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TV-Kritik/Review: "Widow's Bay": Maskenmörder und Meereshexen
von Gian-Philip Andreas(23.08.2026)

Zu den größten Überraschungen des noch laufenden Serienjahres zählt die Apple-TV-Produktion
Beim Stichwort "Horrorkomödie" kommen meist die üblichen Verdächtigen in den Sinn:
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Der erste große Coup ist die Hauptbesetzung mit Matthew Rhys. Der Schauspieler aus Wales ist auf der Leinwand und auf dem Bildschirm bekannt für "seriöse" Parts: Für seine Rolle als Spion in

Rhys spielt Loftis in den komödiantischen Sequenzen herrlich überspannt - ein dauergenervter Behördenchef, der unter der Trantütigkeit seines skurrilen Team ebenso lautstark leidet wie unter der Provinzialität der von ihm regierten Bürger, die einem möglichen Zustrom neuer Touristen allenfalls wirtschaftlich etwas abgewinnen können, ansonsten aber lieber ihre Ruhe hätten. Denn auf dem Ort, dessen Name bereits ein gewisses Unheil mitschwingen lässt ("Bucht der Witwen"), lastet ein Fluch - wenn man denn der althergebrachten Schauermythologie Glauben schenken will, die sich tief ins Unterbewusstsein der lokalen Bevölkerung gegraben hat.
An dergleichen glauben will Loftis natürlich auf keinen Fall. Die ersten Episoden konzentrieren sich genau auf diesen Widerspruch: Auf der einen Seite steht er, der "rationale" Bürgermeister, der einem aus New York angereisten Szenereporter den Ort so vielversprechend wie möglich verkaufen will (und die Museumsführerin hastig unterbricht, als sie begeistert die auf der Insel einst durchgeführten Hexenverbrennungen referiert). Auf der anderen Seite steht der dem Alkohol zugeneigte Seebär Wyck (köstlich verknarzt: Stephen Root aus
Matthew Rhys ist begnadet darin, seine Figur immer wieder in neue schauspielerische Aggregatzustände kippen zu lassen. Auf den Slapstick im Bürgermeisteramt folgen ruhigere familienkomödiantische Szenen, wenn es um Loftis' Teenagersohn Evan (Kingston Rumi Southwick,

Folge für Folge nimmt sich Showrunnerin Katie Dippold, die 31 Episoden "Parks and Recreation" geschrieben hat, die beliebtesten Themen des klassischen Gruselfilms vor. Da geht es um ein Hotel, in dem es angeblich spukt und in dem sich der betont skeptische Loftis nachts einschließen lässt (keine gute Idee). Es geht um undurchdringlichen Nebel, der die Insel einhüllt, um eine Meereshexe, die angeblichen den Badenden nachsteigt, um eine Kirchenglocke, die zum Entsetzen des Pfarrers in der Nacht läutet, obwohl sie seit Jahrzehnten mit Seilen fixiert ist. Es geht um maskierte Killer, die um die Häuser schleichen, um ein tief unter der Stadt verborgenes Tor (zur Hölle?) - und sowieso um das Böse in vielerlei Gestalt.
Stephen Kings "Es" (und andere seiner Kleinstadterzählungen) liegen hier erkennbar um die Ecke, auch Steven Spielbergs
Die zehn Episoden, zwischen 31 und 48 Minuten kurz, bringen das Kunststück fertig, diese Horrormotive idealtypisch mit den Comedy-Elementen zu verknüpfen, in den besten Momenten der Serie sogar mehrfach pro Szene hin- und herzuspringen. Verantwortlich dafür sind die großartig besetzten Mitarbeiter im Bürgermeisteramt: Da ist die gesichtsledrige Veteranin Rosemary (Dale Dickey aus
Der altjüngferlichen Beamtin, die in ihrem Haus einsam vor sich hin lebt und alle potenziellen neuen Freunde mit der (unbelegten) Erzählung verprellt, sie selbst seit als Jugendliche um ein Haar von einem Serienkiller ermordet worden, gehören die vielleicht besten Sequenzen der ganzen Serie. In Episode 4 (dem unbestrittenen Highlight der Staffel) plant Patricia - gegen erheblichen Widerstand - eine große Jubiläumsparty, die sie, unter Anleitung eines mysteriösen Selbsthilfe-Buches, in ein exquisites Höllenspektakel verwandelt. O'Flynn kann in dieser Episode alles vereinen, was die Figur ausmacht: den ewigen Schmerz der von Kindesbeinen an gemobbten Frau, die Garstigkeit, mit der sie ihren Widersacher(inne)n begegnen kann und den Kampfgeist im Angesicht des entfesselten Irrsinns.

Später in der Staffel darf Patricia dann noch eine halbe Episode lang quer durchs nächtliche Widow's Bay vor dem zurückgekehrten Killer flüchten. Auch hier vermengen sich surrealer Irrwitz, echtes Entsetzen und schauspielerische Meisterklasse aufs Allerschönste. Das sind Sequenzen, die hängenbleiben werden - was auch an der brillanten Inszenierung liegt. Fünf der zehn Episoden inszenierte etwa mit Hiro Murai einer der seit Jahren besten Musikvideo- und Serienregisseure. Unter anderem inszenierte er einige der aufregendsten Folgen der niemals genug zu feiernden Serie "Barry", die in ihrer Mixtur aus absurder Komödie und hartem Thriller ein ähnlich großes tonales Kunststück ablieferte. Bei derartigen Balanceakten hängt vieles am Timing - in der Regie und im Schauspiel. Hier wie dort wussten die Beteiligten offensichtlich, worauf sie hinauswollten.
Übrigens: Bei zehn Episoden gibt es Zeit und Raum für Abschweifungen in die Vergangenheit, genauer gesagt: ins Jahr 1702, zu Urereignissen, die aus Widow's Bay das gemacht haben, was es heute noch ist. Spoilern wollen wir nichts, doch können wir vermelden, dass mit Betty Gilpin (
Zugestanden, in der zweiten Hälfte der Staffel gibt es ein paar Momente, in denen sich das Geschehen zu ziehen beginnt; zu tun haben sie mit Loftis' Familiengeschichte, die erstaunlich tragische Züge annimmt. Letztlich aber sind diese Momente eben: Momente, also nichts, was der klug arrangierten Gruselkomödie ernsthaft den Wind aus den (im Nebel aufragenden) Segeln nehmen könnte.
Bemängeln könnte man allenfalls, dass den meisten Nebenfiguren bislang zu wenig Screentime eingeräumt wurde. Das betrifft sowohl die Mitarbeiter im Amt als auch die sonstigen Bewohner von Widow's Bay: der ängstliche Hotelbesitzer Kurt etwa, Historikerin Gerrie, der schrullige Arzt Dr. Morgan, der Wirt, der Cafébesitzer, der Deputy, die lästernden Hausfrauen. In den besten Augenblicken linst fast ein wenig
Das Gute ist aber: Schon vor dem Emmy-Nominierungsreigen hat Apple TV im Juni grünes Licht gegeben für eine zweite Staffel. Nun, da gewisse zentrale familiengeschichtliche Aspekte aus dem erzählerischen Weg geräumt sind, könnten diese Nebenfiguren eigentlich problemlos mehr Raum einnehmen. Verdient hätten sie es.
Die zehnteilige Auftaktstaffel von "Widow's Bay" ist komplett bei Apple TV veröffentlicht und dort abrufbar.
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