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Dramedy über den Lobbyismus regt zum Nachdenken an, bleibt aber zu zahm
Valerie Hazard (Nilam Farooq) und Max Lentor (Helgi Schmid) stehen auf unterschiedlichen Seiten, stimmen aber in einem Punkt überein: "Wo wir sind, ist oben".
ARD Degeto / Isarstraßen Film / Nik Konietzny
TV-Kritik/Review: "Wo wir sind, ist oben": Das Erste verschwendet ungewöhnliche Serie im Nachtprogramm/ARD Degeto / Isarstraßen Film / Nik Konietzny

Valerie Hazard und Max Lentor kämpfen ständig gegeneinander: Wenn sie Interessen von Unternehmen oder Organisationen vertreten, bleibt keine Zeit für die Liebe - oder? Jedenfalls zeigen diese sogenannten Lobbyisten wenige Skrupel. Angereichert mit Weichspüler könnten die Verwicklungen ins "Herzkino" vom ZDF passen.  "Wo wir sind, ist oben" sät hingegen Misstrauen. Eine romantische Komödie unterhält lediglich, während die neue Serie erheitert und zum Denken anregt. Trotzdem erwartet Das Erste wohl keinen Knüller, sodass der Sender die 45-minütigen Folgen im Nachtprogramm verteilt. Immerhin präsentiert die ARD Mediathek die acht Episoden ab dem 14. Juni.

Holger ohne Hoden leidet an Rückständen von Hormonen

Christian Jeltsch ( "Die Saat - Tödliche Macht") sowie Anneke Janssen und Sebastian Bleyl lassen die Funken in ihren Drehbüchern sprühen - stärker als bei ihren sonstigen Filmen und Serien. Ihre treffenden und komischen Dialoge fliegen hin und her. Sie erinnern an die besten Zeiten von  "Edel & Starck". Geschickt ergänzt Gesellschaftskritik das Vergnügen. Demnach sollen und wollen die Menschen auf sinnstiftende Erzählungen hereinfallen.

Indes zweifeln die Mandanten, dass ein gewisser Holger ohne Hoden tatsächlich an Rückständen von Hormonen leidet. Ähnlich wie Aktivistin Dr. Bea Brandstätter (Katharina Schmalenberg) schwanken die Zuschauerinnen und Zuschauern zwischen widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken. Der Erfolg bestätigt Max in seinen Methoden, wenn er für eine frühere Aktion ein Ferkel durch das Bundeskanzleramt trägt: Anschließend verkündet ein befreundeter Journalist im Fernsehen, dass eine vermeintlich schmerzlose Kastration demnächst die Tiere schone. Die Frauen und Männer im Hintergrund haben ihr Ziel erreicht.

Der Serientitel "Wo wir sind, ist oben" verweist gleichermaßen auf Rücksichtslosigkeit und Leichtigkeit. Mit diesem Spruch bejubelt ein Kriegsverbrecher seine unverbesserliche Nazi-Familie in  "Deutsches Haus". In alten Werbekampagnen zitieren Dachdecker ironisch das Wortspiel, das zuvor als Motto für ein spießiges "Buch der Etikette" diente. Laut dieser Parole zählen Valerie und Max zur Elite. Sie handeln effizient wie ihre Vorbilder aus der Realität.

Lobbyistin Valerie Hazard (Nilam Farooq) kämpft unerbittlich für ihre Ziele.
Lobbyistin Valerie Hazard (Nilam Farooq) kämpft unerbittlich für ihre Ziele. ARD Degeto / Isarstraßen Film / Nik Konietzny

Dörfer in der Lausitz sollen verschwinden

Gemäß Recherchen beeinflussen über 6000 Lobbyisten alleine den Bundestag. Mitunter verbreiten sie ehrenwerte Botschaften von Organisationen, die zum Beispiel den Klimawandel aufhalten wollen. Oder sie verbergen Ansprüche von Unternehmen in einem Nebel angeblicher Sorgen. Auch die Ebenbilder aus den Geschichten kämpfen als Doppelagenten an mehreren Fronten. So arbeitet der Karrierist für die Öko-Gruppierung von Dr. Bea Brandstätter. Er trifft auf Valerie, die im Sinne von Arie Merzens (Simon Pearce) Industrieverband widerspricht und um Sympathie wirbt.

Seitenwechsel beim nächsten Auftrag: Mit ähnlich guten Argumenten und verbogenen Wahrheiten unterstützt die Aufsteigerin den öffentlichen Protest gegen den Tagebau von Braunkohle. Max fordert hingegen zur sicheren Energieversorgung, die störenden Dörfer möglichst schnell wegbaggern zu lassen. Nebenbei will er mit seinem Vater Adam Zaeh (Thorsten Merten) abrechnen. Doch wer Beruf mit Privatleben vermischt, scheitert leicht. Als der Volkszorn den bisherigen Erfolgsmann trifft, entzieht Dr. Jan Janussen seinem Favoriten das Vertrauen. Plötzlich schützt Valerie ihren Rivalen. Für manchen Geschmack menschelt es hier zu heftig, zumal die Handlung an Tempo verliert.

Zur Tiefenentspannung begleitet Max Lentor (Helgi Schmid, li.) seinen Chef Dr. Jan Janussen (Jan Gregor Kremp) sogar in einen speziellen Isolationstank.
Zur Tiefenentspannung begleitet Max Lentor (Helgi Schmid, li.) seinen Chef Dr. Jan Janussen (Jan Gregor Kremp) sogar in einen speziellen Isolationstank. ARD Degeto / Isarstraßen Film / Nik Konietzny

Lobbyist kassiert Ohrfeigen und sorgt für verstörende Schlagzeilen

Max ist der beste Lobbyist Berlins, beschreibt Helgi Schmid ( "Schlafende Hunde") im Presseheft seinen Charakter: Dafür muss Max an den richtigen Stellschrauben der Politik drehen, mit Versprechen, kleinen Gefallen, einem Netz aus Informationen und manchmal auch unlauteren Mitteln. Charisma und Charme sind als Charakterzüge zu ergänzen. Notfalls kassiert er freiwillig Ohrfeigen.

Das Team am Set ergründet diese Eigenheiten im Berliner Politbetrieb, ohne die Beteiligten zu verdammen. Trotz ihrer Intrigen bieten diese Expertinnen und Experten nützliche Sachkenntnisse und Ideen. Sie veranlassen verstörende Schlagzeilen in den Medien. Bisweilen erscheinen Valerie und Max harmlos und verständnisvoll. Ansonsten treten sie eindringlich und bestimmend auf. Die Frage sei gestattet, ob wir diese netten Zeitgenossen anders als die Gestalten im Dienste dunkler Mächte bewerten wollen. Ich verweise auf russische und chinesische Manipulationen, für die heimische Lobbyisten vielleicht schwärmen. Schade, dass die Serie über diese aktuelle Herausforderung schweigt. Andererseits könnten solche Anmerkungen den Rahmen sprengen.

Zum Ausgleich für den Stress feiert Valerie Hazard (Nilam Farooq) bis zum Abwinken.
Zum Ausgleich für den Stress feiert Valerie Hazard (Nilam Farooq) bis zum Abwinken. ARD Degeto / Isarstraßen Film / Nik Konietzny

Jan Gregor Kremp, Valerie Stoll und Ulrike Kriener heben das Niveau

Jan Gregor Kremp überträgt seine Präsenz aus  "Der Alte" auf "Wo wir sind, ist oben": Er fasziniert in der Haut von Dr. Jan Janussen. Der erfahrene Lobbyist hat die Spitze in seiner Branche erreicht. Inzwischen lassen sich Untergebene wie Max vom alten Fuchs einseifen, der wohlwollend den möglichen Nachfolger begleitet. Mal sehen, ob das Schicksal Max überfordern wird. Keineswegs bringt ihn der neidische Kollege Kaspar Jelinek (Johannes Allmayer) mit seiner Hinterlist aus der Ruhe.

Derweil übernimmt Valerie Stoll ( "Eldorado KaDeWe") eine Schlüsselrolle: CeeCee plant, ihre Heimat in der Lausitz vor der Zerstörung zu retten. Die schwangere Schwester von Max tritt ihrem Bruder furchtlos entgegen und pflaumt ihn an. Gleichzeitig baut sie auf seine Hilfe und sucht seinen Trost. Dank Valerie Hazard gilt CeeCee bald als Gesicht des Widerstands im Braunkohlerevier. Die Demonstrantin rutscht langsam in die Fallgrube ihrer vermeintlichen Freundin, bevor die Darstellerin die zweite Serienhälfte prägt.

Nilam Farooq hat ihre Routinen von  "SOKO Leipzig" überwunden und verwertet. Nun pendelt sie zwischen Zurückhaltung und Aggression. Ihre Figur Valerie besticht durch Attraktivität und Ehrgeiz. Die Zugereiste aus Brüssel faltet ihre Leute zusammen und begehrt unverschämt Auskunft: Dass Sie so sanft reden, ist das eigentlich Masche oder Long Covid? Dabei scheut die Trommlerin gewisser Kreise kein Risiko und keinen Trick. Max, nimm dich in Acht vor der ebenbürtigen Konkurrentin! Übrigens stürzen selbst unverfrorene Gewinnerinnen und Gewinner.

Als Überbleibsel der vergangenen Bonner Bundesrepublik zieht Herta Zickler nach wie vor an Fäden. Im Pelzmantel oder schlichten Outfit nuckelt die elegante Dame an ihrer Zigarettenspitze. In ihrer Einsamkeit nimmt sie Max unter ihre Fittiche. Er genießt die Aufmerksamkeit seiner Wahl-Mutter und die beruflichen Lektionen. In ihrer Rolle jongliert Ulrike Kriener mit Eigenheiten, die sie in etlichen Filmen und Serien wie  "Kommissarin Lucas" trainiert hat. Zusammen mit ihren Partnerinnen und Partnern beweist sie das hohe schauspielerische Niveau - solange aufgeschlossene Regisseure wie Wolfgang Groos ( "Faking Hitler") die Kräfte aktivieren.

Patrick (Doguhan Kabadayi) vernachlässigt seinen geheimen Auftrag, als er CeeCee (Valerie Stoll) kennenlernt.
Patrick (Doguhan Kabadayi) vernachlässigt seinen geheimen Auftrag, als er CeeCee (Valerie Stoll) kennenlernt. ARD Degeto / Isarstraßen Film / Nik Konietzny

Abgeordnete, Journalisten und Lobbyisten drehen Runden im Café

Ahmet Tan und Felix Striegel haben an der Bildsprache gefeilt. Zusammen mit ihrer talentierten Crew entfesseln sie die Kameras etwa bei den häufigen Fahrten mit dem E-Scooter. Die Aufnahmen schwingen über den Bildschirm. Zudem rücken die Kameraleute den ehemaligen Reichstag und das Regierungsgelände ins Bild. Sie ergänzen stimmungsvolle Straßen und Gebäude der Hauptstadt. Abgeordnete, Journalisten und Lobbyisten drehen Runden im originellen Café Alberts: Dieser Schauplatz ist im traditionellen Savoy Hotel eingerichtet worden. Nicht zuletzt wechseln die Perspektiven - somit erleben die Augen Abwechslung, ohne jedoch durch Hektik zu ermüden.

Überwinden Sie Ihre Zweifel!

Oft unterstützen kühle Farbtöne die Atmosphäre. Beleuchter wie Christian Schröter verrichten Wunder. Kostümbildner wie Monica Siviero und Alexander Beck treffen den Stil der anrüchigen Branche. Die Musik von Parov Stelar und Robert Matt treibt die Handlung voran. Solche Qualitätsmerkmale rechtfertigen die Entscheidung der ARD, die Serie von Sky zu übernehmen: Im Sommer 2023 verlor der Anbieter von Pay-TV das Interesse an Eigenproduktionen und stoppte die Entwicklung. Unter dem damaligen Arbeitstitel "Public Affairs" landete das Projekt in der Redaktion von ARD Degeto. Das Erste könnte mit diesem ungewöhnlichen Werk glänzen, wenn der Sender genügend Mut aufbrächte. Gleichwohl wird die erfolgreiche ARD Mediathek die unterhaltsamen und erhellenden Episoden verbreiten. Dennoch sind Zweifel angebracht, ob der Lobbyismus angemessen dargestellt wird. Egal: Bitte einschalten und selber urteilen.

Dieser Text beruht auf komplette Sichtung der achtteiligen Serie "Wo wir sind, ist oben".

Meine Wertung: 3.5/5

"Wo wir sind, ist oben" - in der ARD Mediathek ab Freitag, dem 14. Juni. An diesem Tag laufen vier Episoden im Ersten im Anschluss an die  "Tagesthemen". Etwa 24 Stunden später ist auf dem Sender der Rest zu sehen - nach dem Abendprogramm zur Fußball-EM, in der Frühe vom 16. Juni.


 

Über den Autor

Seit 2016 hat Stefan Genrich Websites entwickelt und an einer Hochschule unterrichtet. Vor einer siebenjährigen Pause bei TV Wunschliste würdigte er das weihnachtliche TV-Programm im United Kingdom: Sein Herz schlägt für britisches Fernsehen. Daher verfolgt er jeden Cliffhanger von „Doctor Who“. Der Journalist kritisiert nebenberuflich Serien. Ihn ärgern Mängel bei ARD und ZDF – oder er genießt „Tagesthemen“ sowie „Nord bei Nordwest“. Frühe Begegnungen mit „Disco“ und „Raumschiff Enterprise“ haben Spuren hinterlassen. Später scheiterte Stefan beim Versuch, die Frisur von „MacGyver“ zu kopieren. Wegen „Star Trek: Strange New Worlds“ und „1923“ mag er Paramount+.

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