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TV-Kritik/Review: "Brave New World": Entertainment-Soma für das Volk
von Gian-Philip Andreas(02.08.2020)

Um festzustellen, dass sich die Popkultur derzeit gern in Dystopien aufhält, braucht es kein außergewöhnliches Ereignis wie die Corona-Krise. In der gesamten letzten Dekade wimmelte es nur so von Stoffen, in denen totalitäre Zukunftssysteme porträtiert wurden, von den
Wenn die Vorstellungen, die Autoren sich von der Zukunft machen, als Seismograf für gesellschaftliche Stimmungen taugen, dann scheint die Lage derzeit düster. Umso erstaunlicher, dass der vielleicht bekannteste dystopische Roman des 20. Jahrhunderts, "Brave New World" des Briten Aldous Huxley, bislang zu keiner nennenswerten Verfilmung führte. NBC ließ 1980 und 1998 zwar zwei dürftige und heute längst vergessene Fernsehfilme entwickeln (letzterer wartete immerhin mit Leonard Nimoy als Weltkontrolleur Mond auf), doch eine vergleichbar kanonisierte Umsetzung wie etwa
Der Weltentwurf des 1932 veröffentlichten Romans, der auch in Deutschland noch vielerorts im Englischunterricht behandelt wird, sei hier nur kurz zusammengefasst: In einem totalitär regierten "Weltstaat" der Zukunft gibt es kein Geld, keinen Krieg, keine Krankheiten mehr (das Wort "Virus" ist ausgestorben), Banalitäten wie Familie, Privatleben oder gar monogame Beziehungen sind strikt verboten. Die Menschheit pflanzt sich längst gentechnisch fort, lernt buchstäblich im Schlaf und organisiert sich in Kasten von A+ (Alpha plus) bis E- (Epsilon minus). Diese werden nicht hinterfragt, da das System jede Kritik ruhigzustellen weiß: Alle Menschen werden zum ständigen Konsum ermuntert, nicht zuletzt auch zum Sex mit ständig wechselnden Partnern. Stress oder Unzufriedenheit werden im Keim erstickt durch permanente Zufuhr von "Soma" - kleinen Glücklichmacherpillen, die die rosarote Weltsicht aufrechterhalten. Weit jenseits dieser trügerischen, von Weltkontrolleuren regierten "Brot und Spiele"-Utopie existiert allerdings das Land der "Wilden", in dem die Menschen noch so "wie früher" existieren und aus dem es dann schließlich "John the Savage" in die Glitzerwelt des Weltstaats verschlägt - was zu einer kleinen, aber am Ende temporären Disruption führt.

Eine Neu-Interpretation dieses Settings findet nun keineswegs im luftleeren Raum statt. An "Brave New World" (wie auch an "1984") wird längst aus diversen Richtungen ideologisch herumgezerrt: In der linken, progressiven Deutung etwa werden die konsumkritischen Aspekte des Romans hervorgehoben, rechte Kräfte instrumentalisieren diese Romane dagegen gern, um die darin ruhiggestellten, von "Neusprech" gegängelten Protagonisten mit unserer heutigen, angeblich mit Sprechverboten belegten Gesellschaft gleichzusetzen. Dieses Spannungsfeld böte jede Menge Ansatzpunkte für die Neuauflage, doch in den ersten Episoden der Serie findet sich davon nichts so recht wieder. Eher scheint es so, als habe man den Romanplot zwanghaft mit adrenalintreibenden Thriller-Elementen anreichern wollen.

Showrunner und

Diametral entgegengesetzt ist all dem die Lebenswelt von John the Savage (Ehrenreich): Er lebt als Aushilfs-Requisiteur im Land der Wilden, das sich hier, anders als im Roman, nicht als an die begrenzten Siedlungsgebiete von Native Americans angelehntes "Reservat" präsentiert, sondern als deutlich an "Westworld" angesiedelter Retro-Vergnügungspark für Entertainment-süchtige Weltstaat-Urlauber, die dort mal erleben wollen, wie die Welt früher aussah, als noch Gewalt, Kapitalismus und, herrje, Liebe existierten. Wie im Roman lebt John inmitten anderer ärmlicher Arbeiter ohne Soma-Zufuhr, seine Mutter Linda (Moore) torkelt angeschickert und mit strähnigem Blondhaar im Nachthemd durch ihre ärmliche Wohnhütte. Lenina und Bernard werden bei einem verordneten Zwangsurlaub im "Savage Land" auf John stoßen - und diesen mit nach London nehmen, wo dieser wie weiland der aus dem Dschungel in die Großstadt verpflanzte Tarzan zur Sensation wird (und nicht klarkommt).

Die Ausgestaltung des Vergnügungspark-Reservats bietet interessante Ansätze - etwa wenn die Alpha-Urlauber zum "House of Want" gekarrt werden, um dort fasziniert einem Re-Enactment heutiger Black-Friday-Einkaufsschlachten (mit sich um Heimelektronik-Angebote prügelnden Käuferhorden) zuzuschauen, oder wenn sie im "House of Monogamy" staunend dem längst ausgestorbenen Ritual einer Hochzeit wie einem ethnologischen Spektakel beiwohnen, wenn sie erstmals ausgestorbene Tiere wie Rehe oder Bären sehen oder wenn aus dem belesenen Popé des Romans ein Plattenverkäufer (Richard Brake,
Doch andererseits läuft vieles von dem, das die Autoren dem Originalplot hinzugedichtet haben, merkwürdig aus dem Ruder: So wird der offiziell unmögliche Selbstmord eines Epsilon-Arbeiters in London zum Mystery-Plot aufgeblasen (mit Joseph Morgan aus

Ob diese freien Anreicherungen vorwiegend dabei helfen sollen, den gar nicht mal so umfangreichen 300-Seiten-Roman auf neun Episoden (oder gar mehr?) strecken zu können, oder ob sie noch clever mit den bekannten Elementen des Originalplots zusammenfinden werden, darüber kann man nach den ersten Episoden natürlich nur spekulieren. Sie bergen aber zweifellos die Gefahr, dass sie die dystopische Erzählung zur Kolportage verkleinern. Fast wirkt es so, als wollten die Macher den spektakelgewohnten Zuschauern nun selbst jede Menge Entertainment-Soma einflößen, um bloß jede Spur von Langeweile von vornherein zu verhindern. Nach dem Motto: Philosophische Erwägungen gern, aber nicht zu viel - und dann bitte her mit der bunten Thriller-Pille. Wenn es darum geht, wäre das ziemlich das Gegenteil dessen, was aus Huxleys Text mitzunehmen ist.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von "Brave New World".
Das als neunteilige Miniserie angekündigte "Brave New World" wurde in den USA Mitte Juli 2020 beim Streaminganbieter Peacock veröffentlicht. Eine deutsche Heimat steht bisher noch nicht fest.
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