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TV-Kritik/Review: "Widow's Bay": Maskenmörder und Meereshexen

Warum die für 19 Emmys nominierte Horrorkomödie bei Apple TV unbedingt sehenswert ist
Der eine ist skeptisch, der andere ahnt Schlimmes: Bürgermeister Tom Loftis (Matthew Rhys, l.) und Fischer Wyck (Stephen Root, r.) müssen sich erst noch zusammenraufen.
Apple TV
TV-Kritik/Review: "Widow's Bay": Maskenmörder und Meereshexen/Apple TV

Zu den größten Überraschungen des noch laufenden Serienjahres zählt die Apple-TV-Produktion  "Widow's Bay". Ganze 19 Emmy-Nominierungen konnten die zehn Episoden im Juli auf sich verbuchen - mehr als jede andere neu gestartete Serie der Saison. Der kuriosen Mixtur aus (Kleinstadt-)Horror und Komödie mit Matthew Rhys in der Hauptrolle gelingt das keineswegs Selbstverständliche: eine gelungene Fusion scheinbar unvereinbarer Elemente. Was sowohl an die Erzählwelten von Stephen King oder Steven Spielberg erinnert als auch an Workplace-Comedys à la  "Parks and Recreation", wird in "Widow's Bay" zu etwas erfreulich Eigenständigem. Wir stellen das Kleinod noch einmal genauer vor.

Beim Stichwort "Horrorkomödie" kommen meist die üblichen Verdächtigen in den Sinn:  "Ghostbusters",  "Beetlejuice",  "Tanz der Vampire" - Produktionen, die bekannte Klischees des Gruselfilms liebevoll parodistisch durch den Kakao zogen. Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass fast alle Horrorkomödien eher witzig sind als ernsthaft gruselig. Wenn das Setting so klar im Reich der Albernheiten abgesteckt ist, ist der Spuk, wenn er denn kommt, nur halb so schlimm.

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Bei "Widow's Bay" liegt der Fall endlich mal anders: In jeder der zehn Episoden gibt es mindestens eine Sequenz, die tatsächlich zum Fürchten ist. Selbst wenn sie dann nahtlos wieder ins Absurde, Sitcom-Lustige oder auch mal schlicht Alberne zurückspringt. Dass das funktioniert, ist ein echtes Kunststück - und sicher der Hauptgrund dafür, dass die ohne großes Effekte-Brimborium produzierte Serie nun so heftig im Preisrennen mitmischen darf.

Der erste große Coup ist die Hauptbesetzung mit Matthew Rhys. Der Schauspieler aus Wales ist auf der Leinwand und auf dem Bildschirm bekannt für "seriöse" Parts: Für seine Rolle als Spion in  "The Americans" gewann er einen Emmy, zuletzt war er im Thriller  "The Beast in Me" für einen Golden Globe nominiert. In "Widow's Bay" kann er nun zeigen, was für ein begnadeter Komiker er überdies ist. Er spielt Tom Loftis, den vom Festland zugezogenen Bürgermeister der titelgebenden Kleinstadt, die auf einer der neuenglischen Küste vorgelagerten Insel liegt. Noch ist er so neu im Amt, dass seine Ambitionen, den verschlafenen Fischerort zu einem angesagten Ferienort für reiche Ostküstenbewohner (à la Martha's Vineyard) aufzumöbeln, bislang noch nicht desillusioniert werden konnten.

Was soll schon schiefgehen? Patricia (Kate O'Flynn) wird zur Königin der Party.
Was soll schon schiefgehen? Patricia (Kate O'Flynn) wird zur Königin der Party. Apple TV

Rhys spielt Loftis in den komödiantischen Sequenzen herrlich überspannt - ein dauergenervter Behördenchef, der unter der Trantütigkeit seines skurrilen Team ebenso lautstark leidet wie unter der Provinzialität der von ihm regierten Bürger, die einem möglichen Zustrom neuer Touristen allenfalls wirtschaftlich etwas abgewinnen können, ansonsten aber lieber ihre Ruhe hätten. Denn auf dem Ort, dessen Name bereits ein gewisses Unheil mitschwingen lässt ("Bucht der Witwen"), lastet ein Fluch - wenn man denn der althergebrachten Schauermythologie Glauben schenken will, die sich tief ins Unterbewusstsein der lokalen Bevölkerung gegraben hat.

An dergleichen glauben will Loftis natürlich auf keinen Fall. Die ersten Episoden konzentrieren sich genau auf diesen Widerspruch: Auf der einen Seite steht er, der "rationale" Bürgermeister, der einem aus New York angereisten Szenereporter den Ort so vielversprechend wie möglich verkaufen will (und die Museumsführerin hastig unterbricht, als sie begeistert die auf der Insel einst durchgeführten Hexenverbrennungen referiert). Auf der anderen Seite steht der dem Alkohol zugeneigte Seebär Wyck (köstlich verknarzt: Stephen Root aus  "Barry"), der die alten Gruselgeschichten für bare Münze nimmt und vor dem Schrecklichen warnt, in das Loftis die Insel zu stürzen droht.

Matthew Rhys ist begnadet darin, seine Figur immer wieder in neue schauspielerische Aggregatzustände kippen zu lassen. Auf den Slapstick im Bürgermeisteramt folgen ruhigere familienkomödiantische Szenen, wenn es um Loftis' Teenagersohn Evan (Kingston Rumi Southwick,  "Aus Mangel an Beweisen") geht, der Widow's Bay noch nie verlassen hat. Loftis ist alleinerziehender Vater, seine Frau starb bei Evans Geburt - zumindest heißt es so am Anfang. Dass diese Erzählung revidiert werden muss, liegt am Hauptstrang der zehn Episoden, die nämlich handfest um die Schrecknisse kreist, die die Insel turnusgemäß heimsuchen - und die es erfordern, dass Rhys in diesen Sequenzen vom Komischen ins Panische rüberswitchen muss. Auch das gelingt ihm so vortrefflich, dass es auch beim Zuschauen auf der Couch zu schweißnassen Händen und abgenagten Fingernägeln führt. Meisterstück ist eine Folge, in der Loftis versehentlich sehr viele halluzinogene Pilze einnimmt und Rhys auf jede Gestik verzichtet: Fast eine komplette Episode lang spielt er nur mit seinen Augen.

Mitarbeiter des Monats? Für Rosemary (Dale Dickey) und Dale (Jeff Hiller) war der Job im Rathaus schon mal entspannter.
Mitarbeiter des Monats? Für Rosemary (Dale Dickey) und Dale (Jeff Hiller) war der Job im Rathaus schon mal entspannter. Apple TV

Folge für Folge nimmt sich Showrunnerin Katie Dippold, die 31 Episoden "Parks and Recreation" geschrieben hat, die beliebtesten Themen des klassischen Gruselfilms vor. Da geht es um ein Hotel, in dem es angeblich spukt und in dem sich der betont skeptische Loftis nachts einschließen lässt (keine gute Idee). Es geht um undurchdringlichen Nebel, der die Insel einhüllt, um eine Meereshexe, die angeblichen den Badenden nachsteigt, um eine Kirchenglocke, die zum Entsetzen des Pfarrers in der Nacht läutet, obwohl sie seit Jahrzehnten mit Seilen fixiert ist. Es geht um maskierte Killer, die um die Häuser schleichen, um ein tief unter der Stadt verborgenes Tor (zur Hölle?) - und sowieso um das Böse in vielerlei Gestalt.

Stephen Kings "Es" (und andere seiner Kleinstadterzählungen) liegen hier erkennbar um die Ecke, auch Steven Spielbergs  "Der weiße Hai" klingt mehrfach an, wenn es um Strandvergnügungen und Hochsee-Action geht. Wie in den besten Genrestücken wabert die Paranoia: Ist der freundliche Handelsvertreter (Gastauftritt von Tim Baltz aus  "The Righteous Gemstones") am Ende der berüchtigte Clownkiller? Steckt in der attraktiven Single-Touristin (Gastauftritt von Elizabeth Alderfer aus  "United States of Al"), die sich ernsthaft für Witwer Tom zu interessieren scheint, besagte Meereshexe? Und hat Loftis' eigene Familiengeschichte womöglich mehr mit all dem zu tun, als er sich lange eingestehen will?

Die zehn Episoden, zwischen 31 und 48 Minuten kurz, bringen das Kunststück fertig, diese Horrormotive idealtypisch mit den Comedy-Elementen zu verknüpfen, in den besten Momenten der Serie sogar mehrfach pro Szene hin- und herzuspringen. Verantwortlich dafür sind die großartig besetzten Mitarbeiter im Bürgermeisteramt: Da ist die gesichtsledrige Veteranin Rosemary (Dale Dickey aus  "Bookie"), die das Chaos um sie herum sarkastisch kommentiert und sich am Ende überraschend als Genealogie-Expertin bewährt; der schlaksige und dauerentgeisterte Dale (unnachahmlich: Jeff Hiller aus  "Somebody Somewhere"); die greise Ruth (K Callan - Supermans Mutter aus  "Lois & Clark" ist inzwischen 90!), die sich als unverwüstlich erweisen wird; und natürlich Toms Assistentin Patricia, herausragend (und definitiv preiswürdig) gespielt von der britischen Komikerin Kate O'Flynn ( "My Lady Jane").

Der altjüngferlichen Beamtin, die in ihrem Haus einsam vor sich hin lebt und alle potenziellen neuen Freunde mit der (unbelegten) Erzählung verprellt, sie selbst seit als Jugendliche um ein Haar von einem Serienkiller ermordet worden, gehören die vielleicht besten Sequenzen der ganzen Serie. In Episode 4 (dem unbestrittenen Highlight der Staffel) plant Patricia - gegen erheblichen Widerstand - eine große Jubiläumsparty, die sie, unter Anleitung eines mysteriösen Selbsthilfe-Buches, in ein exquisites Höllenspektakel verwandelt. O'Flynn kann in dieser Episode alles vereinen, was die Figur ausmacht: den ewigen Schmerz der von Kindesbeinen an gemobbten Frau, die Garstigkeit, mit der sie ihren Widersacher(inne)n begegnen kann und den Kampfgeist im Angesicht des entfesselten Irrsinns.

Sheriff Beshir (Kevin Carroll) will bald nur noch weg von der Insel - aus einem sehr persönlichen Grund.
Sheriff Beshir (Kevin Carroll) will bald nur noch weg von der Insel - aus einem sehr persönlichen Grund. Apple TV

Später in der Staffel darf Patricia dann noch eine halbe Episode lang quer durchs nächtliche Widow's Bay vor dem zurückgekehrten Killer flüchten. Auch hier vermengen sich surrealer Irrwitz, echtes Entsetzen und schauspielerische Meisterklasse aufs Allerschönste. Das sind Sequenzen, die hängenbleiben werden - was auch an der brillanten Inszenierung liegt. Fünf der zehn Episoden inszenierte etwa mit Hiro Murai einer der seit Jahren besten Musikvideo- und Serienregisseure. Unter anderem inszenierte er einige der aufregendsten Folgen der niemals genug zu feiernden Serie "Barry", die in ihrer Mixtur aus absurder Komödie und hartem Thriller ein ähnlich großes tonales Kunststück ablieferte. Bei derartigen Balanceakten hängt vieles am Timing - in der Regie und im Schauspiel. Hier wie dort wussten die Beteiligten offensichtlich, worauf sie hinauswollten.

Übrigens: Bei zehn Episoden gibt es Zeit und Raum für Abschweifungen in die Vergangenheit, genauer gesagt: ins Jahr 1702, zu Urereignissen, die aus Widow's Bay das gemacht haben, was es heute noch ist. Spoilern wollen wir nichts, doch können wir vermelden, dass mit Betty Gilpin ( "Glow") und Hamish Linklater ( "Midnight Mass") ein schaurig-schönes erstes Bürgermeisterehepaar des Dörfchens die Szenerie betritt und die Unterbrechungen der Haupthandlung allemal rechtfertigt.

Zugestanden, in der zweiten Hälfte der Staffel gibt es ein paar Momente, in denen sich das Geschehen zu ziehen beginnt; zu tun haben sie mit Loftis' Familiengeschichte, die erstaunlich tragische Züge annimmt. Letztlich aber sind diese Momente eben: Momente, also nichts, was der klug arrangierten Gruselkomödie ernsthaft den Wind aus den (im Nebel aufragenden) Segeln nehmen könnte.

Bemängeln könnte man allenfalls, dass den meisten Nebenfiguren bislang zu wenig Screentime eingeräumt wurde. Das betrifft sowohl die Mitarbeiter im Amt als auch die sonstigen Bewohner von Widow's Bay: der ängstliche Hotelbesitzer Kurt etwa, Historikerin Gerrie, der schrullige Arzt Dr. Morgan, der Wirt, der Cafébesitzer, der Deputy, die lästernden Hausfrauen. In den besten Augenblicken linst fast ein wenig  "Twin Peaks" oder  "Ausgerechnet Alaska" um die narrativen Ecken des schrägen Kleinstadtpanoramas. Insgesamt aber haben sie zu wenig Szenen. Selbst Sheriff Bechir (Kevin Carroll,  "The Leftovers"), offiziell eine Hauptfigur, bleibt bislang ein wenig unterbelichtet.

Das Gute ist aber: Schon vor dem Emmy-Nominierungsreigen hat Apple TV im Juni grünes Licht gegeben für eine zweite Staffel. Nun, da gewisse zentrale familiengeschichtliche Aspekte aus dem erzählerischen Weg geräumt sind, könnten diese Nebenfiguren eigentlich problemlos mehr Raum einnehmen. Verdient hätten sie es.

Meine Wertung: 4.0/5

Die zehnteilige Auftaktstaffel von "Widow's Bay" ist komplett bei Apple TV veröffentlicht und dort abrufbar.



 

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kom­mu­ni­ka­tions­wis­sen­schaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für TV Wunschliste rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

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