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TV-Kritik/Review: "Here and Now": Holly Hunter und Tim Robbins überzeugen in Multikulti-Familienserie von "Six Feet Under"-Schöpfer
von Marcus Kirzynowski(27.03.2018/ursprünglich erschienen am 22.03.2018)

Lange Zeit war HBO vor allem bekannt für seine anspruchsvollen Dramaserien über dysfunktionale Familien, von den
"Here and Now" beginnt wie eine konventionelle Familienserie, wobei es einige Minuten dauert, bevor man versteht, dass diese Figuren unterschiedlicher Hautfarben, die die Pilotfolge einführt, tatsächlich alle zu einer einzigen Familie gehören. Das Ehepaar Bayer-Boatwright, gespielt von den Kinostars Holly Hunter (
Die erste Folge dreht sich hauptsächlich um die Vorbereitungen zur Geburtstagsfeier zum 60. von Familienvater Greg. Der hat selbst überhaupt keine Lust, seinen runden Geburtstag groß zu zelebrieren, steckt er doch mitten in einer veritablen Midlife Crisis: Seinen Job als Philosophieprofessor sitzt er gelangweilt ab, das eingeschlafene eheliche Sexualleben versucht er mit regelmäßigen Besuchen bei einem Luxus-Callgirl aufzupeppen, und generell ist er der Ansicht, dass es mit der Gesellschaft und der Menschheit eh langsam den Bach runtergeht. All die Kämpfe, die er und seine Ehefrau Audrey im Laufe ihres Lebens für eine bessere Welt gefochten haben, scheinen ihm in der Rückschau vergeblich. Anders als Audrey, die als Therapeutin und Schulpsychologin arbeitet und die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, etwas bewirken zu können. Während sich Greg also durch seinen Alltag quält, glaubt Sohn Ramon, langsam verrückt zu werden, sieht er doch ständig die Zahlenkombination 11:11 - wenn auch zuerst noch unspektakulär auf Uhren und stehengebliebenen Zeitzählern im Fitnessstudio. Dazu kommen seltsame Träume, in denen eine Frau in einer ihm unbekannten Sprache zu ihm spricht, bevor sie sich die Haut vom Gesicht zieht.

Die Handlung kumuliert auf der Familienfeier, als zunächst Greg während einer Rede seine Depressionen offenbart, bevor Ramon vollends durchdreht: In einer bedrohlich wirkenden Halluzination verwandeln sich die Flammen einiger Kerzen in die Ziffern 1111, die durch den Raum auf ihn zuschießen. Das führt Ramon samt Eltern zu einem Psychotherapeuten und gleichzeitig die Serie in eine metaphysische Richtung, kommen dadurch doch auch noch geteilte Erinnerungen von Menschen, die sich gar nicht kannten, ins Spiel. Diese kurzen Einbrüche von (Tag-)Träumen und Visionen gab es auch schon in "Six Feet Under" immer wieder, hier treibt Ball sie aber noch weiter. Was das Ganze zu bedeuten hat, wird sich wohl erst im Laufe der Serie offenbaren, es gibt ihr aber schon in den ersten Folgen eine interessante surreale Note. Auch davon abgesehen ist spätestens nach einer halben Stunde das alte SFU-Feeling wieder da, auch wenn "Here and Now" visuell viel moderner wirkt und inhaltlich die weiße Bestatterfamilie Fisher - ganz dem veränderten Zeitgeist folgend - der multiethnischen Freigeistfamilie Bayer-Boatwright Platz gemacht hat.
Aber die vertrauten Themen sind wieder da: Sinnsuche, Ehe und Partnerschaft, Homosexualität, Pubertät und die Suche nach selbstbestimmter Sexualität, geschwisterliche Beziehungen und generell die Familie als widersprüchliches Konstrukt zwischen einem Hort "bedingungsloser Liebe" (wie es auf einem von Audreys Sofakissen steht) einer- und erdrückenden Erwartungen andererseits. SFU-Fans werden außerdem einige Darsteller wiedererkennen, allen voran Peter Macdissi, in der Vorgängerserie der exaltierte Kunstprofessor Olivier Castro-Staal, jetzt als persischstämmiger Therapeut Dr. Farid Shokrani Teil des Hauptcasts. Durch ihn und seine Familie kommt noch das Thema Religion ins Spiel, ist er doch vor den Gräueln der Islamischen Revolution geflohen. Wenn sein Sohn Navid (Marwan Salama) sich als Transgender und gläubiger Muslim zugleich entpuppt, treibt es Ball vielleicht etwas zu weit mit seinem Ansatz, möglichst viele wichtige gesellschaftliche Themen im Rahmen einer Serie abzuarbeiten.

Das fällt aber nicht weiter ins Gewicht, ist er doch ein hervorragender Drehbuchautor, dem auch hier wieder interessante Figuren gelingen, an die man sich nur zu gerne gewöhnen würde. Und dann gibt es auch wieder diese typisch absurden Ball-Momente, etwa in der großartigen, völlig wortlosen Auftaktsequenz zur dritten Folge, als Greg auf der Autofahrt zu einer Konferenz einem Hirschen begegnet. Von der majestätischen Erscheinung des Tiers fasziniert, vergisst er für einen Moment seine Weltzweifel und will in die unberührte Natur des Waldes eintauchen. Doch die führt ihn schnell wieder in die bittere Realität zurück und zu der herrlichen Erkenntnis, die auch der Episode ihren Titel gibt: "Wenn ein Hirsch in den Wald scheißt, bedeutet das absolut nichts."
Auf dem Papier klingt das Konzept von "Here and Now" ein bisschen wie die Pay-TV-Variante der in den USA erfolgreichen modernen Familienserie
Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten vier Episoden der Serie "Here and Now".
Marcus Kirzynowski
© Alle Bilder: HBO
Die erste Staffel von "Here and Now" feiert aktuell noch in den Vereinigten Staaten bei HBO ihre Weltpremiere. Durch Sky Atlantic HD kommt die Serie ab dem 28. März nach Deutschland. Der Sender zeigt um 20.15 Uhr die erste Doppelfolge, danach gibt es wöchentlich eine neue Episode.
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