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Lars Kraume erzählt für ZDF/arte vom Aufbruch und Widerständen in der Weimarer Republik
"Die Neue Zeit": Anna Maria Mühe als Dörte Helm und August Diehl als Walter Gropius
Bild: ZDF/Mathias Bothor
TV-Kritik/Review: "Die Neue Zeit": Bauhaus-Serie präsentiert erhellende Parallelen zur Gegenwart/Bild: ZDF/Mathias Bothor

In unseren politisch unruhigen Zeiten, in denen die AfD Rekordwahlergebnisse erzielt und in deutschen Parlamenten plötzlich wieder sechs oder mehr Parteien sitzen, ist die Warnung vor "Weimarer Verhältnissen" naheliegend. Erstaunlich ist dennoch, wie stark sich Vergleiche der Gegenwart zu den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik aufdrängen, wenn man eine Serie wie "Die Neue Zeit" ansieht. Die ZDF/arte-Produktion erzählt die Geschichte des Bauhauses, jener stilprägenden Kunsthochschule, deren kurze Existenz mit der unruhigsten Zeit der jüngeren deutschen Geschichte zusammenfiel und die dieses Jahr hundertsten Geburtstag hat. Die sechsteilige erste Staffel deckt dabei die Jahre von der Gründung 1919 in Weimar bis zum erzwungenen Umzug nach Dessau 1925 ab.

Nach dem kurzen Vorspann, der mit an die Bauhaus-Optik erinnernden grafischen Elementen spielt, beginnt die Auftaktfolge zunächst mit einer Rahmenhandlung. 1963 bekommt der gealterte frühere Bauhaus-Direktor Walter Gropius (August Diehl in schlechter Maske) in New York Besuch von der befreundeten skandinavischen Journalistin Stine Branderup (Trine Dyrholm, "Die Erbschaft"). Die will ihn zur Stellung der Frauen an der berühmten Reformschule interviewen und wirft ihm vor, dort den Anspruch der Gleichberechtigung eher torpediert zu haben.

Zur eigenen Verteidigung beginnt Diehl, die Geschichte aus seiner Sicht zu erzählen, mit Fokus auf seine Beziehung zu der Studentin Dörte Helm (Anna Maria Mühe). Die eigentliche Handlung setzt zu Beginn des Studienjahres 1919 ein, als die Rostocker Großbürgerstochter Dörte auf ihrer Zugfahrt nach Weimar eine enthusiastische neue Kommilitonin kennenlernt, die Bayerin Gunta Stölzl (Valerie Pachner). Die schwärmt von Gropius und den neuen Meistern, die in Weimar das Bauhaus aufbauen sollen, während Dörte bereits in der Endphase ihres Studiums an der alten Kunstakademie ist. Doch schnell wird klar, dass unter Gropius an der Schule nichts mehr sein wird wie zuvor. So werden auch die höheren Semester verpflichtet, an dem Vorkurs des esoterisch orientierten neuen Meisters Johannes Itten (Sven Schelker) teilzunehmen, was den Widerstand konservativer Studenten weckt. Nach einigem Zögern lässt sich auch Dörte von den neuen Ideen begeistern und entscheidet sich gegen den Willen ihres dominanten Vaters (Hanns Zischler), weitere drei Jahre an der Schule zu studieren.
Gropius (August Diehl) zeigt Stine (Trine Dyrholm) Fotos vom Bauhaus.

Während die junge Frau lernen muss, sich von ihrer bürgerlichen Herkunft zu emanzipieren, um eine wahre Künstlerin zu werden (und dabei immer wieder mit Gropius und Itten aneinandergerät), stoßen die neuen Lehren des Bauhauses im altehrwürdigen Weimar von Anfang an auf Widerstand. Ein Bürgerausschuss agitiert gegen Gropius und auch im eigenen Kollegium bilden sich starre Fronten. Als es im März 1920 zum Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik kommt, müssen sich Lehrer und Studenten entscheiden, ob ihre Schule unpolitisch bleiben soll oder es an der Zeit ist zu kämpfen.

Spätestens an dieser Stelle in der dritten Folge sind die Parallelen zu unserer Zeit nicht mehr zu übersehen. Gut, bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken sind heute zum Glück noch nicht an der Tagesordnung, aber die politischen Weltsichten stehen sich wieder ähnlich unversöhnlich gegenüber wie damals. Auf der einen Seite die weltoffenen Kosmopoliten, die von einer grenzenlosen Welt ohne Kriege und Diskriminierung träumen, auf der anderen Seite die konservativ-reaktionären "Wutbürger", die die eigene Nation für überlegen halten und Frauen, Fremde und Juden in ihre Schranken weisen wollen. Dabei zeigt die Serie, dass auch das Bauhaus selbst keineswegs so monolithisch geeint war, wie es aus heutiger Sicht oft erscheint. Ideologische Kämpfe verliefen auch dort quer durch Lehrer- und Studentenschaft: zwischen den und innerhalb der Geschlechter, zwischen älteren und jüngeren Semestern, zwischen wirtschaftlichen Interessen und esoterischen Weltanschauungen, zwischen politisch Engagierten und denen, die rein für die Kunst leben wollten. Einige der eingeschlagenen Wege erscheinen als für heutige Zuschauer schwer verständliche Irrwege: von Studenten, die sich abends gemeinsam mit ihrem Lehrer selbst kasteien, bis zur Verpflichtung der Studentinnen zur Feld- und Küchenarbeit, während sie gleichzeitig nur noch Fächer wie Weben studieren dürfen.

Dörte (Anna Maria Mühe, 2.v.l.) und Gunta (Valerie Pachner, r.) sind mehr als gespannt auf ihre erste Yogastunde bei Itten.

Inhaltlich ist das also alles hoch interessant, was Lars Kraume ("Der Staat gegen Fritz Bauer"), Judith Angerbauer und Lena Kiessler aus dem historischen Stoff herausholen, auch wenn der Fokus in den letzten beiden Folgen leider vom politischen Geschehen weg, stärker auf die Liebesbeziehung zwischen Gropius und Helm verschoben wird. Bei der filmischen Umsetzung hätte man aber durchaus noch etwas weiter gehen können. Die Rahmenhandlung wirkt arg aufgesetzt, während Kraumes Inszenierung insgesamt zu brav bleibt. Lediglich an einigen Stellen traut er sich, aus der konventionellen Bildsprache auszubrechen: Wenn es etwa zur blutigen Auseinandersetzung zwischen Soldaten und Sozialisten kommt, zeigt Kraume diese lediglich in schwarz-weißen Standbildern. An anderen Stellen imitiert er die Optik damaliger Filmtechnik. Und einmal filmt er eine Eifersuchtsszene übertrieben wie in alten Komödien von Chaplin oder Laurel & Hardy, mit verschnellerten Bewegungen und springendem Bild. Diese kurzen Ausreißer sind aber angesichts des Themas Bauhaus, das immerhin bis heute für seinen Avantgardismus berühmt ist, zu wenig. Zumindest trifft die Filmmusik von Christoph Kaiser und Julian Maas gut den Zeitgeist.
Die Gewerkschaften organisieren sich gegen den Kapp-Putsch. Allen voran Emil Friedrichs (Ronald Zehrfeld, r.).

Das Ensemble versammelt viele große Namen, wobei es vor allem dem Hauptdarstellerpaar August Diehl und Anna Maria Mühe gelingt, die Chemie der ungewöhnlichen und wechselhaften Lehrer/Schülerin-Beziehung zu vermitteln. Ludwig Trepte ("Unsere Mütter, unsere Väter"), der hier einen osteuropäischen Kommilitonen spielt, muss hingegen aufpassen, dass er nicht zu sehr im Rollenfach des jungen Mannes im oder kurz vor dem Zweiten Weltkrieg steckenbleibt. Eine interessantere Besetzung ist da schon Birgit Minichmayr als Alma Mahler, Witwe Gustavs und streitlustige Ehefrau von Gropius.

Insgesamt ist "Die Neue Zeit" eine gelungene Dramaserie, die sich vor einem historischen Hintergrund mit höchst aktuellen Fragen beschäftigt. Damit ist sie weit von den üblichen deutschen "Event"-Mehrteilern zu ähnlichen Jubiläen entfernt. Es bleibt zu hoffen, dass Kraume und seine Mitstreiter die Gelegenheit bekommen, die wechselhafte Geschichte des Bauhauses in weiteren Staffeln fortzusetzen.


Dieser Text basiert auf Sichtung der kompletten ersten Staffel der Serie "Die Neue Zeit".

Meine Wertung: 4.0/5


Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: ZDF/Julia Terjung.

Der Sechsteiler "Die Neue Zeit" wird ab dem 5. September 2019 an zwei Donnerstagen jeweils ab 20.45 Uhr bei arte ausgestrahlt und steht danach in der dortigen Mediathek zum Abruf bereit.
In der ZDFmediathek liegen die Folgen 1 und 2 ab dem 8. September, die Folgen 3 und 4 ab dem 9. September und die Folgen 5 und 6 ab dem 10. September auf Abruf bereit, die lineare Ausstrahlung im ZDF erfolgt vom 15. bis 17. September immer um 22.15 Uhr mit je zwei Folgen am Stück.


Kurzer Trailer zu "Die Neue Zeit" (Deutsch mit englischen Untertiteln)

Blick hinter die Kulissen von "Die Neue Zeit"


 

Über den Autor

  • Marcus Kirzynowski
Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für TV Wunschliste und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

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Leserkommentare

  • faxe61 schrieb via tvforen.de am 05.09.2019, 19.46 Uhr:
    faxe61chrisquito schrieb:
    -------------------------------------------------------
    > Lustiger Weise nennt das ZDF seine Serie "Die Neue
    > Zeit". Der Unterschied ist natürlich nur
    > marginal, aber ich denke, dass der Sender damit
    > etwas transportieren möchte.

    Nicht beim ZDF. Das Bauhaus hat künstlerisch eine neue, erkennbare Phase eingeleitet.
    Ich werde mal reinschauen, ob es mehr "Liebesdrama" oder doch die anderen, politischen Ansätze auch so gibt - von der Darstellung im Film her. Also mit Hinweisen auf den aktuellen Zeitbezug.
    Die letzten beiden Folgen, werden lt. der Kritik, nichts für mich werden.
  • chrisquito schrieb via tvforen.de am 05.09.2019, 18.58 Uhr:
    chrisquitoLustiger Weise nennt das ZDF seine Serie "Die Neue Zeit". Der Unterschied ist natürlich nur marginal, aber ich denke, dass der Sender damit etwas transportieren möchte.