave". Die zweite Episode stammt von "The Wire"-Produzent Joe Chappelle. Beiden gelingt es, die vielen Szenen- und auch tonalen Wechsel nachvollziehbar zu einem nie die Spannung verlierenden Ganzen zu verbinden. Hinzu kommt der mitreißende Soundtrack: Der exzellente Titelsong "Just in Case", der eine grandiose Titelsequenz in Cut-Out-Technik untermalt, weist den Weg zu einer wilden Vermischung alter R'n'B- oder Blues-Klassiker à la The Impressions oder Sonny Boy Williamson mit zeitgenössischem, clever anachronistisch eingesetztem Hip-Hop von Rappern wie A$AP Ferg oder Swizz Beatz. Das funktioniert bestens und ist problemlos dazu in der Lage, selbst noch die disparatesten Szenenfolgen geschmeidig zu verbinden. So wartet man dann zunehmend gern auf die Beantwortung der Frage, ob Frank Lucas irgendwann tatsächlich noch im Geschehen auftaucht - und "Godfather of Harlem" damit zum echten Prequel von "American Gangster" wird.


Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten zwei Episoden von "Godfather of Harlem".

Meine Wertung: 3.5/5

Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: Epix


"Godfather of Harlem" wird für den amerikanischen Pay-TV-Sender EPIX hergestellt. Seit dem 14. November veröffentlicht MagentaTV die Serie in Deutschland.

Trailer zu "Godfather of Harlem"


 

Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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