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TV-Kritik/Review: "8 Tage" macht vieles richtig, aber...

von Gian-Philip Andreas (28.02.2019)
Sky-Miniserie mit spannendem Konzept lässt lange Endzeitpanik vermissen
Ist der Zug zur Rettung für Susanne (Christiane Paul) und Tochter Kinder abgefahren?
Bild: Sky
TV-Kritik/Review: "8 Tage" macht vieles richtig, aber.../Bild: Sky

Die letzten Tage vor dem Untergang der Welt - das ist die Fallhöhe, die "8 Tage" für sich beansprucht. Ein Asteroid namens Horus (Latein für: Horn) rast ungebremst auf die Erde zu, genauer: auf Europa. Eine gute Woche soll es dauern bis zum Aufprall. Europa liegt in der "Kill Zone", niemand wird dort überleben, auch anderswo auf der Welt soll dann ewige Dunkelheit herrschen. Die NASA hat noch versucht, den todbringenden Fels mit Raketen zu sprengen, allein: Es gelang nicht. Und kein Bruce Willis in Sicht, der vor 21 Jahren im Katastrophen-Kracher "Armageddon" zur Tat schritt. Keine Frage also, der Stein wird fallen. Die Interkontinentalflüge wurden aufgrund des großen Andrangs gestrichen, die Autobahnen sind gesperrt, das Militär hat das Kommando übernommen. Wer kann oder darf, flüchtet sich gen Osten, gen Westen, gen Süden oder nach unten, in die viel zu wenigen Bunker.

Es ist ein veritables Weltuntergangsszenario, das sich der geschätzte Jungproduzent Rafael Parente ("Hindafing") da zusammen mit Peter Kocyla und Co-Autor Benjamin Seiler ausgedacht hat, und natürlich setzt es bei den Zuschauern sofort Was-wäre-wenn-Fantasien in Gang: Was würde man selbst tun, wäre in acht Tagen der Ofen aus? Würde man sich gedankenlos daran machen, die eigenen Grundbedürfnisse zu befriedigen, sich mit allem, was man auftreiben kann, berauschen, würde man versuchen, sexuell noch mitzunehmen, was irgendwie geht? Würde man also endzeithedonistisch alle Hemmungen fallenlassen, den nächsten Laden plündern und sich nehmen, was man will? Oder würde man, im Gegenteil, wie gelähmt darauf warten, dass alles vorbei ist? Oder, vom unzerstörbaren Überlebenswillen getrieben, eben doch ein Boot übers Mittelmeer steuern - und mal schauen, wie weit man dann durch die Sahara südwärts kommt? Wie sähe die Welt also aus, wenn die Apokalypse so kurz bevorstünde - bräche alles zusammen, oder hielte man, so lange es nur geht, an der Ordnung fest? "Wenn wir uns alle wie Tiere benehmen", lautet ein zentraler Satz der Pilotepisode, "können acht Tage verdammt lang werden."

So viel möglicher Stoff also. Was wir in der neuen Sky-Deutschland-Serie "8 Tage" zu sehen bekommen, versucht an viele dieser Dinge anzuknüpfen, bleibt dann aber, zumindest innerhalb der ersten zwei Episoden, die auf der Berlinale Premiere feierten, fast fahrlässig hinter dem zurück, was die Dringlichkeit des Plots hergäbe. Vor allem sehen wir ziemlich vielen prominenten (und sehr guten) Schauspielern dabei zu, wie sie genauso sprechen und sich verhalten wie in den ganzen anderen Fernseh- und Kinofilmen, aus denen wir sie kennen. Im Fernsehen verrichten Moderatoren nach wie vor ihren Dienst, die Soldaten sind noch nicht desertiert und schnarren schmierenkomödiantisch ihre Kommandos, überhaupt bewegen sich die meisten Menschen nach wie vor tadellos gekleidet und frisiert durch Berlin, wo die Serie hauptsächlich spielt. Vielleicht nur ein bisschen hastiger als gewohnt.

Egon Meissner (Henry Hübchen) will im Angesicht des Weltuntergangs lieber alles selbst zerstören - zum Beispiel die altgediente Inneneinrichtung seines Hauses.

Spott beiseite, "8 Tage" macht vieles richtig. Der Fokus auf einen Hauptschauplatz und ein Figuren-Ensemble, das mehr oder weniger familiär miteinander verwoben ist, sind sicher ein guter Ansatz, um die Komplexität der Ereignisse in einer solchen Situation zu reduzieren. Wobei: So eine richtig typische Familie bekommen wir nicht vorgesetzt. Da ist die Ärztin Susanne (Christiane Paul, "Counterpart"), die mit Uli ("Tatort"-Kommissar Mark Waschke), der Teenie-Tochter Leonie (Lena Klenke, "Das schweigende Klassenzimmer") und dem kleinen Jonas (Claude Heinrich) in einer schick-modernen Villa in einem Berliner Wohlhabendenviertel lebt. Susannes Bruder Herrmann (Fabian Hinrichs, noch ein "Tatort"-Kommissar), ein versnobter Jungpolitiker mit Ambitionen, lebt in einem noch schickeren Penthouse, zusammen mit seiner pillensüchtigen und vor allem hochschwangeren Partnerin Marion (Nora Waldstätten, "Die Toten vom Bodensee"), deren rotes Haar wunderbar im Wind der Apokalypse leuchtet. Susannes und Herrmanns Vater Egon (wie immer super: Henry Hübchen, "Alles auf Zucker!") hingegen hat für diesen Lifestyle nichts übrig: Der russophile NVA-Veteran grantelt in seinem kleinen Vorstadthäuschen auch im Angesicht des Asteroiden-Aufpralls genauso übelgelaunt vor sich hin wie vermutlich in den zwanzig Nachwende-Jahren zuvor. "Jetzt noch heile Welt spielen - im Endspurt?" fragt er seine harmoniesüchtige Tochter einmal.

Devid Striesow, schon wieder ein "Tatort"-Kommissar, spielt den Baustoffhändler Klaus, dessen Tochter Nora (Luisa-Céline Gaffron) wiederum die beste Freundin Leonies ist. Leonie gerät derweil an den wie Jesus im Strickpulli tranceartig durch die Stadt geisternden jungen Endzeitprediger Robin (David Schütter, "Weinberg"), und Polizist Deniz (Murathan Muslu, der gerade auch in "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" ermittelt) wiederum, der inmitten des Chaos stoisch weiter für Ordnung sorgt, während seine Kollegen den Dienst quittieren, entpuppt sich als heimlicher Geliebter Susannes.

Grüppchenweise streben die Figuren in verschiedene Richtungen: Susanne, Uli und die Kinder erwischen wir in medias res, von Schleppern wollen sie sich nach Russland bringen lassen, doch weil sie keine Rubel dabeihaben (der Euro verlor qua Komet jeden Wert), stranden sie im polnischen Hinterland. Dort werden sie beim Versuch, einen Güterzug nach Moskau zu entern, getrennt. Susanne und Leonie trampen zurück nach Berlin, Vater und Sohn reisen gen Osten. Zum Glück hält sich die Serie nicht lange bei ihnen auf, denn die Actionszene, in der Waschkes Uli über die Zugwagons springt wie ein Ethan Hunt mit hohem Haaransatz ist wirklich relativ peinlich.

Auf der Flucht gerät die Steiner-Familie mit Susanne (Christiane Paul), Leonie (Lena Klenke) und Uli (Mark Waschke) tiefer in Schwierigkeiten

Also lieber rüber zu Klaus, den Striesow von Anfang an so spielt wie einen psychopathischen Triebtäter: Er ist ein "Prepper", hat sich unter der Firmenlagerhalle einen Bunker gebaut und Tochter Nora dort eingesperrt, "zu ihrem eigenen Schutz". Die kann den Vater aber überlisten und flieht, um ihren dadurch etwas plakativ legitimierten Freiheitsdrang fortan auf hedonistischen Sexpartys auszuleben, die trotz (oder wegen) Close-Up-Fellatio und Lesbensex eher nach WG-Party im Wedding aussehen denn nach Kubricks "Eyes Wide Shut". Gut zu wissen: Auch im Angesicht des Weltendendes sind auf solchen Partys alle Menschen jung und schön. Herrmann und Marion lassen sich von einem Helikopter auf eine US-Airbase fliegen, wo sie auf Ausreise in die USA hoffen. Und Egon? Der versäuft seine Jubiläumsschnäpse aus NVA-Zeiten: "Wär doch schade, wenn's an den Kometen fällt."

Vom großen Endzeit-Chaos - immerhin prangt ein Anarchie-A im Logo der Serie - ist in den ersten Folgen allerdings noch nicht viel zu sehen. Es gibt Staus, ja, und jede Menge deutsche Refugees, die das Land gen Russland verlassen, doch diese motivisch reizvolle Umkehr der Flüchtlingsthematik ist eher Begleitrauschen. Nur selten vermitteln sich spürbar der Druck, die Ungeduld und auch die Panik, die ein Countdown zur Apokalypse wirklich auslösen dürfte. Fabian Hinrichs gelingt dies nachdrücklich, wenn er in der zweiten Episode zusehends ungehaltener mit den US-Beamten um die Ausreise mit seiner Marion feilscht, ansonsten aber traben die Figuren meist durch die Szenerie, als ob ihnen angesichts des trudelnden Todesgesteins eher fad sei. Wie sang Morrissey? "Come, Armageddon, come!" Da wird dann also im Garten des Eigenheims ein Weinchen geschlürft, und alle möglichen Figuren latschen immer wieder über denselben öden Einkaufscenter-Parkplatz in Berlin-Britz, auf dem der Requisiteur überall verlassene, aber leere Einkaufswagen drapiert hat.

Mangels Trauschein wird es für Herrmann (Fabian Hinrichs) schwierig, seine hochschwangeren Freundin (Nora Waldstätten) mit in vermeidlich rettenden USA zu nehmen?

Hinzu kommt der für deutsche Produktionen notorische Hang zum Übererklären. Wenn in einem Flashback Susanne einem jungen Patienten eine tödliche Krebsdiagnose übermittelt und zugleich auf dem Fernseher von den Raketen die Rede ist, die den Kometen (wie wir wissen: vergeblich) sprengen sollen, darf sich der Zuschauer keine eigenen Gedanken zur Ironie der Situation machen. Nein, der Junge muss es selbst in geschliffener Prosa herleiten: Er wünsche sich den Kometen herbei, dann wäre er "wenigstens nicht der einzige". Und angesichts der Flüchtlinge muss ein polnischer Autofahrer das Offensichtliche paraphrasieren: "Früher alle gehen nach Deutschland, und heute?" Gerade angesichts der jüngsten Sky-Serie "Der Pass", die geschickt so viel zwischen den Zeilen entstehen ließ, wirkt diese Überdeutlichkeit penetrant.

Auch die Dialoge selbst halten der Dringlichkeit der Thematik nicht immer stand. Als Leonie vom Sohn der Schlepper mehr als ersichtlich vergewaltigt wird, ruft ihre Mutter entsetzt: "Was machst Du da mit ihr?", und Lena Klenke muss beim Nudelessen im Garten verschraubt über das Nichts philosophieren - "ich hatte vorhin so'n strangen Traum". Als sie später über ihren Vater und Bruder im Duktus eines Vorabendseriengirlies sagt: "Schon krass, dass die jetzt echt weg sind, für immer", möchte man sich schamvoll abwenden. Komm, Komet, komm.

Ben (Krebspatient im Endstadium) hat seinen Wunsch erfüllt bekommen: Die Welt wird mit ihm sterben. Bis dahin will er noch möglichst viel Spaß haben. Nora (Luisa-Céline Gaffron) ist da nicht ganz auf seiner Seite.

Neben derartigen Saloppheiten stehen immer wieder Aufwallungen des Überdramatischen - wenn etwa Susanne in Polen den Vergewaltiger mal eben mit der Flinte über den Haufen schießt, wozu auf der Tonspur ein Sound aufwallt, als würde der barocke Frostgeist wach. Überhaupt die Musik: David Reichelt, der für Parente schon den "Hindafing"-Score schrieb, setzt auf sakrale Arien, die dem apokalyptischen Szenario eine entrückt heilige Aura verleihen. Im sehenswerten Vorspann, in dem Schemen der Hauptfiguren auf den wie die Enterprise durchs All rauschenden Asteroiden projiziert werden, sorgt das noch für unheilvoll schöne Atmo, später wirkt sie oft befremdlich. Vermutlich soll damit dezent an Lars von Triers Meisterwerk "Melancholia" erinnert werden, in dem - zu Wagners dräuendem "Tristan"-Vorspiel - ebenfalls ein Asteroid gen Erde stürzte. In Triers artifiziellem Szenario war der Weltuntergang allerdings als Depressionsmetapher gemeint, "8 Tage" lässt sich dagegen höchstens politisch deuten, als Vision vom Untergang der westlichen Ordnung.

Natürlich hat "8 Tage" trotz dieser Kritikpunkte jede Menge Potenzial - und nach zwei von acht Folgen darf man sowieso noch nicht den Stab darüber brechen. Es gelingen den Regisseuren (Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky, "Die Fälscher", und Michael Krummenacher, "Sibylle") unterstützt von den versierten Kameramännern (Benedict Neuenfels und Jakob Wiessner) ja auch tolle, einprägsame Bilder, die mehr erzählen als all die vielen Worte - Deniz zum Beispiel, der allein im Revier sitzt, während um ihn herum die Telefone klingeln, unbeantwortet. Es gelingt den Machern auch, immer wieder schlagende Szenen zu finden für die Absurdität einer so endgültigen Weltsituation, wenn beispielsweise Klaus beharrlich weiter sein Auto wäscht oder seinem auf Einlass in den Bunker hoffenden Mitarbeiter zum Abschied einen Lieferwagen schenkt: "Wie neu!"

Dass in den Figuren sowieso noch viel mehr steckt, als bislang zu sehen war, darauf deutet das vergilbte, von Egon sehnsüchtig beäugte Foto hin, auf dem neben ihm selbst und seiner Frau noch ein weiterer Mann zu sehen ist. Man will also durchaus dranbleiben an "8 Tage" - und wäre froh, wenn einem so mancher Aspekt dieser Serie das Dranbleibenwollen etwas leichter machen würde.


Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "8 Tage", die bei den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin auf der Kinoleinwand präsentiert wurden.

Meine Wertung: 2.5/5
Gian-Philip Andreas
© Alle Bilder: Sky


"8 Tage" wird bei Sky 1 ab Freitag (1. März) wöchentlich mit zwei Episoden ab 20.15 Uhr ausgestrahlt. Am Freitag wird auch die komplette, achtteilige Staffel über die on-Demand-Kanäle von Sky abrufbar sein.

Trailer zu "8 Tage"


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Leserkommentare

  • Vritra schrieb am 02.03.2019, 14.14 Uhr:
    Vritra" mit in vermeidlich rettenden USA zu nehmen". Die automatische Rechtschreibprüfung muss man auch richtig bedienen können...
 

Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").