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Das Netflix-Spin-Off der "Addams Family" wird von Hauptdarstellerin Jenna Ortega gerettet
Das eiskalte Händchen lässig auf der Schulter: Wednesday (Jenna Ortega) auf Monsterjagd im Wald.
Netflix
TV-Kritik/Review: "Wednesday": Ein Grusel-Girl im Internat der Sonderlinge/Netflix

Es ist kein Geheimnis: Wednesday war immer schon die coolste Figur der Addams Family, und erst recht gilt das seit den Addams-Kinofilmen aus den frühen Neunzigerjahren. Mit sarkastisch-morbiden Onelinern und eiskalt-minimalistischer Reglos-Mimik machte Christina Ricci die Tochter der freundlichen Grusel-Sippschaft zur absoluten Kultfigur. Naheliegend war es daher, dass Wednesday die Titelheldin des ersten Netflix-Spin-Offs der Addams Family werden musste. Mit Jenna Ortega wurde dabei eine mehr als würdige Hauptdarstellerin gefunden. Schade ist nur, dass selbst Gothic-Horror-Altmeister Tim Burton dem zu generischen Plot von  "Wednesday" so wenig Pepp verleihen kann.

Seit die Mitglieder der Familie Addams in den späten 1930er-Jahren erstmals in den Comic Strips von Charles Addams auftauchten, entfalteten sie ihren Zauber gerade dadurch, dass sie sich selbst als ganz normale, vielleicht ein wenig glamourösere Mitglieder der Gesellschaft verstanden. Der Witz stellte sich dadurch her, wie der Rest der Gesellschaft die Addams Family im Kontrast dazu wahrnahm: als die mit Grusel-Butler, "eiskaltem Händchen", Haustier-Tintenfisch und allerlei Spaß am Makabren in einem aristokratischen Spukhaus residierende Sonderbar-Sippe, die sie nun einmal ist.

Diese kognitive Dissonanz aus Selbst- und Fremdwahrnehmung speiste als Witzlieferant nicht nur die legendäre  erste Fernsehserie aus den Sechzigern, ihre weitaus weniger legendäre Nachfolgeshow  "Die neue Addams Familie" aus den späten Neunzigern sowie zwei Animationsserien ( 1973 und  1992), sondern vor allem auch die beiden Kinofilme von  1991 und  1993, die bis heute kaum an Reiz eingebüßt haben. Vor allem mag man in der Rückschau kaum glauben, dass diese beiden Filme damals nicht von Tim Burton inszeniert wurden. Dabei hätte die Addams Family ideal zur spinnwebverhangenen Old-School-Gruselästhetik des ehemaligen Disney-Zeichners gepasst: schauerromantischer Gothic-Spuk, familienfreundlich (kleinere Kinder ausgenommen), mit dem Herzen am rechten Fleck, eine filmgewordene Halloweenfeier.

Was damals nicht war, wird jetzt beherzt nachgeholt: Burton, dessen Kinokarriere zuletzt versandete (sein letzter wirklich guter Film  "Frankenweenie" erschien vor zehn Jahren), hat das Netflix-Spin-Off der Addams Family nicht nur ausführend produziert, er inszenierte höchstselbst auch die ersten vier (von acht) Episoden - womit er federführend für die Ästhetik der Serie verantwortlich ist. Zur Verstärkung brachte er zwei seiner langjährigen Kollaborateure mit: den Komponisten Danny Elfman, mit dem er seit 1985 zusammenarbeitet ( "Edward mit den Scherenhänden",  "Corpse Bride"), und die vierfache Oscarpreisträgerin Colleen Atwood, die seit Anfang der Neunziger immer wieder Kostüme für seine Filme entwarf ( "Sleepy Hollow",  "Sweeney Todd").

Der Rest der Addams Family spielt nur Nebenrollen: Gomez (Luis Guzmán, l.), Morticia (Catherine Zeta-Jones) und Pugsley  (Issac Ordonez).
Der Rest der Addams Family spielt nur Nebenrollen: Gomez (Luis Guzmán, l.), Morticia (Catherine Zeta-Jones) und Pugsley  (Issac Ordonez). Netflix

Burton hatte eigentlich einen Addams-Family-Stop-Motion-Trickfilm geplant, doch vor zwei Jahren war dann erstmals von einer Live-Action-Serie mit Wednesday Addams als Hauptfigur die Rede. Die erste große Skepsis, die seither durch die Fan-Scharen waberte, bezog sich auf die Besetzungsfrage: Welche Schauspielerin würde das Wagnis auf sich nehmen, Christina Ricci nachzufolgen und die fraglos zu erwartenden Vergleiche auszuhalten? Nicole Fugere, die Wednesday in "Die neue Addams Familie" spielte, hatte dabei klar den Kürzeren gezogen. Hier kann unbedingt Entwarnung gegeben werden: Jenna Ortega, die sich nach ihrem jüngsten Kino-Auftritt im Hinterland-Slasher  "X" immer mehr als neue Lieblingsdarstellerin im Horror-Genre etabliert, gibt eine fabelhafte Wednesday ab. Mit wohldosiertem Minimalismus und fein austariertem Deadpan-Humor trifft sie den exakten Schnittpunkt zwischen Christina Ricci und Lisa Loring, die Wednesday in der Sixties-Serie spielte - obwohl Ortega älter ist als diese beiden Vorgängerinnen. Zum Vergleich: Christina Ricci war elf bzw. dreizehn, als sie Wednesday in den Kinofilmen spielte und damit ihre Karriere startete. Ortega war beim Dreh dagegen bereits 19 Jahre alt. Ihre Wednesday ist also kein Kind mehr, sondern ein Teenager.

Was direkt zur zweiten Skepsis führte, die sich breitmachte, als erste Plot-Details bekannt wurden. Wednesday lebt in der Serie nämlich nicht zu Hause im Addams-Domizil, sondern in einem Internat für sogenannte "Außenseiter", Outcasts. Würde der Rest der Familie also nur am Rande auftauchen? Würde zudem die eingangs beschriebene Kontrastfolie der "normalen" amerikanischen Gesellschaft wegfallen? Diese Skepsis war berechtigt, wie sich nun zeigt, denn beide Fragen muss man bejahen. Und das wird zum Problem für die Serie.

Gleich zu Beginn wird Wednesday zum wiederholten Male von einer gewöhnlichen Highschool geworfen - sie hatte Piranhas ins Schulschwimmbad der "Nancy Reagan High" gekippt und ein Blutbad angerichtet. Von ihrer Mutter Morticia und ihrem Vater Gomez wird sie daraufhin in just jenes Internat verfrachtet, auf dem diese sich einst kennenlernten und wo Morticia als "Queen of the Dark Prom" zu Ruhm gelangte: die Nevermore Academy. In ihren Gastauftritten geben Oscarpreisträgerin Catherine Zeta-Jones ( "Chicago") und Luis Guzmán ( "Die Entführung der U-Bahn Pelham 123") zwar ein überzeugendes Addams-Elternpaar ab, an Anjelica Huston und Raul Julia aus den Kinofilmen reichen sie freilich nicht heran. Anders Jenna Ortega: Sie stakst als bezopftes Goth-Girl in Schwarzweißklamotten mit angemessen zynischer Herablassung durch die Gemäuer dieser "Sonderschule" und bleibt das singuläre Highlight eines Szenarios, das sich alsbald irritierend unnötig als Mixtur aus Hogwarts-Nachklapp und Hochglanz-Highschool-Serie positioniert.

Quidditch in Hogwarts? Nein, Schulfest auf Nevermore . Links neben Wednesday: Eugene (Moosa Mostafa), rechts vorne stehen Yoko (Naomi J. Ogawa) und Bianca (Joy Sunday).
Quidditch in Hogwarts? Nein, Schulfest auf Nevermore . Links neben Wednesday: Eugene (Moosa Mostafa), rechts vorne stehen Yoko (Naomi J. Ogawa) und Bianca (Joy Sunday). Netflix

Wednesday wird von ihrer auf größtmögliche Buntheit fixierten Zimmergenossin Enid (Emma Myers), einer noch auf ihre erste Vollverwandlung wartenden Werwölfin, in die Schulsoziologie eingeweiht: Vampire, Sirenen, Werwölfe und Gorgonen haben ihre eigenen Cliquen, es gibt einen attraktiven Künstlertypen namens Xavier (Percy Hynes White aus  "The Gifted"), einen nerdigen Bienenforscher (Moosa Mostafa aus  "The Last Bus"), eine obercoole Blutsaugerin (Naomi j Ogawa), eine taffe Sirene (Joy Sunday) und einen Dauerkiffer mit Schlangenhaar unter der Mütze (Georgie Farmer aus  "Evermoor"). Als Schulleiterin ist  "Game of Thrones"-Brienne Gwendoline Christie im schrulligsten Cruella-de-Vil-Modus zu erleben, und als Psychologin, von der sich Wednesday therapieren lassen muss, lässt Riki Lindhome ( "The Wolf of Snow Hollow") eigene Neurosen durchscheinen.

In dieses Standard-Set-Up zwischen "Burg Schreckenstein" und "Sabrina" mit leider nur sehr dezenter Tim-Burton-Schrägstellung, in der von obskuren Sportwettbewerbstraditionen bis zu verborgenen Bibliotheken im Internatskeller vieles an  "Harry Potter" erinnert, schrauben die beiden Hauptautoren Alfred Gough und Mark Millar ( "Smallville",  "Shanghai Noon") dann noch zwei Mystery-Handlungsstränge herein: Im ersten wird Wednesday von schrecklichen Visionen gepeinigt, im zweiten geht es um grausige Meuchelmorde in den Wäldern rund ums Internat, denen ein grimmiger Sheriff (Jamie McShane aus  "Bloodline") hinterherermittelt - bald assistiert von Jungdetektivin Wednesday. Tyler (Hunter Doohan aus  "Your Honor"), der Sohn des Polizisten, wird zum Love Interest für sie. Oder entscheidet sich Wednesday für Xavier?

Bei Addams-Family-Fans gehen bei dieser Kurzzusammenfassung vermutlich die Alarmlampen an, und dies nicht ganz zu Unrecht. Denn Wednesday ist in dieser Gemengelage nur eine sonderbare Figur unter vielen - und die Konflikte, durch die sie sich manövriert, wirken allesamt wie schon x-fach anderswo gesehen. Das ist allerdings das Gegenteil des Addams-Family-Konzepts, in dem sich das Abnorme gerade nicht als solches betrachtete. Wie gerne hätte man dagegen erlebt, wie Ortegas Wednesday eine ganz gewöhnliche Highschool aufgemischt hätte! So aber geht "Wednesday" eher als eine weitere Version derzeit so omnipräsenter Superheldenerzählungen durch - wobei die Titelheldin als nachtfinstere Ausgabe von Pippi Langstrumpf stets alles perfekt zu können scheint: Bogenschießen, Nahkampf, Cellospielen, Fechten.

Und während bald tricktechnisch eher unterwältigende Wesen durch die Szene hüpfen und klassische Liebesdreiecke durchmessen werden, ertappt man sich immer öfter bei dem Gedanken, dass dies eigentlich keine Addams-Family-Serie ist, sondern ein Young-Adult-Märchen für die algorithmisch bestimmte Netflix-Zielgruppe - obwohl immerhin das eiskalte Händchen mit von der Partie ist. Zu hoffen bleibt, dass die abgründige, nihilistische, stets verneinende Wednesday hinter diesem Plot nicht verschwindet und dass sie nicht auch noch eine Entwicklung zum Guten, Wahren, Schönen durchmachen muss.

Ein paar Blutspritzer bringen sie nicht aus der Ruhe: Rektorin Weems (Gwendoline Christie).
Ein paar Blutspritzer bringen sie nicht aus der Ruhe: Rektorin Weems (Gwendoline Christie). Netflix

Doch das wird die Hauptdarstellerin zu verhindern wissen. Denn Ortega ist einfach fantastisch und sorgt fast im Alleingang dafür, dass sich "Wednesday" am Ende doch anzusehen lohnt: Mit subtilen Brüchen in der maskenhaften Mimik und geschickter Modulation in ihrer kalt-sarkastischen Sprechweise (auch ihre deutsche Synchronsprecherin Magdalena Montasser macht hier einen überzeugenden Job) entgeht sie jeder möglichen Eintönigkeit, und mit perfekt gesetzten Pointen bringt sie immer wieder klassisches Addams-Family-Gefühl in das sonst so austauschbare Geschehen. Fast würde man Christina Ricci also kaum vermissen - wäre diese nicht selbst mit von der Partie! Die inzwischen 42-Jährige spielt als freundliche Botaniklehrerin Mrs. Thornhill eine gänzlich andere Rolle als damals, ist rothaarig und mit Butterfly-Brille kaum zu erkennen und klug genug, Ortega die Hauptbühne zu überlassen.

Wednesday findet die Lösung zum ersten größeren Rätsel der Handlung übrigens in einem zweifachen Schnipsen - ein netter Verweis ist das auf das berühmte musikalische Titelthema der alten Serie. Eine schöne Geste in einer unterhaltsamen Serie, die aber zu wenig von jenem Geist verströmt, aus dem heraus sie eigentlich erdacht wurde.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "Wednesday".

Meine Wertung: 3.5/5

Die achtteilige erste Staffel von "Wednesday" ist ab dem 23. November bei Netflix verfügbar.


 

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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Leserkommentare

  • Flapwazzle schrieb am 23.11.2022, 09.44 Uhr:
    Echt jetzt?!
    "Burton, dessen Kinokarriere zuletzt versandete (sein letzter wirklich guter Film "Frankenweenie" erschien vor zehn Jahren), ..."
    Nach "Frankenweenie" lieferte Burton noch mit "Big Eyes" und "Die Insel der besonderen Kinder" zwei hervorragende Filme ab.
    Ansonsten kann ich mit der Figur "Wednesday" aus der Addams Family tatsächlich am wenigsten anfangen. Ich mochte immer Onkel Fester und Morticia vor allen anderen. Aber das ist Geschmackssache.
    Eine Serie mit dem Fokus auf "Wednesday" (und auch noch im Teenageralter) ist wohl eher nichts für mich.
  • Stephan Zürich schrieb am 23.11.2022, 08.26 Uhr:
    Nicht alles was in einem Film gut gegangen ist geht auch in einer Serie und umgekehrt. Es ist halt schon schwer so eine Wandlung auf Dauer spannend zu machen.