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TV-Kritik/Review: "Clarice": "Schweigen der Lämmer"-Sequel eingezwängt im Procedural-Korsett
von Gian-Philip Andreas(24.02.2021)

Wer sich in einer neuen Serie auf etablierte Figuren stützt, möglicherweise sogar auf solche, die dem Kanon der wirkmächtigsten Charaktere der Popkultur zuzurechnen sind, der sollte schon was Neues, Frisches, vielleicht sogar Ungewöhnliches zu sagen haben. Im Fall des Romans "Das Schweigen der Lämmer" von Thomas Harris, erschienen 1988, ist ein solches Vorhaben allerdings besonders heikel: Erstens zählt die Verfilmung (1991) von Jonathan Demme auch heute noch zu den absolut besten Thrillern der Filmgeschichte. Zweitens kann man an der schillerndsten Figur von Film und Roman, dem kannibalistischen Psychiater Dr. Hannibal Lecter, beispielhaft aufzeigen, wie schmal der Grat zwischen Meisterwerk und Mumpitz ist, wenn man ergiebige Faszinationsquellen stets aufs Neue anzapft: Die
Jenny Lumet und Alex Kurtzman haben sich also fraglos mit einer riesigen Fallhöhe konfrontiert gesehen, als sie sich als Chef-Autoren daran machten, der anderen ikonischen Figur aus "Das Schweigen der Lämmer" ihre eigene Show zu verpassen:
Lumet (sie schrieb auch Jonathan Demmes

Das deutlich größere Problem ist allerdings der Elefant im Raum: Hannibal Lecter. Aus rechtlichen Gründen darf der Kannibale in der Serie weder vorkommen noch namentlich erwähnt werden, was Lumet und Co. zu einigermaßen ungelenken dramaturgischen Eiertänzen verleitet. So beginnt die Serie mit einem Besuch Clarices bei einem garstigen FBI-Therapeuten (Shawn Doyle), bei dem zwar die Ereignisse des Films im Schweinsgalopp durchdekliniert werden, die Traumatisierung der jungen Agentin aber einzig auf den von ihr gefassten Serienkiller zurückgeführt wird. Dass Hannibal Lecter, ihr "Mentor hinter Gittern", nach den grausigen Psychoduellen des Films fliehen konnte, seinen Kerkermeister verspeiste und nun auf bedrohlich freiem Fuß ist - es wird gar nicht thematisiert. Man muss diese Unwahrscheinlichkeit wohl mit einem Glas guten Chianti herunterschlucken und die Serie als Zwischenprogramm betrachten: Lecter wird, auch das ist durch Harris' Bücher vorgegeben, erst eine Dekade später wieder in Clarices Leben treten, in "Hannibal" (Film und Roman). Bis dahin wären also knapp zehn Staffeln Zeit für "Clarice".
Wie sich die gestalten können, wird nach der Therapiesitzung rasch deutlich. Da wird Clarice von der neuen Justizministerin (Jayne Atkinson aus
Ihre allesamt männlichen Kollegen im VICAP-Team wirken wie aus vergleichbaren Vorgängerserien hinüberkopiert, ihre überwiegend namhaften Darsteller wirken sträflich unterfordert: Kal Penn (

An der Team-Dynamik im
Gut sieht sie schon aus, die Serie - man könnte sagen:

Leider ist die Figur der Clarice Starling selbst ein nicht geringes Problem der Serie. Die australische Hauptdarstellerin Rebecca Breeds (Fantasy-Fans aus der dritten Staffel von
In Demmes Film wurde Clarice nur knapp skizziert, dabei aber so faszinierend gespielt, dass sich hinter dieser Skizze eine ganze Welt auftat. Das reichte. Wenn es schlecht läuft, birgt "Clarice" nun die Gefahr, diese Figur nachträglich zu beschädigen. Einerseits sollen wohl die Traumata der Figur Stück für Stück entblättert werden, andererseits wird Clarices Einzigartigkeit durch die Routine des Serienkorsetts aber regelrecht banalisiert. Schon in der zweiten Episode wird etwa die Lecter-Situation paraphrasiert: Da steht Clarice auf einer abgelegenen Farm dem Chef (Tim Guinee) einer Reichsbürger-Sekte gegenüber, der (jedem Psychopathen sein Spleen!) grüne Bohnen an Fäden aufhängt. Doch das Gespräch zwischen ihm und Clarice ist nur ein fader Abklatsch der legendären Quid-pro-quo-Spiele aus dem Film, und als Clarice dann auch noch die Fassung verliert, kommt man kaum umhin zu denken: Hmm, wenn's so leicht ist, Clarice Starling aus der Ruhe zu bringen, dass das selbst ein dahergelaufener Provinzwahnwichtel fertigbringt, dann war Hannibal Lecter vielleicht doch kein so genialischer Psychoschurke. Was für ein ernüchternder Gedanke. Und da wäre er dann auch schon wieder: der Elefant im Raum. Man denkt fraglos öfter an ihn, als es der Serie guttut.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie "Clarice".
Aktuell hat die Serie "Clarice" ihre Weltpremiere beim US-Sender CBS. Für Deutschland hat sich nach Angaben der Serienproduzenten die Seven.One Entertainment Group die Rechte gesichert. Dort hat man noch keine Ausstrahlungspläne verkündet.
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Leserkommentare
Lurch schrieb am 18.06.2024, 18.00 Uhr:
"Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Clarice“."
Herr Andreas kann wieder mal nach zwei Folgen die komplette Staffel beurteilen, aha.chris40 schrieb am 27.02.2021, 10.19 Uhr:
Dagegen zählen die drei Staffeln der NBC-Serie "Hannibal" mit Mads Mikkelsen in der Titelrolle zum Besten, was das Genre Psychothriller in den Zehnerjahren zu bieten hatte.ECHT???Ich als großer Fan vom SDL fand das grausam, langweilig und als eine Persiflage des Films.Sentinel2003 schrieb am 24.02.2021, 17.38 Uhr:
Also, nach diesern Kritik noch immerhin 3 Sterne!!!
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