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Marvin Kren ("4 Blocks") schickt den jungen Sigmund Freud auf hypnosesatte Mörderjagd
Robert Finster als "Freud"
Jan Hromadko/Netflix
TV-Kritik/Review: "Freud": Kruder Genremix zwischen Krimi-Zeitbild und Séancen-Spuk/Jan Hromadko/Netflix

Gleich zu Beginn dieses von Netflix und dem Österreichischen Rundfunk koproduzierten Achtteilers sehen wir Sigmund Freud beim Pendeln: Wie ein Westentaschenhypnotiseur vom Jahrmarkt schwenkt er seine Uhr vor dem Gesicht seiner Haushälterin Lenore hin- und her, entlockt ihr die traumatische Erinnerung an ein Kind, das von einer Kutsche überfahren wurde. Nach der Sitzung ist Freud zufrieden mit der Leistung Lenores, die die Hypnose nur schauspielerisch simulierte, als Testlauf für eine wissenschaftliche Demonstration. Er bietet ihr in einer verdächtig gewohnheitsmäßigen Geste ein Gläschen flüssiges Kokain an. Sigmund Freud: ein Scharlatan und Junkie?

Nein, um das gewohnte Bild von Freud, so wie wir ihn zu kennen glauben, geht es Serienmacher Marvin Kren hier ganz eindeutig nicht.   "Freud" ist kein Biopic, das das Leben des späteren Begründers der Psychoanalyse artig von A nach Z nachvollzieht. Die Serie liefert stattdessen eine Momentaufnahme aus dem Leben des erst dreißigjährigen Arztes, die sich zwar viele Freiheiten nimmt, aber doch an einem einschneidenden Zeitpunkt verorten lässt: am Übergang in eine moderne Form der Nervenheilkunde, weg von einer Ära, in der psychische Krankheiten vor allem physiologisch behandelt wurden, vor dem schon leicht gammligen Hintergrund der langsam dahinsiechenden österreichisch-ungarischen k.u.k.-Monarchie, also kurz vorm Fin de Siècle.

Marvin Kren hat vor "Freud" die erfolgreiche Berliner Gangstersserie   "4 Blocks" aufs Gleis gesetzt, nachdem er durch die blutrünstigen Horrorfilme   "Rammbock" und   "Blutgletscher" bekannt geworden war; dieser Background ist auch jetzt wieder erkennbar. Die rustikalen Methoden vormoderner Medizin sowie diverse grausige Gewalttaten setzt Kren mit Lust an Blut und Brutalitäten ins Bild, desorientierende Halluzinationen und ruppige Szenen aus toxischen Offiziersstuben vermengen sich zu einem durchaus eigenwilligen Mix aus Zeitbild, Film noir, Gruselfilm, Psychothriller und Krimi, in dem Freud zu einem prämodernen Ermittler wird, der bisweilen an Daniel Brühls   "Alienist" denken lässt. "Vienna Noir" nennt Kren diese Wiener Genre-Melange, als deren Urbild immer noch der britische Nachkriegsklassiker   "Der dritte Mann" gelten muss. An diesen kinematografischen Leuchtturm reicht "Freud" natürlich nicht heran - obgleich es hier wie dort in die Kanalisation der Donaumetropole hinabgeht.

Freud (Robert Finster, l.) und Alfred Kiss (Georg Friedrich).
Freud (Robert Finster, l.) und Alfred Kiss (Georg Friedrich). Jan Hromadko/SATEL Film Gmbh/Bavaria Fiction Gmbh

Die Serie spielt 1886, Freud (Robert Finster,   "Hüter meines Bruders") ist bereits promovierter Arzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, beschäftigt sich im Bereich der Neurophysiologie vor allem mit der therapeutischen Wirkungsweise von Kokain, das er sich auch selbst oft und gern in flüssiger Form reinpfeffert. Kren verwirbelt fortan munter Fakt und Fiktion: Dass Freud damals, wie hier gezeigt, eine enge Freundschaft mit dem Dramatiker (und Arztkollegen) Arthur Schnitzler (Noah Saavedra,   "Egon Schiele: Tod und Mädchen") gehabt haben soll, ist erfunden; dass er damals schwer beeindruckt zurückgekehrt war von einem Aufenthalt in Paris, wo er in der damals europaweit bekanntesten Psychiatrie, dem Hôpital Salpêtrière, bei Jean-Martin Charcot, einem der Urväter der modernen Neurologie, hospitiert hatte, ist hingegen bestens belegt. Charcot experimentierte damals mit der Behandlungsmethode Hypnose, und Freud brachte diese Idee mit nach Wien - sehr zum Ärger und Spott der übrigen Ärzteschaft, auch seines Mentors, des Psychiaters Theodor Meynert, den der nach wie vor schier überall auftauchende Rainer Bock "Better Call Saul",   "Das Boot",   "Wonder Woman") mit angeklebtem Rauschebart wie eine Mischung aus greisem Marx und altem Freud spielt.

Die eingangs erwähnte Fake-Hypnose wiederholen Freud und Lenore (gespielt von Krens Mutter Brigitte Kren,   "Vier Frauen und ein Todesfall") in einem Hörsaal, finden damit aber ebensowenig Anklang wie mit Freuds eindringlicher, sein späteres Lebenswerk vorwegnehmender Metapher, der Mensch sei ein dunkles Haus, in dem allein das Bewusstsein als einsames Licht wie eine Kerze mal hierhin, mal dorthin leuchte, viele Zimmer aber im Unbewussten verborgen lasse. Aber sie sind da, diese anderen Zimmer.

Das Medium Fleur Salomé (Ella Rumpf).
Das Medium Fleur Salomé (Ella Rumpf). Jan Hromadko/SATEL Film Gmbh/Bavaria Fiction Gmbh

Das Bemühen Freuds um Anerkennung wird von zwei weiteren Handlungssträngen flankiert, die über ein grauenhaftes Verbrechen und mögliche weitere Gewalttaten aber rasch zusammengeführt werden. Als eine junge Prostituierte brutal ermordet wird, offenbar durch einen ihrer Kunden, beginnt als zweite Hauptfigur der innerlich getriebene Inspektor Alfred Kiss (mit Kaiser-Wilhelm-Schnauz auf manischer Betriebstemperatur: Georg Friedrich,   "Wilde Maus") mit seinen Ermittlungen. Stets zurückgehalten vom gemütsruhigeren Kollegen Poschacher (Christoph Krutzler, der "Rote" aus   "M - Eine Stadt sucht einen Mörder") glaubt er den Übeltäter im Offizier Georg von Lichtenberg (Lukas Miko, "Die beste aller Welten") zu erkennen - seinem einstigen Peiniger aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Invasion Bosniens. Verdächtigerweise wird Kiss von seinem Chef Janecek (Martin Zauner,   "CopStories") immer wieder zurückgepfiffen.

Als die kleine Schwester von Freuds Arztkollegen Schönfeld verschwindet, kommt als dritte Hauptfigur das französische Medium Fleur Salomé (Ella Rumpf,   "Tiger Girl") ins Spiel: In Kollaboration mit ihr kommt Freud der tatsächlichen Kraft der Hypnose auf die Spur. In Trance findet sie den Aufenthaltsort des Mädchens, später enttarnt sie einen Täter. Kann sie weitere Verbrechen vorhersehen? Und standen die Täter gar selbst unter fremdem Bann? Fleur residiert im Palais des steinreichen Aristokratenehepaars Szápáry: Graf Viktor (Philipp Hochmair,   "Vorstadtweiber") und Gräfin Sophia (Anja Kling,   "Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen") empfangen in ihrem Salon nicht nur ungarische Gegner der k.u.k.-Monarchie, sie veranstalten auch feucht-fröhliche Soirées und gruselfreudige Séancen. Dass Sophia nebenbei eine ganz eigene Agenda hat, wird erst am Ende der zweiten Episode deutlich.

"Freud" hat seine Stärken weniger, wenn die virtuelle Kamera mal wieder durch das digital heraufbeschworene kaiserliche Wien des 19. Jahrhunderts saust, sondern immer dann, wenn sich die Serie detaillierte Einblicke in die verschiedenen Lebenswelten der Stadt gestattet: von den Hurenhäusern und Mietskasernen mit ihren dauerverschwitzten Bewohnern in die spärlich ausgestatteten Spitäler und von prunkvollen Salons und Opernhäusern in die verräucherten Bierstuben schlagender Verbindungen. Das Panorama wird dezidiert hierarchisch aufgezogen vom Kronprinzen Rudolf (Stefan Konarske,   "Werther") ganz oben bis zu den ärmsten Obdachlosen unten in der Kanalisation.

Dabei geraten auch gesellschaftliche Themen wie Homophobie und Antisemitismus in den Blick: am Beispiel Lichtenbergs, der den Oberstleutnant Riedl (Aaron Friesz,   "Maximilian") liebt, aber vor dem Feldmarschallsvater (Heinz Trixner,   "Schlosshotel Orth") kuscht - und am Beispiel von Freuds jüdischer Familie rund um seine Mutter Amalia (Marie-Lou Sellem,   "Nichts bereuen") und Schwester Anna (Daniela Golpashin,   "Stillleben").

Ansonsten hat die wilde Genremischung auch viel Krudes: Allein die vielen Hypnoseszenen, die mittels flackernder Bilder in die surrealen Traumvisionen hinüberleiten, die Ella Rumpf immer wieder mit epilepsieartigen Zuckungen durchstehen muss, sorgen schon recht früh für einen gewissen Überdruss in dieser Richtung. Darüber legen Kren, seine "4 Blocks"-gestählten Stammkomponisten Stefan Will und Marco Dreckkötter sowie vor allem die Sounddesigner ein wahres Gewitter auf der Tonspur, das mit sehr viel Druff und Dröhn und in Kombination mit manch grellem Licht- und Kameraeffekt eine flirrende Geisterbahnatmo herstellt, die sich mit anderen Elementen der Inszenierung beißt: So spielt Robert Finster seinen jungen Freud trotz Dauerkoks und frischem Sherlock-Nebenjob nämlich sehr nüchtern bis bieder als ehrgeizigen, aber nicht allzu charismatischen Wissenschaftler mit tintenverklebten Fingern - ganz so, als befände er sich in einem völlig anderen Inszenierungsmodus. Demgegenüber stehen viele herumschnarrende Gestalten, die wie in früheren Kren-Universen nah am Trash gebaut sind. Das passt nicht immer gut zusammen.

"Freud" hat in seinen mit freudianischen Begriffen betitelten Episoden ("Hysterie", "Trauma" etc.) fraglos genug zu bieten, um einen ganz eigenen Sog zu entfalten. Die vielen prominenten Darsteller sorgen zudem bis in die Nebenrollen für Qualität. Ob sich das Ganze am Ende aber wirklich als das zeitgeschichtlich grundierte Krimiereignis rundet, das zu sein die Serie in ihren Momenten vorgibt, oder ob es als letztlich hohler, überdrehter Spuk mehr Gruselhuberei als Substanz verströmt, bleibt fürs Erste offen.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "Freud".

Meine Wertung: 3/5

Die achtteilige erste Staffel von "Freud" ist seit 23. März 2020 im Angebot von Netflix verfügbar.


 

Über den Autor

  • Gian-Philip Andreas
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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Leserkommentare

  • Vritra schrieb am 25.03.2020, 17.50 Uhr:
    Ich war da nicht so hart im Nehmen. Der Bockmist wurde bei mir nach etwa 20 Minuten für immer und ewig abgeschaltet und der Pilot in der IMDb mit einem Stern bedacht.

    Für einen Österreicher mag das noch als okay oder gar gut durchgehen, mich und meine Mitseher hat es aber schon enorm genervt, dass das Ganze im Wiener Schmäh vertont war, der wirklich selbst für mich als Bewohner südlicher deutscher Gefilde und der selbst Schwizerdütsch problemlos versteht, nur unter höchster Konzentration verständlich war. Entspannter TV-Genuss sieht einfach anders aus.

    Krude trifft es auch ganz gut, dabei hatte ich mich auf ein echtes Highlight a la "Die Einkreisung gefreut". Die Enttäuschung war groß!
  • Informationen schrieb am 24.03.2020, 19.13 Uhr:
    Also ich habe als Österreicher die Serie komplett gesehen. Bin ja ein begeisterter Serien Fan. Gerade in den letzten Jahren ist sehr vieles gekommen. Angefangen mit Janus - 7 Folgen Ein Geheimnis gefolgt von M - Eine Stadt sucht einen Mörder aber auch Walking on Sunshine oder Maximilian - Das Spiel von Macht und Liebe wie auch Maria Theresia. Wirklich der ORF hat da Großes geleistet. Jetzt mit Freud wollte man einen modernen Anstrich machen, das Problem daran ist dass man das mit Freud machen wollte. So sehr ich auch den Acht Folgen und der Handlung wirklich mit Spannung folgte, so sehr hat es mich irritiert dass es hier um Freud geht. Wenn man es bei dieser Mini Serie belässt, kann man sagen man wollte eine neue Version zeigen von ihm mit gewissen Freiheiten. Doch wenn eine Fortsetzung kommt, sollte man sich ernsthaft überlegen mit welcher historischen Figuren man es hier zu tun hat. Das ist nicht M - Eine Stadt sucht einen Mörder, sondern wie Maximilian oder Maria Theresia.
 

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