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TV-Kritik/Review: "Mare of Easttown": Kate Winslet ist spektakulär gut in diesem Kleinstadt-Krimidrama

Siebenteilige HBO-Miniserie mit Guy Pearce und Jean Smart kommt zu Sky Atlantic
Auf Streife durchs marode Easttown: Detective Mare Sheehan (Kate Winslet)
HBO
TV-Kritik/Review: "Mare of Easttown": Kate Winslet ist spektakulär gut in diesem Kleinstadt-Krimidrama/HBO

Kate Winslet als Oma? Kein Scherz: In dieser HBO-Miniserie spielt sie eine. 24 Jahre nach  "Titanic" und 13 Jahre nach ihrem Oscar für  "Der Vorleser" ist die britische Schauspielerin offenbar fest entschlossen, ungewöhnliche und mutige Rollen zu übernehmen. Das Risiko zahlt sich aus:  "Mare of Easttown" ist die möglicherweise beste neue Crime-Serie des Jahres. Wie in jedem echten Qualitätskrimi ist dabei das Charakterdrama wichtiger als alles Kriminalistische - der Plot interessiert sich vor allem für die Lebensumstände und die Schicksale der Figuren. Die gebeutelte Kleinstadtpolizistin Mare Sheehan in der beruflichen wie privaten Krise spielt Winslet dabei so großartig, dass es in der nächsten Award-Season Preise auf sie regnen dürfte.

Der inzwischen 45-jährige Kinostar hat mit HBO gute Erfahrungen gemacht: Vor zehn Jahren gewann sie für den Fünfteiler  "Mildred Pierce" den Emmy und den Golden Globe, es war einer der größten schauspielerischen Triumphe ihrer Karriere. Doch während "Mildred Pierce" auf einem Roman basierte, der obendrein schon  legendär mit Joan Crawford verfilmt worden war, ist "Mare of Easttown" nun ein ganz neuer, zeitgenössischer Stoff, dem Winslet von Anfang an Kontur verleihen kann. Die sieben einstündigen Folgen spielen in der titelgebenden Kleinstadt im Speckgürtel von Philadelphia, in einem zersiedelten Winkel von Pennsylvania, in dem der Niedergang von Montan- und Stahlindustrie gesellschaftliche Folgeschäden zeitigte. Autor Brad Ingelsby, bisher als Autor mittelerfolgreicher Actionreißer wie  "Auge um Auge" oder  "Run All Night" bekannt, ist in dieser Gegend aufgewachsen, und obwohl das Easttown der Serie fiktionalisiert wurde, wirkt das ganze Setting fast schmerzhaft glaubwürdig.

Winslet spielt Detective Mare Sheehan, und die erste Folge nimmt sich ausgiebig Zeit, sowohl die berufliche als auch die private Welt dieser Figur vorzustellen - wobei schnell deutlich wird, dass sich diese Welten an vielen Stellen überlappen. Jeder kennt jeden in Easttown, ein Umstand, der Gewalttaten und Tragödien noch schwerer erträglich macht, als sie ohnehin schon sind. Die Pilotepisode folgt Mare einen Tag lang von Polizeiruf zu Polizeiruf, zu alten Leuten, die einen verdächtigen Mann im Garten gesehen haben wollen, zu einem stadtbekannten Junkie, der das Haus der eigenen Schwester ausrauben will. Auf den eigentlichen Fall, um den "Mare of Easttown" kreisen wird, stößt die Polizistin erst am (bitteren) Ende dieser Folge.

Mares Partner wider Willen: County Detective Colin Zabel (Evan Peters)
Mares Partner wider Willen: County Detective Colin Zabel (Evan Peters)HBO

Wie nebenher wird zuvor das Porträt dieser zähen, aber müde gewordenen Frau gezeichnet. Mare Sheehan, erfahren wir, war vor einem Vierteljahrhundert Star einer Basketballmannschaft, die Easttown mit einem spektakulären Sieg viel Ruhm eingebracht hatte - einen Ruhm allerdings, den Mare derzeit zu verspielen droht: Im Fall des seit einem Jahr vermissten Teenagers Katie Bailey, Tochter ihrer Basketball-Teamkollegin Dawn, hat sie bislang keine Erfolge verbuchen können. In der schwer verunsicherten Gemeinschaft des Ortes wächst das Misstrauen, Polizeichef Carter (John Douglas Thompson) macht Druck.

Schließlich begleiten wir Mare auch noch nach Hause: Dort fügt sich skizzenhaft das Bild ihrer aus den Fugen geratenen Lebenssituation zusammen. Von ihrem Mann Frank (David Denman aus  "Brightburn"), einem Mathelehrer, ließ sie sich scheiden, nachdem sich ihr Sohn Kevin das Leben nahm. Frank lebt jetzt direkt nebenan mit seiner neuen Partnerin. Kevins jüngere Schwester Siobhan (Angourie Rice aus  "The Nice Guys") ist lesbisch und rebellisch. Mare ist außerdem bereits Großmutter: Enkel Drew lebt unter ihrem Dach, doch seine Mutter, Kevins Freundin Carrie (Sosie Bacon aus  "Here and Now"), die in einem Heim für Suchtkranke wohnt, plant, sich das Sorgerecht für ihr Kind zurückzuholen. Damit nicht genug: Auch Mares verwitwete, Schnaps und Eiscreme zugeneigte Mutter Helen (brillant sarkastisch wie stets: Jean Smart aus  "Fargo" und  "Watchmen") lebt mit im Haus, gerne zwitschert sie ein paar Drinks mit ihrem Neffen, dem Geistlichen Dan (Neal Huff aus  "Close-Up").

Was sich seifenopernhaft konstruiert lesen mag, fügt sich in der Serie mühelos zum intensiven Charakterdrama zusammen, dessen einzelne Schichten sich erst nach und nach entblättern - bis hinab auf den tragischen Grund der Figuren. Das gilt auch für die Hauptfigur: Was im Leben von Mare Sheehan geschehen ist, wird zunächst nur angedeutet, erst später dann konkreter. In Kate Winslets Spiel allerdings ist alles von Anfang an eingeschrieben: Auf den ersten Blick wirkt sie mit ihrer wundervoll konsequenten Genervtheit nur grimmig, mürrisch und abweisend, auf den zweiten Blick aber ist ihre Beladenheit erkennbar, die Verletzungen, die ihr zugefügt wurden und die sie sich nun selbst zufügt. Winslet hat die Serie mitproduziert, entsprechend viele Großaufnahmen gibt es von ihr. Glücklicherweise aber wirken sie nie eitel: Die ungeschönte, buchstäblich ungeschminkte Ehrlichkeit, die Winslet in die Rolle legt, ist vielmehr zentral für diese fundamental verletzte Figur; die Lebensenttäuschung der ständig E-Zigaretten rauchenden, ungesundes Zeug mampfenden und viel und häufig trinkenden Polizistin zeigt sich in ihrer verspannten Haltung, in ihrem schleppenden Gang, der zum Humpeln wird, als sie sich bei einer Verfolgungsjagd den Fuß verknackst.

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Schwof mit dem Literaten: Findet Mare mit Richard Ryan (Guy Pearce) neues Glück? HBO

Diese vielfach versehrte Mittvierzigerin passt in ein Umfeld, das reich an geplatzten Träumen ist, voller Lebensentscheidungen, die im Nirgendwo verlaufen sind, in dieser Kleinstadt der umarrangierten Daseinspläne und brutal beschädigten Biografien: Neben den Genannten ist da noch Lori Ross (Julianne Nicholson,  "Togo"), Mares beste Freundin, in deren Ehe mit John (Joe Tippett) es offenbar nicht zum Besten steht; da ist deren halbwüchsiger Sohn, der in der Schule die Ehre seiner Schwester mit den Fäusten verteidigt und ein Geheimnis bewahrt; da ist der Diakon (James McArdle), der nach einem Skandal in die Gemeinde versetzt worden ist; da ist der ebenfalls neu in die Stadt gezogene Literaturdozent Richard Ryan ( "Memento"-Star Guy Pearce spielte schon in "Mildred Pierce" neben Winslet), der Mare schöne Augen macht; und dann kommt kommt noch County Detective Colin Zabel ( "American Horror Story"-Ensemblemitglied Evan Peters) hinzu, ein Kommissar, der Mare gegen ihren Willen als Partner an die Seite gestellt wird, um im Bailey-Fall für neuen Schwung zu sorgen.

Der Kriminalfall schließlich, in dem Mare ermitteln wird, könnte mit dem Fall der vermissten Katie Bailey zusammenhängen. Oder doch nicht? Die junge Erin McMenamin (Cailee Spaeny aus  "Devs"), deren prekäres Leben kurz und prägnant vorgestellt wird, liegt bald tot in einem nahegelegenen Bach, zuvor musste sie sich von ihrem wütenden Arbeitervater (Patrick Murney,  "Seven Seconds") drangsalieren, vom Erzeuger ihres Babys (Jack Mulhern,  "The Society") missachten und von dessen neuer Freundin verdreschen lassen. Nach und nach fällt auf, dass so ziemlich jede Person, von John Ross über die zwei Priester bis hin zu Mares Ex-Mann, auf ihre Weise Umgang mit der Ermordeten pflegte: Verdächtige gibt es also genug, und tatsächlich hat Ingelsbys Drehbuch pro Folge mindestens eine cliffhangerreife Enthüllung in petto.

Man kann mit Recht bemängeln, dass das tragische Leben von Erin McMenamin eine Spur zu nah am Elendsporno gebaut ist und dass der Krimiplot rund um Teenagerschwangerschaften, Prostitution und Suchtkrankheiten aller Art auf Dauer ein paar falsche Fährten zu viel legt, zumal auch auf Genre-Stereotypen wie die vorübergehende Suspendierung vom Dienst, aufgebrummte Therapiestunden und geheime Tagebücher nicht verzichtet wird, doch trüben diese Abstriche den Gesamteindruck kaum - letztlich ordnet sich alles den rundum stimmigen Charakterporträts unter, die vom insgesamt starken Cast stets glaubhaft gehalten werden. Cailee Spaeny wäre hier besonders hervorzuheben: In wenigen Szenen bringt sie Erin, diese konstant gedemütigte junge Frau aus unterprivilegierten Verhältnissen, herzzerreißend auf den Bildschirm.

Sie ist das Opfer: Wer tötete Erin McMenamin (Cailee Spaeny)?
Sie ist das Opfer: Wer tötete Erin McMenamin (Cailee Spaeny)? HBO

Regisseur Craig Zobel, der alle sieben Episoden inszenierte und zuvor u. a. mit drei der besten Folgen von  "The Leftovers" auffiel, schafft es, der Produktion einen absolut beeindruckenden Sinn für Ort und Zeit zu verleihen. Wenn das Publikum das Gefühl bekommt, die erzählte Geschichte sei ausschließlich in dieser Stadt zu dieser bestimmten Zeit denkbar, ist das definitiv ein gutes Zeichen; so schwärmt das US-Publikum derzeit begeistert vom regionaltypischen Dialekt, den sich nicht nur die Britin Winslet für die Serie draufgeschafft hat, und obgleich das Thema Politik in der Serie auffällig ausgespart wird (dabei hatte Donald Trump Pennsylvania und andere Staaten des sogenannten "Rust Belts" 2016 auf seine Seite gezogen), entsteht das Bild eines in Auflösung befindlichen Gemeinwesens, das an die Nieren geht und vor allem deshalb überzeugt, weil es gewichtige Themen wie Trauer, Traumatisierung oder Mutterschaft prägnant mitverhandelt. Weil dabei die weibliche Perspektive im Zentrum steht, bieten sich Vergleiche zu Genre-Highlights wie den britischen Hits  "Happy Valley" oder  "Broadchurch" an, die ebenfalls soziale Belange mitporträtierten und/oder aufzeigten, welche Verheerungen Kriminaltragödien gerade in kleinen Orten anrichten, in denen das Unheil der Nachbarn immer auch das eigene Leben betrifft. Wie in Easttown alles mit allem zusammenhängt, das zeigt die Serie in treffenden Bildfolgen: Einmal etwa führt ein Autounfall zu einem Stromausfall im gesamten Ort, im daraus resultierenden Zwangsdunkel machen dann gleich mehrere Figuren beunruhigende Entdeckungen.

Letztlich ist "Mare of Easttown" aber auch ein Whodunit-Krimi, der zum Miträtseln einlädt, fast alle Figuren geschickt verdächtig erscheinen lässt und die Thriller-Schraube stetig anzieht. Am Ende der meisterlichen fünften Episode steht ein (vorläufiger) Showdown, der  "True Detective" und das  "Schweigen der Lämmer" anzitiert und mit zum Spannendsten (und Schockierendsten) gehört, was Crime-Serien zuletzt zu bieten hatten. Mit Thriller-Moves dieser Größenordnung ist hier also durchaus zu rechnen. Doch selbst wenn die Auflösung des Falls am Ende als weniger außergewöhnlich ausfallen sollte als erhofft: Das packende Kleinstadt- und Charakterdrama, das "Mare of Easttown" schon ab der ersten Folge ist, würde das nicht mehr groß schmälern.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten fünf Episoden von "Mare of Easttown".

Meine Wertung: 4.5/5

Sky Atlantic nimmt die siebenteilige Miniserie "Mare of Easttown" ab dem 21. Mai ins Programm und zeigt sie immer freitags ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen. Zusätzlich steht sie wahlweise auf Deutsch oder im englischen Originalton auf Sky Ticket sowie über Sky Q auf Abruf bereit.

Trailer zu "Mare of Easttown" (englisch)


 

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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Leserkommentare

  • zynicus schrieb am 08.06.2021, 17.10 Uhr:
    Bitte was ist ein Whodunit-Krimi?
    "und die erste Folge nimmt sich ausgiebig Zeit, sowohl die berufliche als auch die private Welt dieser Figur vorzustellen"
    gibt es eigentlich noch Krimis, wo es um einen spannenden Fal geht?
    Wo der Herr Kommissar und/oder seine Leute, mit Nachdenken, Überlegen, Recherchieren auf den Täter kommt?
    Ohne das dabei die kaputte Lebensgeschichte des Protagonisten 9 Folgen lang beleuchtet und eine Charakerstudie daraus wird. Und dann in der letzten Folge sich herausstellt, der Mörder war der Ehepartner (vgl Broadchurch) oder der Partner bzw Vorgesetzte des Kommissars.
    Schön wäre, wieder mal so ein richtig inteligenter Krimi, wo der oder die Täter, mit der Polizei, dem Chefermittler, dem Kommissar, dem DC, dem Inspektor Katz und Maus spielt.
  • Philipp koch schrieb am 21.07.2021, 23.46 Uhr:
    The wire
 

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